HEINZ H. MEYER: Medien im Raum

Kulturinitiative Emsche-Lippe - Linz

Linz und Marl im Emscher-Lippe Raum des Nordrhein-Westfälischen Ruhrgebietes sind zwei völlig unterschiedliche Städte. Zumindest auf den ersten Blick. Linz ist eine Stadt mit langer Geschichte, vielfältigen Traditionen und breitem Kulturangebot. An der Donau gelegen, wird sie von jeher - quasi auf natürliche Weise - mit Gütern, Nachrichten, Informationen, Gedanken und Anregungen aus aller Welt versorgt. Wenn man für die Donau die Bezeichnung "Medium" akzeptiert, ist Linz schon immer eine Medienstadt gewesen. Diese für Linz günstigen kulturellen Gegebenheiten und Naturbedingungen prägen auf spezifische Weise Phantasie und Gestaltungsvermögen der Menschen in der oberösterreichischen Landeshauptstadt. Es ist also kein Zufall, daß in Linz die abnehmende Bedeutung des Stoffes Stahl und das steigende gesellschaftliche Gewicht des Faktors Information sehr früh erkannt worden ist, zeitig der strukturelle Wandel von Tradition zu Modernität eingeleitet und unter den Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit und Sozialverträglichkeit gestaltet - und was besonders wichtig ist - kulturell begleitet werden konnte.

Denn wenn man den strukturellen Wandel wirklich sozialverträglich steuern will, ist dessen Einordnung in eine kulturelle Perspektive erforderlich. Technische Erneuerungen brauchen auch künstlerische Resonanzflächen als Verstärker und Korrektiv. Bildung in einem umfassenden Sinne ist erforderlich, sonst wird auf die Einführung vielfach umwälzend wirkender technischer Innovationen mit Irritation, vielleicht sogar mit Angst reagiert.

In den vielen Berichten zur Eröffnung des Linzer Ars Electronica Centers im September 1996 wurde auf zwei Eigenschaften besonders hingewiesen: Risikobereitschaft und Phantasie. Ohne diese Grundtugenden und einer Reihe von neuen Kompetenzen ist der Übergang von der Industriegesellschaft in die noch nicht vollständig konturierte Informationsgesellschaft nicht denkbar.

Auf den zweiten Blick ergeben sich - neben den traditionsbedingten Unterschieden - einige Gemeinsamkeiten, die Linz und Marl miteinander verbinden. Denn beide Städte sind Industriestädte mit vergleichbaren Problemen.

Marl, eine Stadt mit ca. 100.000 Einwohnern liegt am nördlichen Rand des Ruhrgebietes zwischen den Flüssen Emscher und Lippe. Die Emscher ist als Folge der Industrialisierung zu einem Abwasserkanal degeneriert und wird zur Zeit im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) kostenaufwendig renaturiert. Das lange Festhalten an den traditionellen Montanprodukten des Ruhrgebietes hat zu einer Verlangsamung des Strukturwandels geführt. Insbesondere im Emscher-Lippe-Raum wachsen die Dienstleistungen nicht im gleichen Maße wie das produzierende Gewerbe zurückgeht. Notwendig ist also ein kräftiger Impuls, der von der Telekommunikation erhofft wird. Medien sind der Schlüssel zum Verständnis der Strukturpolitik Nordrhein-Westfalens; auf der Medienwirtschaft ruhen fast die gesamten Zukunftshoffnungen des Landes.

Ein weiterer Schlüsselbegriff ist Medienkompetenz. Er steht symbolisch für die Erwartung, die sozialen und kulturellen Auswirkungen der Medienzukunft zu bewältigen. Deshalb hat die Landesregierung Nordrhein-Westfalens Marl zum Standort des "Europäischen Zentrums für Medienkompetenz" auserkoren, das 1997 seine Arbeit aufnehmen soll. Um diesen Prozeß nicht allein Wirtschaft und Politik zu überlassen, haben Angehörige von Kultur- und Bildungseinrichtungen der Region eine Institutionen übergreifende Initiative gegründet. Die Kultur-Initiative Emscher-Lippe (K.I.E.L.). Die Angehörigen dieser noch sehr jungen Initiative verstehen sich als Interessensvertreter für die Anliegen von Bildung und Kultur. Bildung und Kultur sind nach ihrer Ansicht mehr als ein Reflex auf technologische Entwicklungen. Sie haben sich daher das Ziel einer "unverkürzten Modernisierung" (Jürgen Habermas) auf die Fahne geschrieben. Noch erzielt diese Initiative in der Politik lediglich verhaltene Resonanz. Wirtschaftliche Interessen und knappe Finanzen setzen politischer Phantasie in Deutschland manchmal allzu enge Grenzen. Deshalb sind die Ziele der Initiative ohne Konflikte wohl nicht zu erreichen, aber auch nicht unrealistisch. Denn dabei kann auf reiche Erfahrungen zurückgegriffen werden.

In der Region werden seit vielen Jahren zwei bundesweit prominente Kulturveranstaltungen durchgeführt, an die angeknüpft werden kann. Jährlich im März verleiht das Adolf Grimme Institut des Deutschen Volkshochschul-Verbandes den renommierten Adolf Grimme Preis für Qualitätsfernsehen. Das Institut beschäftigt sich darüber hinaus mit den verschiedenen Fragestellungen des Zusammenhangs von Medien, Bildung und Kultur. Seit einigen Jahren widmet es sich auch den neuen Herausforderungen, die mit den Stichworten Multimedia verbunden sind. Es liegt also nahe, das "kulturelle Kapital" dieses Institutes zur Bewältigung der neuen Herausforderungen einzusetzen.

Eine international bedeutende Veranstaltung sind die Ruhrfestspiele im benachbarten Recklinghausen, die im Mai jeden Jahres stattfinden. Zeitlich dazwischen soll ein Kunstfestival plaziert werden: "KulturRAUMMedien - Die "Regionale Digitale". In diesem Festival soll Medienkompetenz visualisiert und in eine weitere Wahrnehmungsperspektive gestellt werden, die an die eigentümlichen Traditionsbestände und Naturressourcen der Region anknüpft. Es sollen so die Bereiche von Kunst, Bildung und Technik zu einem augenfälligen - durch die Geschichte des Raumes strukturierten - Wahrnehmungsganzen verbunden werden - und natürlich ist auch die Erweiterung des Strukturprofils der Region ein wichtiges Anliegen. Oberstes Ziel dieses Festivals ist die Veranschaulichung des Strukturwandels durch Kunst und kulturelle Kommunikation, sozusagen die ästhetische Konkretion digitaler Abstraktionen.

Die Initiatoren erhoffen sich dadurch u.a. die Förderung eines phantasievollen Umgangs mit den neuen Medien und eine Imageverbesserung der durch Kohle, Stahl und Chemie einseitig geprägten Region. Der Weg bis zur Realisierung dieser Ideen ist noch sehr weit, eine Finanzierung noch nicht in Aussicht. Jedoch: Gelungene Beispiele machen Mut. Siehe Linz.

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