Nachdem 1901 in Oberösterreich die erste Trachtenvereinsgründung war, folgte in den darauffolgenden Jahren ein wahrer Gründungsboom überwiegend nach oberbayrischer Art.
Die "erste Wende" war in den 30er Jahren und es war dies sicher eine politische, da die Trachtenvereinigungen so ziemlich alle politischen Tendenzen mitgemacht haben. Zu Beginn waren die sogenannten "Kaisertreuen", dann die Mitglieder, die bürgerlich waren und die "Arbeitertrachtler". 1934 war eine große Wende und zwar für jene Vereine, die sich "Arbeitertrachtler" nannten. Es hat auch in OÖ. nicht wenige gegeben, und sie waren natürlich politisch "rot" ausgerichtet. Dieswar ein großer Nachteil, der sich über viele Jahre hinzog, bis sie schließlich am 12. 2. 1934 durch das Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei aufgelöst wurden. Die "zweite Wende" war wieder eine politische, und zwar 1938 zu Beginn der NS-Zeit. Als die Trachtenvereinigungen (es waren damals hauptsächlich nur Vereine und keine Gruppen oder lose Vereinigungen) der NS-Organisation "Kraft durch Freude" angeschlossen wurden und dadurch ihrer österreichischen Heimat entwurzelt wurden. Die "dritte Wende" erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Menschen, die sich wieder zusammengefunden haben, beschlossen, nie mehr wieder so intensive Parteipolitik in den Trachtenvereinigungen zu betreiben. Es erfolgten die ersten satzungsmäßigen Änderungen bei den OÖ. Oberverbänden und Vereinigungen, weg von den reinen Geselligkeitsvereinen hin zu den Kulturvereinigungen besonderer Art. Der Stellenwert war und ist in allen neun Bundesländern verschieden; es gibt heute noch Bundesländer, in denen die Trachtenvereingungen kaum in Erscheinung treten.
Bevor ich aber auf die Zeit nach 1945 genauer eingehe, muß ich kurz die NS-Zeit streifen. Nach dem Einmarsch Hitlers 1938 wurde in den Vereinigungen kommissarische Leiter eingesetzt. Der kommissarische Leiter war meistens in irgend einer Form ein Vereins- oder ein Verbandsmitglied und war ein politisches Aufsichtsorgan. Dann wurde der kommissarische Leiter meistens als Obmann des Vereines eingesetzt und die Tätigkeiten der Trachtenvereinigungen wurden vom kommissarischen Leiter vorgegeben. Im Laufe der Kriegsjahre lösten sich natürlich viele Trachtenvereine auf, weil die Männer in den Krieg zogen. Einige existierten den ganzen Krieg hindurch. Außerdem wurde am 15. November 1940 das allgemeine Tanzverbot ausgesprochen und es war somit die Haupttätigkeit der Vereine untersagt.
Einen Teilbereich dieser NS-Zeit möchte ich noch herausstreichen, weil er meiner Anschauung nach sehr wichtig ist, das ist die "Trachtenpflege". Der "NS-Trachtenpflege" ging es nicht um die Bewahrung der noch vorhandenen Trachten, obwohl bei NS-Propagandafilmen relativ viele Dirndlkleider, Trachten und Lederhosen zu sehen waren. Die NS-Zeit wollte eine Neuschaffung der Trachten und zwar nach dem System der Urtracht, germanisch ausgerichtet, es sollte eine Art Nationaltracht sein. Außerdem war die NS-Zeit nicht so sehr an der Tracht als solches interessiert, da die Tracht ja die Zugehörigkeit zu den einzelnen Vierteln und Regionen ausdrückt, und genau das wollte man nicht. Außerdem hatte die NS-Zeit die Uniformen, die viel wichtiger waren als die Volkskleidung. Es hatte die sogenannte Trachtenerneuerung, wie wir sie heute in ganz Österreich kennen, damals nicht gegeben, obwohl Ansätze vorhanden waren. In der NS-Zeit waren für Volkskultur verschiedene Dienststellen zuständig, über die Ahnenforschung sogar die SS. Der Umstand, daß sich die zuständigen NS-Dienststellen konkurriert haben, hat es dann Gott sei Dank irgendwie von selbst verhindert, daß nie richtig durchgegriffen werden konnte. Außerdem wollte das NS-Regime den ganzen Menschen erfassen. Auf einer Berliner Kundgebung sagte der Leiter des Reichsbundes "Volkstum und Heimat" und des Amtes Volkstum und Heimat der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" Parteigenosse Werner Haverbeck: "Der Naitonalsozialismus könnte sich nicht mit der Erreichung politischer oder sozialer Ziele begnügen, er wolle den ganzen Menschen erfassen. Der Nationalsozialismus will die deutsche Volksseele in ihrer Totalität ergreifen und auf den Kräften von Heimat und Ahnenerbe von Blut und Boden gestalten." Ein Gedanke, bei dem es mir heute noch kalt über den Rücken läuft. Dazu kommt noch die Tatsache, daß die illegale Uniform der Nationalsozialisten in Oberösterreich ein weißes Hemd, die graue Lederhose, weiße Stutzen und die braunen Schuhe waren. Ich betone das besonders, weil ich gegen diese Art von Tracht sehr allergisch bin.
Und jetzt zum eigentlichen Thema. Die Männer kamen vom Krieg und aus der Gefangenschaft nach Hause, fanden nach diesem Inferno wieder zusammen und fingen wieder an, Vereine zu gründen. Eigentlich unter dem Motto die Heimat habe ich wieder, weniger unter dem Gedanken die Heimat hat mich wieder. Sie hatten zu Österreich kaum mehr eine Beziehung, da der Krieg und die reichsdeutsche Zeit vieles wegradiert hatte. 1946 fingen die meisten Trachtenvereine mit igendwelchen gefärbten Stoffen wieder an, wahllos Pseudotrachten oder trachtenähnliche Kleidungsstücke herzustellen. Von den grauen Militärstoffen haben wir die ersten Trachtenanzüge anfertigen lassen. Meistens im Stil eines Steireranzuges. Es gab Vereine, die sich die "Kurzhoserten" nannten. Das waren die Schuhplattlervereine, die die kurze Lederhose trugen. Sie richteten sich hauptsächlich oberbayrisch aus. Es gab als Tätigkeit nur Vereinstänze, kaum Volkstänze, sehr viel Geselligkeit und auch sehr viel Uneinigkeit. Dann gab es die "Langhoserten", die die Bauerntrachten mit langer Lederhose oder langer schwarzer Hose trugen. Die Volkstrachtenvereine beanspruchten für sich die Bodenständigkeit, - sie haben damit auch recht gehabt. Mit der kurzen Lederhosentracht war es anders. Es wurde kaum ein öffentliches Jahresbrauchtum gepflegt. Es war eigentlich eine Abkapselung in den Vereinigungen. Am 20. Oktober 1946 war in Linz die erste Gründung einer Oberorganisation. 1947 wurde der Landesverband der Heimat- und Trachtenvereinigungen in Oberösterreich ins Leben gerufen. Diese Gründung ging nicht sehr reibungslos vor sich. Es waren die Vertreter des Salzkammergutes, die die Vorherrschaft in dieser Oberösterreichischen Organisation haben wollten. Auch ist die Tatsache aufgetaucht, daß es auf einmal wieder politische Vereine gab. Und zwar in der russischen Besatzungszone in Urfahr. In der Kommandantur (Hotel Achleitner) waren ein oder zwei Linzer Trachtenvereinigungen untergebracht. Es kam dann auch zur Gründung von Verbänden in Wels und Braunau. Interessant ist, daß bereits 1947 die Innviertler Trachtenvereinigungen um einen Grenzübertrittsschein angesucht haben, um nach Bayern zu Festveranstaltungen fahren zu können. Die Besatzungsmächte, ob es jetzt die Russen oder andere waren, hatten den Auftrag, die Kultur in Österreich und natürlich auch in Oberösterreich wieder - und zwar sehr schnell - zu beleben. Sie erkannten sofort, wenn sie die Kulturtätigkeit schnell aufnehmen, den Menschen Spiele zeigen und Kultur nahe bringen, daß dann in der Bevölkerung sehr schnell eine positive Wandlung vor sich gehen wird. Die russische Kommandantur hat sogar einem Urfahraner Trachtenverein angeboten, an den Weltjugendspielen in Moskau, teilzunehmen. So kam es, daß auch diese Trachtenvereinigungen wieder von der russischen Besatzungsmacht abhängig wurden. Sie wurden finanziell gefördert und mußten den Russen kulturell dienen. Diese Vereine haben sich früher oder später wieder aufgelöst.
So und jetzt zur eigentlichen "dritten Wende". Das typische für diese "dritte Wende" ist, daß man dieses Mal sagen kann, daß es eine kulturelle Wende war. Die Vereinigungen haben sich zusammengefunden, um kulturelle Tätigkeiten durchzuführen und ihren Tätigkeitsbereich zu vergrößern. Es kam sozusagen zum Aufbruch der Tradition. Der damalige Landesverbandsobmann Dr. Ludwig Walter aus Ampflwang schrieb in der Zeitschrift "Heimat und Volk": "Ihr Trachtlerinnen und Trachtler sollt Eure Tracht als Ehrenkleid ansehen, sollt sie sauber erhalten, soll Euch so wie unsere Väter und Mütter bei Festen und Festzügen und auch im öffentlichen Leben als Vorbilder zeigen. Die Welt, die der Trachtenbewegung fern steht, wird mit Hochachtung auf Euch schauen und um dies zu erreichen, ist Selbsterziehung erstes Gebot. Obmänner! Beginnt in den Übungsstunden mit den Vorträgen über die Heimatgeschichte Eures Ortes, lehrt den Trachtlerinnen und Trachtler mit offenen Augen die Heimat zu sehen. In jedem Gemeindeamt, in jeder Schule in jedem Pfarramt befindet sich eine Ortschronik, leiht Euch diese aus und lest in den Übungsstunden Ausschnitte aus der Ortschronik. Ihr werdet sehen wieviele Sitten und Gebräuche in Eurer eigenen Gemeinde existieren".
Nun möchte ich einige Aktivitäten aus dem Zeitraum der Erneuerung stichwortähnlich wiedergeben. 1948 wurden die ersten Funktionärsschulungen angeboten. Die erste Obmännerschulung war 1950. Von da an gab es regelmäßig Funktionärsschulungen, die sogenannten Pfingsttagungen. Hofrat Dr. Lipp wurde dann als Trachtenfachmann herangezogen. Hofrat Dr. Comenda hat sich sehr stark mit dem Brauchtum und dem Tanz befaßt. Bei diesen Tagungen war immer wichtig, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. 1951 wurde vom Heimatwerk die erste Trachtenmappe aufgelegt. 1952 wurden die ersten Tätigkeitsberichte herausgegeben und jeder Verein mußte einen Jahrestätigkeitsbericht abgeben, um die Gesamtheit und die Kraft unserer Gemeinschaft herauszustreichen. Es wurde die erste Subvention vom Linzer Heimatwerk in der Höhe von S 2.000,-- verbucht. Ein Jahr darauf wurden die sogenannten "Saufvereine" aus den Oberorganisationen ausgeschlossen. Der Verband Linz hat bei der Generalversammlung auf einmal sieben Vereine ausgeschlossen. 1954 wurden die ersten Bruderschaften mit niederbayrischen Vereinigungen und dann auch mit oberbayrischen Vereinigungen durchgeführt. In den Führungsschichten ging ein Generationswechsel vor sich, und schließlich wurde der Beitritt zum damaligen oberösterreichischen Volksbildungswerk, dem heutigen "Institut für Volkskultur", verwirklicht. Dort haben die Trachtenvereinigungen und die Oberorganisationen die richtige Stütze und das nötige Rüstzeug für die Kulturarbeit gefunden. Die Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen begann. Die Vereinsnamen wurden an heutige Verhältnisse angepaßt. 1957 wurden die ersten Umweltaktivitäten gesetzt, die Baumpflanzungen mit der damaligen sogenannten grünen Front, die die Trachtenvereine über viele Jahre jährlich durchgeführt haben, begannen. In den anschließenden Jahren wurden Fachreferenten ausgebildet. Die oberösterreichische Jugendgemeinschaft wurde gegründet. "Jugend weg vom Gasthaus" hat es geheißen. 1968 wurde das Landesverbandsmitteilungsblatt geschaffen. Von da an gab es die Möglichkeit, Kulturbeiträge, Vereinsberichte, Erwachsenenbildung usw. den Mitgliedern schriftlich näher zu bringen. Die Siebenbürger Jugend, die Donauschwaben, die Rumaer, der Innviertler Volksmusikkreis und andere wurden als neue Mitglieder aufgenommen. Eine Landesverbandsbücherei mit heute ca. 650 Bänden wurde angelegt. Die ersten Rundfunksendungen wurden durchgeführt. Prof. Dr. Fochler, der damalige Volkskundler des Radio OÖ. machte mit uns eine Dreiviertelstundensendung "Aus oberösterreichischem Volksleben". 1970 eine große Naturschutztagung. 1972 war ein Umweltseminar mit Flurreinigung. Ein großes Vorhaben bei der Welser Messe war die Ausstellung "Heimat Österreich" mit einem großen Landesverbandsfest. Die Zeitungen haben damals in ihren Schlagzeilen geschrieben "Die Heimat zog durch Wels" - "Wels stand Kopf" - "Fest der 80.000" usw. Dann die ersten Begegnungsabende mit Gastarbeitern. Beitritt zur Weltorganisation "CIOFF". 1976 - erste Zentraleuropatagung in Linz. Beitritt zur Weltorganisation. "Internationale Organisation für Volkskunst". Es wurde die Behinderten- und Altenbetreuung forciert. 1981 wurde die Trachtenvereinsjugend eigenständiges Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft oberösterreichischer Jugendorganisationen. Eine Jugendsternfahrt zum KZ Mauthausen wurde durchgeführt. 1987 Friedensveranstaltung und Enthüllung einer Gedenktafel in St. Ulrich bei Steyr. Übergabe des Friedenslichtes an Abordnungen der Staaten Deutsschland, Italien, Schweiz, Tschechoslowakei und Ungarn. Spendenaktion "Oberösterreicher helfen Oberösterreicher". 1979 Unterschriftenaktion zur ORF Rundfunksendung "G'sungen und g'spült", da diese aufgelassen werden sollte. Städtepartnerschaften, Folklorefestivals, Tag des Volkstanzes und der Tracht, Klleindenkmalpflege, Kreatives Arbeiten usw. Gleich nach der Grenzöffnung nach Osten wurden die Verbindungen hauptsächlich mit Ungarn und der Tschechoslowakei aufgenommen. Es wurden Tagungen in Böhmen abgehalten. Ungarische Vereine kamen zweimal nach Österreich, um sich zu informieren wie bei uns die Organisation aufgebaut ist. Die Hilfsaktionen der Siebenbürger-Jugend sind besonders bewährt.
All diese Erfolge waren natürlich auch überschattet von Rückschlägen. Ein großer Rückschlag der damals als Fortschritt angesehen wurde - war der sogenannte Besatzungstourismus. Die Besatzungsmächte wollten immer wieder unterhalten werden, und der angebotene Kitsch konnte gar nicht groß genug sein. Uns hat es zum Teil auch gefallen, weil es bares Geld und vor allen Dingen Essen gab. 1960 hat die Stadt Linz das Aufstellen eines Maibaumes mit der Begründung untersagt: Linz sei eine aufstrebende Industriestadt und hat mit Tradition nur mehr wenig zu tun. Die Stadt Linz lehnte die Beteiligung an den Volkskunstfestspielen der Donaustaaten ab. Der Pfarrer in Feldkirchen verweigerte 1950 dem Trachtenverein die Weihe der Fahne. Der Verband Salzkammergut tritt wegen Unstimmigkeiten aus dem Landesverband aus. Es wurden schlechte Heimatabende gemacht. Volkskundler nannten uns verkorkste Traditionsvereine. Die Trachtenordnung war so streng, daß man davon gesprochen hat, den Mädchen künstliche Zöpfe hinaufzustecken, der sogenannte "Bubikopf" (der Kurzhaarschnitt bei den Frauen) war eigentlich verpönt.
Wie ist die Situation heute: Jeder Verein ist vollkommen autonom und ist in den einzelnen Regionalverbänden Mitglied, im Landesverband, im "OÖ. Forum Volkskultur", im "Bund der österr. Trachten- und Heimatverbände", im "Forum Volkskultur Österreich", in den internationalen Organisationen "CIOFF" und "IOV" organisiert.
Zum Abschluß noch einige Zahlen: Rund 300 Gruppen mit ca. 10.000 Mitgliedern (inklusive des Salzkammergutes), davon ca. 2.000 Mitglieder unter 25 Jahren, haben in dieser Zeit ca. 100.000 Aktivitäten gesetzt. Angefangen vom Jahresbrauchtum bis hin zum Vereinsheimbau. Dabei haben ca. 1,2 Millionen Personen mitgewirkt und ca. 6 - 10 Millionen Besucher dieses Geschehen mitverfolgt. An die 600 internationalen Kontakte wurden gepflegt; wie gigantisch der volkswirtschaftliche Wert über die Umwegrentabilität ist, kann man sich vorstellen.
Ein paar Sätze vielleicht noch zur Zukunft. Wir sind bereits an der Schwelle der "vierten Wende", angefangen vom Mut zur Veränderung, über die EU, bis hin zur neuzeitlichen Kultur. Das alles wird Veränderungen bringen, die kulturell gesehen, interessant werden.
Abschließend noch ein Zitat von Georg Götsch, das von mir etwas abgeändert wurde: "Ich lobe mir unsere Trachtengemeinschaft, denn sie bindet Leib, Geist und Seele zur Einheit Mensch. Bindet den einzelnen Menschen neu zur Gemeinschaft. Bindet die Gemeinschaft neu an Raum und Zeit".
In diesem Sinne habe ich Träume. Träume von einer gestaltungskräftigen Trachtengemeinschaft und einer Zeit, die nie und nimmer Kultur einem Diktat unterwirft und die dazugehörenden demokratischen Richtlinien in Frage stellt.
*) Dieser Text ist ein Abdruck des Referates, das der Autor am 21.10.1995 gehalten hat.
