Linz greift ein; Linz greift kulturpolitisch ein! Greift Linz auch kulturpädagogisch ein?
Zwei Jahrzehnte verfolge ich die konsequente Metamorphose von der Industriestadt zum Kulturlabor. Linz erkennt Zeitsignaturen und formt in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des Landes Zukunftskonturen.
Kultur fährt als Eisbrecher gegen soziale Auskühlung, gegen verkümmernde Unterhaltungspassivität und gegen den Irrtum utilitaristischer Gesellschaftspolitik.
Kultur greift ein. Sie zeichnet die Zeitsignaturen nach und schafft kritisch-kreativ die ihr gemäßen Zeitformen. Allemal wird im oft verwirrenden Labyrinth kultureller Ausdrucksformen die Suche nach Form, nach guter Gestalt, nach Vervollkommnung sichtbar.
Kulturpolitik verbessert den Nährboden für Solidarität. Kulturpolitik schafft Rahmenbedingungen dafür, daß die Kulturschaffenden gegen die Entbarbarisierung der Gesellschaft inszenieren können. Die Zeitsignaturen belegen bedrohlich inhumane Barbarisierungstendenzen, z.B. den hedonistischen Anstrengungsverlust, die egoistischen Lebensvollzüge, den drückebergerischen Solidaritätsverzicht, die trügerische Anlehnung der Geängstigten an Autoritäre, die asoziale Duldung von Arbeitslosigkeit.
Linz reicht Kultur als Lebensmittel. Viele bedienen sich am Kulturbuffet bereits: Brucknerhaus, Landestheater, Posthof, Brucknerfest, Klangwolken, Neue Galerie, AEC, Museum Nordico... bieten an. Bürgerinnen und Bürger finden vom Deftigen bis zum Feinschmeckerischen verlockende Angebote. Suchen nicht verwöhnte Gaumen nach immer wirksameren Anreizen? - Entertainment, Infotainment, Edutainment so lange, bis wir uns "zu Tode amüsiert" haben (N. Postman)?
Welchen kulturpädagogischen Ertrag bringen die Events im Donaupark? - Kultursoziologische Analysen sollten Bilanz ziehen.
Kulturpolitik braucht nicht nur Kulturmanagement und Kulturmarketing, sondern auch Kulturpädagogik. Ohne sie wird die Entertainment-Kultur zur unfinanzierbar-unstillbaren Antipositas. Kulturpädagogik beugt dem vor, bewirkt nicht nur Investitions-, sondern auch Marktkorrektur der Kultur.
Das Entertainment des Posthofes, der Klangwolke, das Infotainment z.B. des AEC machen aufmerksam und neugierig. Dieses Erwachen sollte der Vorhof sein, aus dem der Hof aktiven kreativen Gestaltens betreten wird. Aktive Partizipation in allen kulturellen Lebensfeldern wird zum durchsetzenden Antibiotikum gegen Barbarei und Kreislaufmittel für kulturelle Durchblutung werden.
Wo immer Lebensvollzüge das bloß Nützliche überschreiten, werden sie kulturell; unteilbar von der Alltags- bis zur Hoch- und Repräsentationskultur. Unter dieser Voraussetzung kann Schule ihre kulturpädagogische Aufgabe in einem kulturellen Entwicklungskontinuum präzisieren. Was sonst ist das Kennmerkmal von Schule, wenn nicht Kultur?
Einige vermischte Hinweise für die Weiterentwicklung der Kulturpolitik für die Schule:
Die Glaubwürdigkeit kulturpädagogischer Anregung in der Schule hängt ab vom Vorbild der Lehrer/innen. Ihre Einbindung in kulturelle Projekte der Stadt ermutigt ihre Kreativität mehr als Tagungen, Prospekte und Appellationen.
Kultur fängt immer wieder neu an. Der Fiktion des Abschlusses kann sich Schule widersetzen durch eine Kultur des Anfangens. Sie könnte sich ereignen bei jedem Schulbeginn, jeder Schulveranstaltung, jedem Schulschluß(!), manchem Schultag, mancher Unterrichtsstunde.
"Gebaute Pädagogik" halte ich für die Visitenkarte der Ernsthaftigkeit kommunaler Kulturpolitik für die Schule.
Schularchitektur muß nicht nur bestmögliche Raumgestaltung sein, sondern Schule innen und außen in ihrer Funktion und Bedeutung kennbar machen.
Schulklassen sollten den ästhetischen Gestaltungsgang von Schule annehmen wider die Beliebigkeit geschmäcklerischer Poster- und Polsterkultur.
Die Stadt möge diese Form der Alltagskultur anregen durch Lehrerfortbildung, Wettbewerb und Finanzierung.
Schulen müssen zu kleinen Galerien, zu kleinen Kulturhäusern werden. In Lehrern und Schülern schlummern kostbare Phantasieschätze, die einladend angesprochen werden können. Künstler aller Disziplinen könnten Schülern helfen, ihre Kreativität auszudrücken, sogar gemeinsam zu formen und sie gemeinsam zu präsentieren.
Partizipative Kulturpolitik wird Schüler und Lehrer an der Entwicklung von Kulturveranstaltungen teilhaben lassen. Schulprojekte werden so zu Kulturprojekten der Stadt und ihre Kulturinitiativen zu jenen der Schule.
Interaktive Informations- und Kommunikationstechnologie sollte sich kulturell an Schwerpunktschulen ausformen. So soll es bald eine Volks- und Hauptschule, eine Polytechnische Schule, ein Gymnasium geben mit "hard- und software", mit "notebooks", die nicht nur eine neue Lernkultur einleiten, sondern interaktive schulische Medienprojekte bewirken.
Jede Schule ist Schreibwerkstatt, daher "in nuce" ein Ort der Literatur, der anregt, aber auch Anregung braucht: Schüler, Lehrer und Literaten sollten voneinander lernen. Offene Unterrichtsszenerie dafür gibt es längst.
Die Schulbibliothek halte ich für ein unverzichtbares kulturelles Kaleidoskop an der Schule. Jede Schule braucht sie. Die Schulbibliothek (mit Mediothek, Infothek) ist der Lernort für die Zukunft, der Lernort für die dynamischen Fähigkeiten.
"Stillegung des Körpers", Verkümmerung des Leibes, Verfall gestalteter Bewegung - insgesamt "wellness"-schädigende Veränderungen der "Körperkultur" verlangen "bewegte Schule". Verspannte Körper erzwingen verstörte Seelen und beides begünstigt Gewalt.
Der Stadt rate ich ein Förderprogramm "bewegte Schule". Vorbilder, Vorläufer bieten sich zur Anregung an.
Die Kenntnis der kulturellen Tradition der Stadt stiftet staatsbürgerliche Identität und Heimatgefühl. Für jede Altersgruppe (6-10, 11-14, 15-19) sollten mit den Betroffenen "Stadtspuren" erarbeitet werden, die interaktiv nachgegangen, eine verinnerlichte "cultural map" zurücklassen.
Jugend drückt sich aus, kultiviert und unkultiviert, reizvoll und fad, friedlich und gewalttätig - alles Kultur.
Oft fehlt ihr der Ort kulturellen Handelns, auch "Hilfe zur Selbsthilfe". Die bestehenden Sozialnetze, von den Schulpädagogen bis zu den Streetworkers, sollten Tentakeln zu Kulturorten ausbilden, wo Edutainment interaktiv entwickelt wird, auch eine Kultur des Anfangens.
