PETER KRAFT: Linz - eine Literaturstadt?

Die Frage zielt auf ein erst sich entwickelndes Phänomen ab, das in Ansätzen sichtbar wird.

Eine Literaturstadt findet sich in erster Linie dort, wo Schriftsteller/innen leben und wirken; ferner dort, wo Literatur produziert, gefördert und veranstaltet wird.

Zur Förderung von Literatur sind öffentliche Einrichtungen, ein adäquates Publikum, lebenskräftige Selbstorganisation der Autorenschaft in Vereinen und ein wirtschaftlich erfolgreicher Markt unerläßlich. Erst wo alle diese Faktoren zusammenwirken, entsteht so etwas wie ein günstiges literarisches Klima.

Im Hinblick auf Linz muß die Grundfrage lauten: Wie weit ist hier wirklich, im Sinn von Produktion und Praxis, von einer Literaturstadt zu sprechen? Und: Wie weit wird hier Literatur, als das uns alle gemeinsam betreffende brennende Humanum, der Angelpunkt, aus dem heraus Gesellschaft lebt und Konflikte austrägt, überzeugend eingebracht?

Wirkungsort, Heimat von Schriftstellern, Schriftstellerinnen Linz zeigte unverkennbar in der Vergangenheit - da Residenzstadt nur vorübergehend, auf Zeit - provinzielle Züge. Die Literaturprovinz beherbergte auf Dauer kaum Persönlichkeiten von europäischem Format, so Adalbert Stifter und als großer Autor des wissenschaftlich-philosophischen Bereiches, Johannes Kepler. Alles übrige zählte nur nach kurzen Aufenthalten oder Geburtsherkünften (wie etwa bei Hermann Bahr).

In der Gegenwart sind mit größter Mühe nur Marion Jerschowa, weiter Waltraud Anna Mitgutsch und Gertrud Fussenegger, beide in Leonding am Linzer Stadtrand lebend, als wesentlich jüngere Namen aber Thomas Baum, Rudolf Habringer, Walter Pilar und der Publizist Peter Klimitsch als freiberufliche Autorenschaft ohne Nebenmetier festzustellen. Der Dramatiker Harald Kislinger, heute freiberuflich, war die längste Zeit Spitalsangestellter, das Ehepaar Friedrich Ch. und Roswitha Zauner, beide ungetrübte Freiberufler, zählen zur Literaturszene mit Wohnsitz außerhalb von Linz, in der Tiefe des oberösterreichischen Raumes. Dennoch agiert Friedrich Ch. Zauner, der Präsident des oberösterreichischen PEN Clubs, als literarischer Veranstalter vorwiegend von Linz aus.

Führende, qualitativ hochrangige Autoren wie Alfred Pittertschatscher, Heimrad Bäcker, Franz Rieger, Franz Kain und Franz Josef Heinrich kommen aus Brotberufen wie denen des ORF-Mitarbeiters, des Volksbildners, des Bibliothekars, des Journalisten und des Versicherungsangestellten.

Schrifstellerische Existenz setzt sich lebensnotwendig aus zwei Grundelementen zusammen. Diese sind benannt mit beruflicher Freiheit eines Schreibenden einerseits und mit materieller Unabhängigkeit, um schreiben zu können, andererseits.

Einer Minimalzahl an freiberuflichen Autoren und Autorinnen in Linz steht die überwiegende Mehrzahl von literarischen Nebenerwerblern oder ohne Werkvertrag und Honorar literarisch Tätigen gegenüber. In ihren Brotberufen und Tätigkeiten werden so erkennbar: Lehrer, Journalisten, Politiker, Beamte, Angestellte, Schauspieler, Geistliche, sogar ein Koch und Kleinlandwirt, Hausfrauen und diverse weitere nur scheinbar literaturferne Professionen.

Stätte von Literaturproduktion Eine bedeutsame Anlaufstelle für literarische Entdeckungen, die Erschließung von Neuerscheinungen und das Aufarbeiten progressiv-experimenteller Literatur ist wie eh und je das ORF-Landesstudio Oberösterreich, das allerdings in jüngster Zeit auch Kompetenzen, etwa im Hörspiel- und Funkessay-Bereich, wieder abgeben mußte.

Linz und der oberösterreichische Großraum sind Standorte von mehreren leistungsstarken Druckereien, teils Großbetrieben, meist aber Klein- und Mittelbetrieben. Diese Druckereien besorgen jedoch oft nur den rein technischen, ästhetisch mehr oder weniger sach- und themengerecht gestalteten Herstellungsprozeß von Büchern und Broschüren oder einschlägigen Publikationen.

Als Buchverlage stehen in Oberösterreich an vorderster Stelle: OÖ. Landesverlag, Verlag Grosser, Veritas, Trauner. Gutenberg definiert sich als erfolgreiche und verläßliche Auftragsdruckerei. Den Rest bilden Kleinverlage, angeführt von Richard Pils (Bibliothek der Provinz), Steinmaßl (Edition Geschichte der Heimat), Ennsthaler in Steyr und Denkmayr in Linz etc. Zur Zeit halten sich mehr als zwei Dutzend Kleinverlage in ganz Oberösterreich. Sie versuchen sich weiter zu profilieren. Wesentliche Erschließungsarbeit leisten für Oberösterreich aus anderen Bundesländern der Residenz Verlag (Salzburg) und der Styria Verlag (Graz). So weit man persönlich die Situation überblickt, gibt es nur die skizzierte geringe Anzahl von Autorinnen und Autoren, die vom Ertrag ihrer literarischen Arbeit in Linz und Oberösterreich leben können. Die Verlage sind hier meist nicht in der Lage, leistungsadäquate Verträge abzuschließen und vorzeigbare Honorare auszuzahlen.

Wunder Punkt der literarischen Lektorate Autorinnen und Autoren werden in Linz zu wenig oder gar nicht beraten beziehungsweise in ihrer kontinuierlichen Arbeit gefördert. In den Verlagen und Druckereien fehlt weitgehend die Anlaufstelle des Lektors, der als der eigentliche Geburtshelfer eines literarischen Werkes anzusehen ist.

Hilfestellung durch Lektoratsarbeit gewähren zur Zeit nur und sehr begrenzt:

- die Dramaturgie des Linzer Landestheaters und des Theaters Phönix, die Kulturämter beziehungsweise -abteilungen, auch Presseämter und -referate von Landesregierung, Landeshauptstadt und Linzer Tageszeitungs- oder Wochenzeitungsredaktionen.

Im Bereich der städtischen Volkshochschule und der Schreibwerkstätten, auch von literarischen Vereinen gibt es Autorenberatungen für neigungsmäßig in die Praxis einsteigende Amateure. Es bildet sich auf dieser Ebene eine horizontale Literatur aus, die für die allgemeine Kultur einer Stadt genauso wichtig ist wie die vertikale Hochleistungsliteratur. Es gibt gezielte Autoren- und Druckkostenförderung in Linz, seitens des Bundes, des Landes Oberösterreich und der Landeshauptstadt. Subventioniert werden eingereichte druckfertige Projekte von Neuerscheinungen. Subventioniert werden aber auch Buchpräsentationen und Lesungen.

Autorinnen und Autoren erhalten Förderungsstipendien und Würdigungspreise. Es gibt seit Jahren auch einen Max-von-der-Grün-Preis zur Förderung der Literatur der Arbeitswelt, ein dazugehöriges Symposion und die jährliche Nominierung eines Linzer Geschichtenschreibers, der im Krems-münsterer Stiftshaus Quartier nimmt.

Anthologien der Autorenvereine, auch Jahrbücher und Halbjahrespublikationen von Land und Stadt dienen der Neuvorstellung und Bekanntmachung angehender oder zu Unrecht verkannter Persönlichkeiten.

Linz als Veranstaltungszentrum von Literatur Linz ist durchaus ein repräsentativer Aufnahmeort für überregionale und internationale Literatur, wie Aufführungen im Landestheater, Lesungen im Brucknerhaus, im Adalbert Stifter Institut, im Landeskulturzentrum Ursulinenhof, im Posthof, im Theater Phönix sowie im oberösterreichischen PEN Club und in der Künstlervereinigung MAERZ bezeugen. Die Stadt bewährt sich nicht nur als traditioneller Literaturveranstalter mit herkömmlichen Autorenlesungen, Buchpräsentationen und dramatischen Uraufführungen; sie hat darüber hinaus auch völlig neue Wege der Literaturpräsentation mittels multimedialer und gemischter Veranstaltungen eingeschlagen. Beispiele dafür sind: Lesungen im ORF-Landesstudio, im städtischen Großzelt, auf dem Donauschiff, unter freiem Himmel, im Musikpavillon mit Bild- und Videoprojektionen, im Kremsmünsterer Stiftshaus, in Buchgeschäften und Hochschulen beziehungsweise an der Kepler-Universität.

Die Fülle von Lesungen und Buchpräsentationen geht aus dem Veranstaltungskalender hervor. Anlaufstellen dafür sind die Kulturabteilung des Landes Oberösterreich, das Kulturamt und die Volkshochschule sowie das Amt für Presse und Information der Stadt Linz, das gleichfalls kommunale Organisationsbüro der LIVA, die Presseabteilung des Landes Oberösterreich, das Bildungsheim Jägermayrhof, über weite Strecken jedoch auch, autonom und vorrangig, wenngleich weiterhin subventioniert, die Literaturvereine des PEN, des MAERZ, der "Linzer Frühling", die Grazer Autorenversammlung in Oberösterreich, die Mühlviertler Künstlergilde, der Autorenkreis und die IG-Autoren.

Resümee Im Vergleich zur Bundeshauptstadt Wien, auch zum Literaturzentrum Graz (Forum Stadtpark, protokolle, neue texte) scheint Linz zur Zeit eine österreichische Mittelposition als Wirkungs- und Austragungsort von Literatur einzunehmen.

Salzburg (mit seinen mehrfach aufscheinenden oberösterreichischen Autorennamen im Residenz Verlag), Innsbruck, Bregenz und Eisenstadt strahlen ihrerseits nicht so stark literarische Bedeutung aus, daß sie zu einem vordergründigen Vergleich dienen könnten.

Die neue niederösterreichische Landeshauptstadt St. Pölten ist erst dabei, sich literarisch fest zu programmieren. Sie läßt jedoch heute schon überdurchschnittliche Potenzen und Kapazitäten im Bereich des Verlags- und Publikationswesens, ebenso der Autorenvereinigungen, erkennen.

Die Zukunft von Linz als literarische Stadt eigenständiger, origineller Autorinnen und Autoren steht oder fällt damit, wie weit es hier gelingt, persönliche Lebenswerke als Literatur im überregionalen Gedächtnis zu verankern und zu vermarkten.

Die Kultur des literarischen Veranstaltungswesens, ebenso die Förderungs- und Subventionspolitik der öffentlichen Hand hat eine relative Perfektion erreicht, die nur noch durch die soziologische Aufwertung eines stark zu verbessernden literarischen Beratungswesens, durch hochwertige Lektorats- und Verlagsbegleitung also, ergänzt zu werden braucht, um ihren Optimalwert einzulösen.

Erst dadurch aber würde Linz in den Rang jener Literaturstadt hineinwachsen, zu der jetzt die Voraussetzungen geschaffen wurden.

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