PETER ANDROSCH: Musikstadt Linz
Ich glaube, daß das Zitat aus einem Thesenpapier zur Kulturentwicklung in Linz nur in Teilbereichen zutrifft.

Der Begriff Musikstadt beinhaltet für mich vor allem das Vorhandensein eines großen schöpferischen Potentials in diesem Bereich, das ich allerdings schwerlich erkennen kann. Wenn Musikstadt heißt, daß eine regelmäßige veranstalterische Tätigkeit aufrecht erhalten wird, dann könnte der Begriff auf Linz zutreffen. Das Brucknerhaus, das Landestheater und der Posthof decken einen breiten Bereich musikalischer Veranstaltungen ab. Doch - bis auf Ausnahmen - ist der Betrieb in diesen Orten geprägt von Verwechselbarkeit, ja Auswechselbarkeit. Es gibt nahezu nichts, weshalb Besucher von auswärts aus musikalischen Gründen nach Linz kommen sollten.

Wenn es das Ziel gibt, Musikstadt zu werden, sollte es gelingen, die Abwanderung des kreativen Potentials zu bremsen. Das gelingt allerdings nur, wenn das Klima, die Arbeitsmöglichkeiten und die Förderungstätigkeit der öffentlichen Institutionen dies erlauben. Das ist in Linz allerdings nur bedingt der Fall.

In der städtischen Kulturpolitik sehe ich Zielsetzungen, welche meist gesellschaftspolitische sind (z.B. Linz-Fest, Pflasterspektakel, Posthof-Programmgestaltung). Eindeutig kulturelle, ja künstlerische Schwerpunkte sehe ich nicht. Und da Musik eine Kunst ist, sind folgerichtig die Arbeitsbedingungen in dieser Stadt nicht die allerbesten. Wenn ich - was aufgrund der ähnlichen Größe erlaubt sie - die Situation mit Graz vergleiche, sehen wir den Unterschied. Eine Reihe relevanter zeitgenössischer Komponisten lebt in Graz, findet dort Präsentationsmöglichkeiten als internationales Schaufenster.

Natürlich spiegelt sich darin die unterschiedliche Geschichte der beiden Städte. Aber nicht nur sie ist dafür verantwortlich, daß die Mehrzahl der fähigen Musiker und Komponisten aus meiner Generation (zw. 28 u. 38 Jahren) nach Wien oder eben nach Graz abgewandert ist bzw. abwandern mußte.

Wenn die Weichen Richtung "Musikstadt", wie ich sie verstehe, gestellt werden sollen, wären viele Bedingungen zu erfüllen:

Linzer Musiktheater
Antwort auf das Konzept "Temporäres Theater" von Harald Schmutzhard: "Musik-Theater Oberösterreich. stationär - temporär - virtuell". Ein Diskussionspapier erstellt für die Grünen Linz:

  1. Ich glaube auf Grund meiner bisherigen Erfahrung nicht, daß ein Konzept wie das Temporäre Theater in der Realität funktioniert. Wie wir wissen, kommen neue Ideen nahezu niemals aus einem Apparat, sei er noch so gut strukturiert, sondern aus der Unabhängigkeit. Gerade "Die Achse des Ofens", welche ich mit Kurowski und Dörr realisiert habe, und die Sie als Beispiel zukünftiger Arbeit anführen, ist der Beweis für die Abhängigkeit jeglicher Qualitätsproduktion im künstlerischen Bereich von der Individualität.

  2. Die Einführung einer Verwaltungsstruktur - in welchem Sinne auch immer - wird mit gnadenloser Zwangsläufigkeit eine Behinderung solcher Projekte mit sich bringen. Wenn Sie in Zukunft nicht entstehen, ist die künstlerische Potenz in OÖ einfach zu klein.

  3. Zur Förderung freier Produktion in diesem Bereich taugt vielmehr eine allgemeine Ermutigung durch die oö. Kulturpolitik.

  4. Das geplante Haus im Schloßberg halte ich für einen Jahrhundertstreich. Wenn es durch gute Architekten gebaut wird, freue ich mich.

  5. Befürchtungen zu diesem Projekt sind jedoch in vielen Bereichen berechtigt. Auslastung, künstlerische Linie, Personalpolitik: Ich bin der Meinung, daß die künstlerische Qualität eines Hauses ausschließlich von der Qualität und der Unabhängigkeit des Führungspersonals abhängt. Diese Qualität der Intendanz schließt auch Allianzen mit anderen Veranstaltern, mit freien Gruppen und Künstlern ein. Die Abgeschottetheit und das Desinteresse der jetzigen Landestheaterführung wird sich wohl leider fortsetzen. Klagen über materielle Mängel sind ja meistens Ausrede und oft Zeichen fehlender kreativer Planung. Z.B. könnten schon im bestehenden Haus eine Reihe von Opern aus der Moderne mit kleineren Besetzungen gespielt werden. Krankhaft wird allerdings meist an der sogenannten großen Oper festgehalten. Wozu? Ich setze mich in den Zug fahre zwei Stunden und sehe in Wien Aufführungen internationaler Qualität. Für ein weiteres großes Opernhaus mit traditioneller Programmierung ist Österreich zu klein. Der Bedarf ist gleich null. Allen, die das wollen, sollte 50 Jahre ein First-Class-Shuttle Dienst zur Staatsoper bezahlt werden. Das wäre um vieles billiger.

  6. Das Hauptproblem: Finden die politisch Verantwortlichen endlich den Mut, eine qualifizierte Führungsmann/frau/schaft mit den nötigen Kompetenzen auszustatten? Doch die Furcht des Apparates dürfte die Lähmung prolongieren. Solange diese Situation bleibt, ist eigentlich völlig egal, in welcher Form das Geld hinausgeschmissen wird.

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