Überlegungen zur Verbesserung des Wirkungsgrades
Baukunst ist notwendig
Städte werden an der Magie ihrer Orte gemessen. Mehr noch als alle (Un-)Zulänglichkeiten ihres Funktionierens bleibt diese dauerhaft in den Köpfen der Menschen verankert. Die daraus resultierende suggestive Kraft ist weniger verzichtbare Nebensache - wie allgemein angenommen wird, sondern beeinflußt auf verschiedensten Ebenen wesentlich unsere zivilisatorische Entwicklung.
Öffnung und Internationalisierung
Nach einem Jahrhundert der Metropolen besteht seit geraumer Zeit auch für mittlere Städte wieder die Chance, qualifizierte Aufmerksamkeit zu erlangen. Voraussetzung sind der Verzicht auf provinzielle Abschottung und ein sich vorbehaltloses Öffnen gegenüber globalen Entwicklungen. Nur in einer uneingeschränkten Auseinandersetzung läßt sich ein gehaltvoller, international konkurrenzfähiger Qualitätsbegriff präzisieren, der als Maß für künftige Entscheidungen von grundlegender Bedeutung ist. Die Bewohner zahlreicher Städte leben seit Generationen von Investitionen, die in kurzen Zeiträumen getätigt wurden. Nachhaltige Attraktivität fördert den - die Vitalität eines Landes stimulierenden - Zuzug von Menschen und Kapital wie auch neuerdings den Städte- und Kulturtourismus. Identität und Befindlichkeit sind nicht zuletzt eng mit dem baulichen Erscheinungsbild verknüpft.
Ernstzunehmende Baukunst gelingt nur, wenn eine Gesellschaft Mut und Risikobereitschaft besitzt, Neues zu ermöglichen und sich einem offenen Wettbewerb zu stellen. Diese Bereitschaft wird zwar allseits bekundet, es ist das aber zu wenig, wenn nicht auch das alltägliche Handeln diesem Aspekt Rechnung trägt. Die dazu notwendige Beharrlichkeit wird nur selten aufgebracht, sodaß vielerorts den Bekenntnissen nicht die entsprechenden Taten folgen.
Die Industriestadt Linz besitzt in diesem Zusammenhang eine vergleichsweise positive Tradition, die es zu bewahren und angesichts der wachsenden Konkurrenz der Städte auszubauen gilt. Widerstände sind natürlich zu erwarten. Doch Kompromisse im qualitativen Bereich sind meist nur kurzfristig opportun. Langfristig erweisen sie sich als Hemmnis für die Stadtentwicklung. Es wird daher zunehmend zur unverzichtbaren Aufgabe durch entsprechende Vermittlung Verständnis, Akzeptanz und Begeisterung für das notwendige Neue zu erzielen und nicht dem Druck zur Provinzialisierung und Selbstlähmung nachzugeben.
Schwerpunkte ohne Beschränkung des Horizonts
Das Streben nach erhöhter Wirksamkeit verlangt die Konzentration auf zeit- und ortsspezifische Schwerpunkte. Allerdings ist zu achten, daß damit nicht der Anspruch auf umfassende Qualität verlorengeht. Zeitbedingte Defizite (wie die gegenwärtige Umweltproblematik) rechtfertigen nicht eine ausschließlich auf diesbezügliche Lösungen verengte Sicht, wie das in manchen Städten zu beobachten ist.
Schwerpunkte für die nächsten Jahre sind aus meiner Sicht sowohl die mit Absicht vorangestellte "Öffnung und Internationalisierung", klarerweise ökologische Reformkonzepte, wie auch die nachfolgenden Punkte:
Städtebauliches Bewußtsein
Aus Gewohnheit ist unsere Aufmerksamkeit auf das enge historische Zentrum fokussiert. Demgegenüber steht eine sich formierende Stadtregion von mehr als 500.000 Einwohnern, für die es zu wenig qualitative Kriterien gibt.
Städtebau ist vordringlich eine Frage des Bewußtseins. Wir müssen aufhören, den Städtebau als gesonderte Disziplin zu betrachten und ihn derart wirkungslos an den Rand zu rücken. Vielmehr ist es notwendig, alle Überlegungen zu jeder Zeit in einen urbanistischen Kontext zu stellen. Das erfordert parallel zur täglichen Praxis die Erörterung von Visionen und Leitbildern. Bereits erkannt wurde die einzigartige Chance einer intelligenten Urbanisierung des Industrie- und Hafengeländes. Nur wenige Städte besitzen ein vergleichbares Potential an spannenden Möglichkeiten, die das Profil der Stadt noch wesentlich bereichern können.
Für die Frage der Umsetzung ist entscheidend, daß wir unsere Städtebauvorstellungen den geänderten Bedingungen anpassen. Weniger denn je ist es möglich, Städte am Reißbrett vorauszuplanen. Sie sind das Resultat einer wachsenden Vielzahl von Prozessen, deren Moderation sowohl Spontaneität wie auch Weitblick erfordert. Als Lotse in einer zunehmend unübersichtlichen Lage ist eine hochwertige wie dauerhafte öffentliche Diskussion notwendig. Diese zu begleiten bedarf es eines neuen Ortes, dem es im Verbund mit anderen Einrichtungen gelingen sollte, eine auch international beachtete Kompetenz in dieser wie in anderen wichtigen Fragen zu erlangen (Themenspektrum: Stadt-Bau-Kunst). Linz und das Umland besitzen das Potential beim Formulieren eines neuen Stadtbegriffs aktiv und beispielgebend mitzuwirken (Stadtmodell für die Jahrtausendwende).
Qualifizierte Verdichtung und Kristallisationspunkte
Städte beziehen ihre suggestive Kraft aus einer komplexen Verschränkung unterschiedlicher Sedimentationsschichten. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten ist in Linz viel Raum für innere Verdichtung. Linz ist Stadt im Werden. Die besten Bauplätze sind noch unverbaut. Linz kann mehr noch als heute zur allerorts präsenten "Stadt der Moderne" in Österreich werden. Das nicht nur in formaler, sondern auch darüber hinaus struktureller Hinsicht. Beispiel: Die Stadt als Collage ist nicht nur ein Schlagwort, sondern besagt, daß wir zur Toleranz im Umgang mit fremden Zeiten wie Orten gereift sind und eine Methode der bewahrenden Integration zu entwickeln imstande sind. Der Beweis für die Gültigkeit dieser These sollte hier in Linz vorbildlich erbracht werden können. Das Schaffen von Kristallisationspunkten zur urbanen Bedarfsdeckung, aber auch prägnanten Strukturierung des sich verdichtenden Stadtgefüges sollte auch in Zukunft ein Thema bleiben (Universität, Brucknerhaus, Posthof, Design Center, Ars Electronica Center, Musiktheater...). Die Konsequenz dieser Erfolgsserie ist eine rasch steigende, weiterhin erkennbare Lebensqualität der Stadt.
Öffentlicher Raum in Neuauflage
Bedrängt durch fortschreitende Kommerzialisierung und durch die Expansion virtueller Welten schwindet die Bedeutung öffentlicher Stadträume. Daher ist für diese ein Qualifizierungsschub vonnöten. Nicht aus sentimentalem Trotz, sondern um - auch bei wachsender Konkurrenz - ihre im gesellschaftlichen Leben unverzichtbare Rolle ausfüllen zu können. Platz, Boulevard, Straße und Park sind Gefäße für öffentliches Leben und verdienen unsere kritisch-fördernde Aufmerksamkeit.
In Mitteleuropa gelingt es meist nicht, sich von Klischees zu befreien. Es ist bezeichnend, daß gerade in jenen Ländern, die bereits eine hochentwickelte Straßenkultur besitzen, die qualifiziertesten Anstrengungen zur weiteren Verbesserung unternommen werden (Frankreich, Spanien).
Bau(und)Kunst ... öffentliche Kunst
Der Versuch, Bau und Kunst zu verbinden, ist oft mißglückt. Dennoch bleibt der Ansatz, der Kunst im Alltag (außerhalb von Museen und Galerien) eine erhöhte Präsenz zu verschaffen, wichtig und sollte daher offensiv weiterverfolgt werden.
Der öffentliche Bau sollte aber nicht zum unentrinnbaren Käfig werden. Dessen geänderter Stellenwert (Bedeutungsverlust öffentlicher Bauten) und die allgegenwärtige Bilderflut lassen die Kunst am/im Bau zunehmend ins Abseits geraten. Konsequent ist daher zu den virulentesten Orten der Stadt vorzudringen. Vorschlag: Eine Kooperation Künstler-Architekt in Zusammenhang mit dem vorhin angesprochenen Qualifizierungsschub für öffentliche Räume. Eine Folge unter anderen: Eine deutliche, bestens kommunizierbare Profilierung der Stadt.
Integration der kreativen Peripherie
Ein grundsätzliches, kulturpolitisches Anliegen, das inbesondere heute und für die Baukunst von eminenter Bedeutung ist. Da innerhalb der Gesellschaft die Kohäsionskräfte schwinden, wird es zunehmend zur politischen Herausforderung, für Integration zu sorgen. Es muß gelingen, vorbehaltlos die besten Köpfe für die anstehenden Aufgaben zu finden, denn nur so werden wir faszinierende Resultate erzielen. Es ist aber auch eine Frage der Effizienz: Noch sind wir weit davon entfernt, die vorhandenen Ressourcen auszuschöpfen. Bereits in zahlreichen Ländern ist das Gros des Bauens, der Wohnbau, baukultureller Motor und beschreibt aufgesplittert in kleinere und mittlere Aufgaben die vielfältigen Positionen der Gegenwartsarchitektur. Derart gestärkt ist es beispielsweise in Basel gelungen, den heimischen Talenten eine Basis zu geben, von der aus auch internationale Erfolge erzielt werden: Wien, London (Herzog de Meuron), Berlin (Diener + Diener), Salzburg (Alder).
Zentrum für Architektur und Kunst
Um das Vorhergesagte weiterzubetreiben und wirksam zu kommunizieren, bedarf es eines Ortes, der unabhängig von laufenden Aufgaben, mit der Politik und Bürokratie befaßt sind, tätig sein kann. Ein Labor oder besser ein Museum im ursprünglichen Sinn, das Harald Szeemann bezeichnet als "Ort, wo Fragiles aufbewahrt und neue Zusammenhänge ausprobiert werden".
