GEORG RITTER/PETER DONKE: Linz plant Kultur

Die Stadt Linz hat eine Studie in Auftrag gegeben und plant Kultur für die nächsten 10 - 15 Jahre. Ist die Symbiose von Industrie- und Kulturstadt gelungen? Welche Aussichten für die Kultur in Zukunft? Dazu die Position der Stadtwerkstatt. Mit folgendem Zitat aus einem Thesenpapier zur Kulturentwicklung in Linz wendeten sich im Herbst vergangenen Jahres der Kulturdirektor der Stadt Linz, Mag. Siegbert Janko und Kulturstadtrat Dr. Reinhard Dyk in einem Schreiben an Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft, Bildung und Medien in Linz, um Positionen zu einzelnen Fragestellungen, die in Zusammenhang mit der Entwicklung der Kulturstadt Linz stehen, zu beziehen:

In Linz ist die Symbiose von Kulturstadt und Industriestadt gelungen. Es wurden Konturen gesetzt für eine Orientierung im neuen Europa. Linz ist eine Stadt mit kultureller Identität, mit Unverwechselbarkeit und einem eigenständigen kulturellen und soziokulturellen Profil. Linz hat in den letzten Jahren ein beispielhaftes Netz an kultureller Infrastruktur aufgebaut und deutliche kulturpolitische Akzente und Schwerpunkte gesetzt (...)

Die Stadt Linz erarbeitet unter Federführung der Kulturdirektion einen "Kulturentwicklungsplan Linz". Ziel dabei ist, Leitlinien der Kulturpolitik und Kulturarbeit Linz für die nächsten 10 - 15 Jahre zu formulieren.

Grundlage bilden wissenschaftliche Arbeiten von HSProf. Dr. Manfred Wagner, Lehrkanzel für Kultur und Geistesgeschichte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien ("Studie zu einem Kulturentwicklungsplan Linz") und von Ass.Prof. Dr. Reinhard Kannonier, Institut für neuere Geschichte und Zeitgeschichte (Der kulturelle Wandel in Linz 1945 - 1995 - Vom Industriestandort zur europäischen Kulturstadt). Eine weitere Grundlage bilden das in Linz vorhandene künstlerische und wissenschaftliche Potential und die kulturelle Infrastruktur.

Die Stadtwerkstatt wurde gebeten, ein Diskussions- und Thesenpapier zu Perspektiven der Kulturentwicklung in Linz für die Kulturdirektion zu verfassen. Überraschend für uns ist, daß im Vorfeld der wissenschaftlichen Arbeit von HSProf. Dr. Manfred Wagner die Stadtwerkstatt nicht kontaktiert wurde, um Erfahrungsstand und Perspektiven des offenen Kunst-Kultur-Werkstättenhauses Kirchengasse 4 einzubringen, würde doch eine wissenschaftliche Herangehensweise eine Evaluierung der bereits gesetzten kulturpolitischen Maßnahmen bedingen.

Ebenso seltsam ist die Geheimhaltung dieser wissenschaftlichen Arbeit. Trotz mehrfacher Anfragen gelang es uns nicht, Einsicht in die Studie zu erlangen. Wenngleich auch keine Daten zugänglich waren, versuchen wir, unsere Ansätze im Groben darzustellen.

Position Stadtwerkstatt zum Kulturentwicklungsplan Linz

Wir haben auf die bestehenden Publikationen der Stadt Linz zurückgegriffen, um festzustellen, wie die Stadt bisher ihre Kulturpolitik formuliert und verkauft. Am brauchbarsten erwies sich die Broschüre "Kultur findet Stadt", herausgegeben von der Kulturdirektion und dem Amt für Presse und Information, Linz, 1990 anläßlich "500 Jahre Linz". Darin schreibt Bürgermeister Dr. Franz Dobusch:

Linz-kultur Kultur findet Stadt. Stadtkultur, Kultur für alle, Demokratisierung der Kultur ... Schlagworte, die das kulturelle Leben einer Stadt beschreiben können. Schlagworte, die die Kultur einer Stadt zwar beschreiben, ihre Gültigkeit jedoch für viele Städte haben. Schlagworte, vor allen Dingen aber, die verallgemeinern, manchmal mißverständlich sind und mit ihrer oftmaligen Verwendung an Aussagekraft verlieren. (...)

Was sind die Herausforderungen an eine kommunale Kulturpolitik? Hauptaufgabe ist es, Interesse zu erregen, etwas Neues, Ungeahntes wachzurufen. Einerseits muß konsequente Kulturpolitik auf den festen Fundamenten einer funktionierenden Breitenbildung stehen. Andererseits ist Kultur ohne Kunst nicht denkbar. (...)

In dieser Stadt hat sich bereits seit einiger Zeit ein Kulturverständnis entwickelt, in dem die Zukunft Tradition hat. Klangwolke, Ars Electronica und Forum Metall waren Wegbereiter dafür. Die Linzer Bevölkerung hat diese Kulturformen auf- und angenommen, ist interessiert. Dieses Interesse wachzuhalten und neue Tendenzen aufzugreifen, ist die kulturpolitische Aufgabe der Zukunft.

Soweit der Bürgermeister in der Einleitung der Broschüre. In weiterer Folge vertiefen Beiträge von ansässigen Kulturjournalisten die kulturelle Position der Stadt Linz. So schreibt unter anderem Milli Hornegger:

Linz - offene Stadt

Kultur - Öffnung Linz findet Stadt, lebt auf - Linz macht sich! Eines der erfreulichsten Zeichen, die diese Stadt in der jüngsten Vergangenheit setzen konnte, ist ihre kulturelle Öffnung. Der Versuch, Kultur nach außen zu tragen, findet am augenscheinlichsten bei all jenen Veranstaltungen statt, die sich unter freiem Himmel zutragen. Dinge für jedermann zugänglich zu machen - und nicht selten zum Nulltarif - baut Schwellenangst ab, verlockt zum Probieren, weckt Interesse und Neugier. (...)

Das Forum Metall an der Donaulände war so ein allererster Schritt, Kultur für jedermann aus den geheiligten Hallen der hehren Kunst, aus der Enge der Museen nach draußen zu tragen. Dann die erste Klangwolke: (...) Tausende konnten so ein Konzert verfolgen, das sonst nur 1.300 Gäste im Saal hätten hören können. (...)

Rosa Schweinchen rockt (...) Michael Jackson (...) Pink Floyd ließen ihr rosa Schweinchen im Juni 1989 über dem Linzer Stadion schweben. Tina Turner rockte vor 40.000 Fans auf der Gugl und zuletzt brachten die Fans von David Bowie das Stadion zum Zittern. Eines ist ganz sicher: So viele Menschen wie bei kulturellen Veranstaltungen sieht das Linzer Stadion sonst das ganze Jahr nicht ...

Auf dem Plaster der Sound Freilich sind Massen und Tausenderzahlen nicht immer ein Garant für Qualität. Wie sich beides ideal miteinander paart, stellt seit vier Jahren das Linzer Pflasterspektakel unter Beweis. (...)

Milli Hornegger, "Kultur findet Stadt", S. 18

Kultur im Stadtteil (...) Kultur für alle Kultur in Linz ist (...) auch Volkshaus und Stadtteil-Volkshochschule, Bücherei und Stadtinformation, Musikschule im Stadtteil, Geschichteklub und Stadtteil-Kulturverein. (...) Initiativgruppen und Experimente in den Stadtteilen sollen gefördert und ideell und organisatorisch unterstützt werden. (...)

In der "neuen Freizeitgesellschaft" ist es besonders wichtig, eine Kooperation zwischen den kulturellen Aktivitäten und den Freizeitaktivitäten im Stadtteil zu entwickeln. Ziel ist es, Kultur und Freizeitangebot wirklich allen Menschen zugänglich zu machen und ihnen die Möglichkeit zum Mitmachen zu bieten. (...)

Siegbert Janko, "Kultur findet statt", S. 30

Diese Ausschnitte zeigen deutlich genug, unter welchen Oberbegriffen Kultur in dieser Stadt verstanden und gehandelt wird. Was bedeuten die Begrifflichkeiten und Definitionen??

Demokratisierung der Kultur

Unter Demokratisierung der Kultur versteht man hierzulande Kultur für alle. Und Kultur für alle heißt, Kultur für alle zugänglich zu machen. In Linz heißt das, Kultur für möglichst viele gleichzeitig erlebbar zu machen und das im Freien, im offenen Raum, und bestmöglich zum Null-Tarif. Kultur ist demokratisch, wenn die Masse sie konsumieren kann. Kultur für alle ist in Linz Kultur für die Masse, ist gleich Massenkultur, ist Kulturmasse.

Dazu ist die Stadt Linz geneigt, Massenveranstaltungen abzuhalten, breitangelegte Ereignisse wie z.B. Klangwolke, Linz-Fest oder Pflasterspektakel. Feste, Ereignisse, die sich wohl dadurch auszeichnen, daß sie von großer Beliebigkeit beziehungsweise Austauschbarkeit getragen sind. Die dabei vermittelten Inhalte sind Allerweltsgesten, breit und flach angelegt. Nach genauem Einsatz der Medien wird hier nicht nachgefragt. Zwar sind die wirklichen Massenkommunikationsmedien Radio und TV, aber man ist bemüht, Musik, die für einen Klangkörper im Konzertsaal komponiert ist, über möglichst große Lautsprecheranlagen, echoentzerrt in den "Freien Raum" des Donauparks zu blasen. Massenereignisse, deren tieferer Beweggrund der Zusammenkunft sich den Anwesenden entzieht.

Der Ansatz von Masse und Kultur erinnert an die Idee des Volksempfängers. Kultur für alle in eine Richtung, Kultur als Spektakel, von oben über den Volksempfänger an alle, Kultur als Machtinszenierung.

In Linz bahnt sich die Kultur den Weg hauptsächlich von oben nach unten. Kultur ist durch und durch städtische Angelegenheit. Magistratskultur neben den Angeboten des Landes und einiger weniger unabhängiger Anbieter. Ein Kulturangebot, hochgezogen von der Politik und verwaltet von und durch die Behörden.

Es kommt nicht von ungefähr, daß die letzten beiden Landeshauptmänner und die letzten beiden Bürgermeister über die Kultur in ihre Ämter gehievt wurden. Dobusch war Rektoratsdirektor der Kunsthochschule und in der Posthofseilschaft, Schanovsky überhaupt selber Literat, Pühringer kann sich den "Trauner Herbst" auf die Fahnen stecken und ohne Ratzenböck gäb's kein Landeskulturzentrum Ursulinenhof. Kultur, die Steigleiter in die hohe Politik.

Bei dieser Betrachtung zeigt sich klar, daß Kultur ein Machtmittel ist, das man nicht aus der Hand gibt. Diese Art der Machtausübung ist als Befriedungsstrategie der Masse angelegt, alle mit möglichst viel Einwegkultur zu versorgen und möglichst zeitgemäß die differenzierten Bedürfnisse nach Kultur abzudecken. So betreibt man spartenspezifisch ein breites Kulturangebot in allen Disziplinen, in verschiedenen Häusern, die man als Stadt natürlich selbst betreibt, programmiert und verwaltet. Kultur ein rosa Zuckerl zum leicht verdaulichen Verzehr.

Linz auf dem Weg zur unverwechselbaren Kulturstadt

"Kulturstadt" ist kein Einzelphänomen dieser Zeit. Überall dort, wo kommerzielle Verwertung aussetzt, wird Kultur auf den Plan gerufen. Linz steht in direkter Konkurrenz zu anderen "Kulturstädten". Alleine in Österreich versuchen sich die Städte Graz, Salzburg, Klagenfurt, Bregenz, Wien als Kulturstadt zu profilieren. Wie kann nun die Stadt Linz angesichts dieser Tatsache ein eigenständiges Format entwickeln?

Linz hat sich die Zukunft als Tradition auf die Fahnen geschrieben. Dieser Ansatz ist fast zwingend, Linz kann sich auf keine Tradition einer städtischen Kultur berufen und wenn, dann hat sie erst mit den Anfängen der Industrialisierung begonnen.

Diese industrielle städtische Kultur eröffnet eine Kultur, die ohne einer auf der Schulter lastenden klassischen Tradition, ohne Vorbehalte Neues erproben kann. Der Nachteil dabei ist, daß dafür aber das entsprechende Umfeld fehlt, ein aufgeschlossenes Publikum, ein philosophischer Diskurs, Publizität und internationaler Anschluß.

Was sind nun die Potentiale dieser Stadt, wo sind die Chancen für ein unverwechselbares Profil? Öffnen, Interesse erregen, Ungeahntes wachrufen - sagt der Bürgermeister.

Offene Kulturstadt Linz

Ausgehend von den von der Stadt in Umlauf gebrachten Schlagworten "Demokratisierung der Kultur", "Kultur für alle", "Kultur-Öffnung" möchten wir unsere Erfahrungen in die Diskussion einbringen. Resultate unserer jahrelangen praktischen Arbeit in der Stadt, sei es im eigenen Haus (Offene Bühne, offene Werkstätten, Hang Out, ...) oder bei unseren Aktionen im öffentlichen Raum (Ars auf der Brücke, Hauptplatz, ...).

Offene Stadt heißt: ein offener Diskurs in und über die Stadt, über Stadtgestaltung. Das heißt Einbindung von Initiative, Kunst und Kultur in die öffentlichen Prozesse der Stadt.

Die Kulturentwicklung muß vom Programm "Kultur für alle" zum Programm "Kultur von allen" mutieren. Anstiftung zur Initiative.

Anstiftung zur Initiative heißt Demokratisierung von Kultur, heißt Initiative zulassen und fördern. Demokratisierung der Kultur heißt, Verantwortung abtreten und die Macherinnen und Macher machen lassen. Demokratisierung von Kultur heißt, das sofortige Ende des Verteilungskampfes zwischen Einrichtung, der öffentlichen Hand und unabhängigen, initiativen Künstlern & Kulturschaffenden, heißt Selbstbestimmung und Selbstverwaltung fördern. Bislang hat die Kulturverwaltung sich selbst einen geschützten Markt aufgebaut, der es für die Unabhängigen doppelt schwer macht, unter ungleichen Voraussetzungen aufzutreten.

Aufgabe der Kulturpolitik ist es, ein Klima für die Generierung von Anlässen & Projekten zu schaffen und diese in Folge zu propagieren. Ein Wechselspiel von oben nach unten und von unten nach oben, und umgekehrt.

Die Kulturverwaltung soll die Rahmenbedingungen herstellen und über demokratischen Einsatz und Verteilung der Mittel wachen. Sie darf keineswegs selbst als Veranstalter oder Kulturstättenbetreiber auftreten. Aber realpolitisch fließt das Geld in die großen Dinge, die von Stadt und Land direkt oder vorgelagert betrieben und propagiert werden.

Die Stadt Linz publiziert jede Menge über ihre Leistungen, vornehmlich Propaganda, das heißt einseitige Darstellung der eigenen städtischen Leistungen, von eigenen Veranstaltungen und selbstbetriebenen Kultureinrichtungen, anstatt Rahmenbedingungen für eine möglichst vielfältige regionale und lokale, unabhängige & kritische Publizität zu schaffen. Offene Kulturstadt heißt Förderung offener Kunst- und Kulturprojekte/Produktionen und schließt die fast ausschließliche Widmung an einige wenige Häuser aus. Bestehende Einrichtungen sind integrativ zu einer Förderung der offenen Kunst- und Kulturproduktion zu aktivieren.

Da aber die bestehenden Strukturen meist mit eigenen Anliegen eingedeckt sind, führen sie einerseits ein isoliertes Dasein, andererseits können sie einer offenen Produktion nicht ausreichend entgegenkommen.

Offene Produktionssysteme

Nun braucht es zur Förderung der offenen Kunst- und Kulturproduktion eine Reihe von noch zu etablierenden Serviceeinrichtungen bzw. Stabsstellen, die Produktionen in rechtlicher, finanztechnischer, PR-betreffender, technologischer (Werkstätten) und räumlicher Hinsicht unterstützen. Diese sollen ausgelagert in selbständiger Organisationsform betrieben werden, betreut von Kuratoren mit zeitlichem Horizont und ausgestattet mit Budget. Initiative ist eine heikle Pflanze, die nicht nur erst entdeckt werden muß, sondern deren Heranwachsen einer kontinuierlichen Förderung bedarf. Dazu braucht es "Mittler", die aus ihrer persönlichen Geschichte heraus Nähe zu den Schaffenden haben.

All das spricht gegen weitere Repräsentationsbauten wie z.B. den Neubau eines Musiktheaters. Wir schließen uns dem Diskussionspapier von Harald Schmutzhard an, das die Rückeroberung des öffentlichen Raums als Benutzung vorhandener Kulisse einfordert und sich für eine offene Produktionsumgebung ausspricht.

Stadt in Szene setzen. Konfrontation, lokales Schaffen fit machen und nationalem und internationalem Schaffen gegenüberstellen. Förderung internationaler und nationaler Kooperationen. Hierbei hat sich ein gewisser Erfahrungshorizont bei der Ars Electronica eröffnet. Alleiniges Plazieren der lokalen Szene beim Festival bedeutet noch lange kein internationales Engagement. (Mit dem Festival kommen wenigstens einige "Verrückte" in diese Stadt, um Perspektiven zu öffnen.)

Fazit: Alles ein halbes Jahr zusperren und neu überdenken.

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