MONIKA LEISCH-KIESL: Orte der Kunst

Die Tatsache, daß Linz keine "Kunstmetropole" im traditionellen Sinne – man vergleiche etwa Wien oder Salzburg – darstellt, bedeutet sowohl eine schwierige Aufgabe als auch eine große Chance.

Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs stellten für Linz eine spezifische Herausforderung soziokultureller wie kultureller Profilierung dar. Auf dem Wege zu einer Industriestadt, zudem versehen mit dem Erbe einer "Kunststadt des Führers" waren Kunst und Kultur nicht die vordringlichen Aufgaben. Hier war es für Kunst – abgesehen von historisch gewachsenen Institutionen und Einrichtungen – zunächst schwierig, Fuß zu fassen. Finden Musik und Theater innerhalb der Bevölkerung eher breite Akzeptanz, so scheint die bildende Kunst, insbesondere was avantgardistische, zeitgenössische Positionen betrifft, eine eher marginale Rolle zu spielen. Erst langsam erwuchs etwa aus der "Sammlung Gurlitt" die "Neue Galerie" und stellte als solche – neben Künstlervereinigung MAERZ und Galerie Bejvl – über Jahrzehnte die eigentlich einzige Institution der Präsentation und Vermittlung bildnerischer Positionen des 20. Jahhrunderts dar.

In den letzten zehn/ fünfzehn Jahren hat sich die Kulturlandschaft Linz entscheidend verändert und profiliert. Einige Stichworte: Stadtrandbühnen traten auf den Plan und eroberten allmählich das Zentrum (Theater Phoenix); Galerien öffneten ihre Türen (Figl, Paradigma, ...); ein eigenes "Zeitkultur-Zentrum" wurde errichtet (Posthof); die "Stadtwerkstatt" wurde zu einer Stätte experimenteller Eingriffe; mit dem "Moviemento" trat das erste Programmkino auf den Plan, das die kommerzielle Kinolandschaft wesentlich um jene Filme ergänzt, mit denen sich nicht das große Geld, wohl aber Seherfahrungen machen lassen; das Stifterhaus macht sich neben dem Erbe eines Alten Meisters die Präsentation und Förderung neuer, noch unbekannter Literatur zur Aufgabe; neben der oö. Landesgalerie, die zu einem engagierten Diskussionsort künstlerischer Entwicklungen mutierte, bietet das Offene Kulturhaus einen Raum situativer Kunstpraxis; mit der Hochschule für Künstlerische und Industrielle Gestaltung und dem Brucknerkonservatorium sammelt die Stadt ein kreatives Potential junger Kräfte; die Ars Electronica ist inzwischen international renommiert – weiteres ließe sich nennen. Viele dieser Einrichtungen zeichnen sich dadurch aus, daß sie auf Einzel- Privat- beziehungsweise Gruppeninitiativen zurückgehen, die, mit großem Engagement betrieben, schließlich Unterstützung durch die öffentliche Hand erfuhren und sich dadurch längerfristig behaupten konnten und können. Es sind dies eine Reihe von Signalen, die aus einer Industriestadt (auch) eine Kultur- beziehungsweise Kunststadt – im Sinne ästhetischer Reflexion und Kritik – werden lassen. Ich meine, hier treffen sich zwei Phänomene, die "aus der Not eine Tugend" machen und Linz ein spezifisches kulturelles Profil vermitteln.

Zum einen erfordert die Tatsache, daß Linz keine "Kunstmetropole" darstellt, geradezu Initiativen dieser Art, macht es diesen aber auch leichter, sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Hinzu tritt – bedingt durch die größenmäßige und institutionelle Überschaubarkeit dieser Stadt – die Möglichkeit wechselseitiger projektorientierter Vernetzungen.

Zum anderen scheint es in einer Situation gesellschaftlichen, kulturellen, weltanschaulichen Pluralismus eine adäquate und effiziente Form künstlerischer Positionierung und Kommunikation darzustellen. Ohne sich damit dem "Anything Goes" (Feyerabend) der Postmoderne überlassen zu müssen, bietet ein derartiges kulturelles Konzept "Am Ende der großen Erzählungen" (Lyotard) die Möglichkeit punktuell präziser künstlerischer Stellungnahmen. Keine für alle befriedigenden Angebote, sondern unterschiedliche Orte ästhetischer Wachsamkeit.

Innerhalb dieses – möglicherweise dissonanten – Orchesters, könnten und sollten Religion und Kirche die eine oder andere Stimme wahrnehmen. Religion und Kirche bieten ein breites kulturelles und geistiges Erbe, das mir gegenwärtig – aus verständlichen unterschiedlichen ideologischen und kirchenpolitischen Gründen – zu wenig wahrgenommen, geschweige denn ausgeschöpft scheint. Dieses Potential mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen zu konfrontieren – was keinerlei Vereinnahmung oder Harmonisierung intendiert – vermag möglicherweise Kräfte freizusetzen, die der Komplexität gegenwärtiger Situationen und Problemstellungen in Ansätzen gerecht zu werden vermögen. Eine solche Initiative stellt das Institut für Kunst an der Katholisch-Theologischen Hochschule in Linz dar: Eine 1984/85 gegründete – also ebenfalls im oben angesprochenen Zeitraum – derzeit noch, was die personellen und finanziellen Ressourcen betrifft, kleine Einrichtung, die sich genau diesen Diskurs zur Aufgabe macht. Hier soll es darum gehen, dieses Erbe aus gegenwärtigen Fragestellungen heraus wahrzunehmen und zu reflektieren, ein ästhetisches Sensorium für zeitgenössische Erscheinungen auszubilden und ein begriffliches Reflexionspotential zu entwickeln. Eine Postion, eine Position im kritischen Diskurs mit anderen, mit Anderen.

Die Herausforderung und Chance von Linz ist die Pluralität und Vielstimmigkeit, – neben dem Bestehen arrivierter Einrichtungen – das Vertrauen in junge kreative Kräfte, die Courage zum Experiment, die Unterstützung noch nicht ausgetretener Pfade.

Dies bedeutet auch eine Herausforderung für Politik und Öffentlichkeit. Ungesichertes zu unterstützen und zu fördern ist mitunter riskant, auch angreifbarer. Es erfordert und fördert ein Klima der Offenheit und Toleranz, die Bereitschaft zur Auseinandersetzung und die Fähigkeit zum Konflikt, die Verweigerung einer Reduktion auf ökonomische Notwendigkeiten und den Mut zum Wagnis.

Etwa im Sinne Peter Bürgers: Wenn alle Wege schon gegangen sind, dann wird die Konstruktion eines Labyrinths zum Bild möglicher Befreiung.

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