Kultur als soziologischer Grundbegriff beschreibt die Werte und Normen, die Techniken und Instrumente, die sich eine Gesellschaft geschaffen hat, um ihr Miteinander zu organisieren. Einen wesentlichen Bereich stellen die Überlieferung und Verwaltung des sozialen Erbes und das Bereitstellen von Grundlagen für die Entwicklung und Weiterentwicklung von Lebensräumen und Lebenssituationen für die jeweiligen Mitglieder dieser Gesellschaft dar. Kultur wird in diesem Papier daher umfassend verstanden und beschränkt sich nicht ausschließlich auf die Beschäftigung mit den "schönen Künsten" oder der Pflege von Tradition und handwerklichen Fertigkeiten.
Demographische Situation
Wir erleben derzeit eine dreifache Alterung der Gesellschaft:
zu erwartender weiterer Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von derzeit 73 Jahren für männliche Neugeborene und knapp 80 Jahren für weibliche (zwischen den beiden letzten Volkszählungen wurden wir statistisch um 3,3 Jahre älter);
der Anteil der älteren Menschen (über 65 Jahre) an der Gesamtbevölkerung wird noch höher werden (Abnahme der Gesamtfruchtbarkeitsrate);
die Zahl der Hochaltrigen (85 Jahre und älter) steigt überproportional.
Strukturelle Situation
Trend zu Klein- und Kleinsthaushalten löst Mehrgenerationenhaushalte ab;
Arbeitsplatz- und Freizeitmobilität schafft räumliche und emotionale Distanzen;
Das familiäre Pflegepotential schrumpft aufgrund der geringen Anzahl von Pflegenden (Kinder aus Ein-Kind-Familien haben in der nächsten Generation keine Onkel, Tanten, Cousins, aber u.U. vier alte Großeltern), aber auch aufgrund der Zunahme der außerhäuslichen Berufstätigkeit der Frauen;
Bei Scheidungen entstehen nicht nur Scheidungswaisen, sondern u.U. auch unversorgte Scheidungsgroßeltern;
Der angespannte Arbeitsmarkt polarisiert zwischen Jugend- und Altersbeschäftigung als wichtigstes sozialpolitisches Ziel.
Bewertung
Die "Überalterung" einer Gesellschaft ist in erster Linie eine Folge des Geburtenrückganges und damit ein Beitrag zur Reduzierung der Bevölkerungsexplosion und bedeutet historisch einen zivilisatorischen Fortschritt. Sie ist jedenfalls keine "Schuld" der Älterwerdenden.
Diese historisch erstmalige Situation, daß es so viele so alte Menschen in einer Gesellschaft (in einem Kontinent, in einer Weltbevölkerung) gibt bedeutet, daß die jetzt alte Generation keine Vorbilder, keine Lernmodelle hat.
Angesichts eines drohenden Generationenkonflikts (in welchem Interesse herbeigeredet?) sind jedenfalls neue Strategien erforderlich. Vor allem auch deshalb, weil nach der Jahrtausendwende eine erhebliche Anzahl der WählerInnen im Seniorenalter sein werden.
Die "Neuen Alten" und ihre Bedürfnisse
Die angeblich bedürfnislose, sparsame, dankbare und demütig empfangende Kriegsgeneration (= self-fulfilling prophecy?) ist im Aussterben. Die künftigen Generationen der Älteren (Mainstream 60+ im Seniorenmarkt) werden selbstbewußter, selbstbestimmter, anspruchsvoller, aber vor allem gebildeter, mobiler (der Führerschein ist ein Merkmal, das aus dem jugendlichen Erwachsenenalter mitgenommen wird) und auch zum größten Teil finanzkräftiger sein (die Entwicklung der Pensionsfinanzierung könnte hier allerdings die Prognosen ungültig machen).
Mit dem Erreichen der gesetzlichen Altersgrenzen (60/65) erwartet den Menschen ein Lebensabschnitt von etwa 20 Jahren. Dies ist kein Anhängsel an das mittlere Erwachsenenalter, gleichsam eine "Restzeit", sondern eine eigenständige Lebensphase, die nach Handlungsorientierung ruft (Biographisierung des Ruhestandes).
Das "Alter" umfaßt eine Zeitspanne von 25 bis 35 Jahre. Die "Alten" sind daher eine äußerst inhomogene Gruppe und die Unterschiede innerhalb dieser Gruppe sind oftmals größer als zwischen ihnen und Angehörigen anderer Altersgruppen.
Die individuelle Einordnung in die Kategorie "Senioren" erfolgt wesentlich später als es die eher defizitär formulierte gesellschaftliche Rolle vorsieht. Menschen jenseits der 60 fühlen sich daher nicht als "Sonderkategorie", sie möchten nicht beiseite geschoben werden oder ausschließlich als hilfsbedürftige Mängelwesen behandelt werden. Alt fühlen sich Menschen meist erst dann, wenn sie körperlich und/oder geistig hilfebedürftig werden, nicht jedoch aufgrund eines bestimmten Geburtstages. Das Etikett "Seniorenprogramm" zeitigt daher nicht immer den gewünschten Erfolg.
Sehr alte und/oder kranke Menschen sind und bleiben Erwachsene mit eigenen Bedürfnissen und mit dem Recht auf Selbstbestimmung und würdevoller Begegnung.
Kulturelle Aktivitäten sind auf folgenden Ebenen wünschenswert:
Das Altern lernen: Vorbereitung auf den Ruhestand (auch gemeinsam mit dem Partner/der Partnerin), Vorbeugung, Vorsorge;
Seminare, Bildungswochenenden in den letzten Arbeitsjahren, betriebliche Vorsorge, Gesundheits- und Ernährungskampagnen, Wanderausstellungen z.B. zu Fragen der Wohnungsanpassung, leicht lesbares und handhabbares Informationsmaterial;
Sinnfindung im Ruhestand (oder Alter oder wenn der Partner/die Partnerin im Ruhestand ist) unterstützen: Was ist Freizeit, wenn es das Pendant Arbeitszeit nicht gibt? Neue Kontakte, Wahlverwandtschaften bilden, Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit anbieten, neue Wohnformen diskutieren und entwickeln, themen- und bedürfnisorientiert und nicht ausschließlich lebensalterzentriert arbeiten;
Nachholen, wofür nie Zeit war und sich Gönnen, was man früher nicht konnte, Reisen, Geselligkeit, Studium, Hobbies... durch gezielte Aktivitäten ermöglichen;
Reisen in die eigene Vergangenheit organisieren, Reisen gemeinsam vorbereiten und durchführen, Gruppenaktivitäten anbieten, z.B. zusätzlich zu den bereits bekannten wie Spielgruppen etc. ein literarisches Cafe, in dem bekannte und neue Literatur vorgestellt und diskutiert wird, Musikcafes (Musiktherapie ist ein wichtiges Instrument für die Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit, der Aktivierung des Gedächtnisses etc.), Schreibwerkstätten, Geschichtsgruppen, in denen der eigenen Vergangenheit nachgespürt werden kann (Ergebnisse aus diesen Aktivitäten könnten den Gemeinde- und Landesaltentagen oder bestimmten Jubiläen einen kreativen Anstrich verleihen). Diese Aktivitäten aber nicht nur für die Gesunden, Mobilen bereitstellen, sondern auch entsprechend adaptieren, wenn die Interessierten langsamer, hilfeabhängiger, unselbständiger geworden sind. Z.B. auch für BewohnerInnen von Heimen, es ist den körperlichen Veränderungen Rechnung zu tragen, es müssen also andere Darbietungsformen gewählt werden (Großdruckbücher, Hör-Bücher, Angebote in Blindenschrift, langsames Sprechen und Vorlesen, Beginnzeiten den Bedürfnissen anpassen, Zubringerdienste organisieren, die Dauer der Konzentrationsfähigkeit anpassen, d.h. besser öfter als zu lang, usf).
Hilfen zur Bewältigung des Alters anbieten und das Wissen und die Problemlösungskapazitäten aktualisieren (Umgang mit neuen Medien, Gesetzen, Hilfeangeboten);
Engagement und Ehrenamt wertschätzen und ermöglichen, Wege zur solidarischen Gemeinscahft aufzeigen, indem der Begriff "Arbeitsleben" neu definiert wird; Tauschbörsen, verantwortliche und verantwortungsvolle Mitarbeitsmöglichkeiten anbieten, kein "Gnadenbrot", aber auch Verantwortungsbewußtsein bei den älteren Menschen wecken und entwickeln, z.B. Selbstverwaltung von Clubs, Veranstaltungen, sozialen Diensten, etc. (siehe Seniorengenossenschaften in Baden-Württemberg).
Neugestaltung der Generationen-Beziehungen initiieren und damit auf die sozialstrukturellen Veränderungen korrigierend reagieren, gesellschaftliche Bewußtseinsarbeit forcieren, Begegnungsmöglichkeiten zwischen den Generationen schaffen; z.B. Wohnprojekte alt und jung, Wohnen für Hilfe, Erzählcafe, Schulprojekte, Medienkoffer für den Unterricht etc.
Eine neue gesellschaftliche Grundhaltung erzeugen, die die alten Menschen nicht als Last sieht, sie aber auch nicht ethisch-moralisch lediglich aufgrund ihres Alters überhöht, die alte Menschen nicht als besondere Spezies wahrnimmt, sondern als gleichwertigen, gleichberechtigten und gleichverpflichteten Teil der Gesamtgesellschaft. Dies müßte ausstrahlen auf die Inhalte und die Organisation der Altenhilfe-Angebote, auf Pflegekonzepte, aber auch auf das Bewußtsein der älteren Generation selber. Wettbewerbe (Foto, Roman, Drama, Architektur) können den Problemkreis Alter ebenso thematisieren wie Podiumsdiskussionen, Dokumentationen in TV und Radio oder Artikelserien.
Kultur äußert sich im Dialog
zwischen den Generationen
zwischen den Kulturschaffenden und den KonsumentInnen
zwischen den alten Menschen
