PETER ASSMANN: „Linz Kunstmetropole"

Das Wort Metropole beinhaltet Weltgeltung und die kann Linz bei aller Vielfalt des erreichten Status kultureller Aktvititäten doch nicht für sich in Anspruch nehmen. Ich denke, es ist aber gerade heute am Ende des 20. Jahrhunderts der Zeitpunkt gekommen, den Begriff Metropole ein wenig anders zu definieren. Das Ersetzen von Geographie durch Geschwindigkeit (siehe Paul Verilio) führt dazu, daß es mit den rassanten Mitteln der heutigen Informationsübertragungstechnik keine Informationszentren und Informationsrandgebiete mehr gibt. Dies gilt natürlich auch für die Kunst. Es erscheint daher in diesem weiten Fluß absolut notwendig, eine inhaltlich klar definierte kulturelle Identität zu entwickeln. Eine solche Identität läßt sich nicht verordnen oder planen, sie läßt sich nur in ihrer Entwicklung fördern. Ein zentrales Schlagwort scheint mir hier der Aspekt der kulturellen Vielfalt zu sein. Einer qualitativen Vielfalt, die sich im kritischen Diskurs entwickelt, in einer permanenten Diskussion verschiedenster Standpunkte, die weder nivelliert werden sollen noch autoritär einander angeglichen, sondern sich durch ihre Reibung miteinander zu immer größerer Intensität entwickeln können. Deshalb gleich zu Beginn mein Credo für eine möglichst große Vielfalt an Kunstinstitutionen in dieser Stadt. So exakt das jeweilige Arbeitsfeld dieser Institutionen umrissen werden sollte - im Sinne eines Tätigkeitsschwerpunktes - so wichtig erscheint mir aber auch die Öffnung dieser Institutionen nach außen und auch die Öffnung im Hinblick auf eine mögliche Zusammenarbeit.

Betrachtet man von diesem Standpunkt aus die historische Entwicklung, so zeigt sich doch ein aus meiner Sicht nicht angebrachtes Konkurrenzdenken im speziellen zwischen den Kulturinstitutionen der Stadt Linz und des Landes Oberösterreich, die vielfach ihren gemeinsamen Sitz in Linz haben. Eine positive Konkurrenz im Sinne eines qualitativen Wettstreites erscheint mir sehr wichtig (siehe oben), nicht jedoch die gegenseitige Ausgrenzung bzw. Dialogunfähigkeit, die ich manchmal leider beobachte. Aus einer historischen Perspektive betrachtet, hat sich Linz durch die kontinuierliche Ausstellungstätigkeit der Neuen Galerie wie auch durch das Festival Ars Electronica - in den letzten Jahren, wie ich meine, auch durch die Ausstellungen meiner Institution sowie des Offenen Kulturhauses - einen hohen Aufmerksamkeitsgrad im Bereich der bildenden Kunst schaffen können und nach außen auch das „Image" einer kulturfreundlichen, aufgeschlossenen und zukunftsorientierten Stadt vermitteln können. Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, diese vielfältigen Inititativen auch immer wieder thematisch zusammenzuführen, und mein erster Vorschlag für eine solche Diskussionsthese betrifft die gemeinsame Durchführung von Großprojekten zur bildenden Kunst, die wie das von mir initiierte Kubinprojekt durchaus so funktionieren können, daß mit geringem Mitteleinsatz allein auf der Basis der vorhandenen Budgets der Institutionen ein großes internationales Projekt zustande kommen kann. Diese Projekte sollten durchaus fachübergreifend konzipiert und zu einem kulturellen Fixpunkt werden. Ars Electronica geht zwar in diese Richtung, ich denke aber doch, daß der kulturelle Interessentenkreis ein zu geringer ist, um ausschließlich auf dieser Basis eine solche thematische Klammer für ein Großprojekt zu bilden. Ars Electronica als Teilbereich eines solchen Großprojektes erschiene mir jedoch sehr wichtig. Es sei mir an dieser Stelle gestattet, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß es in den langen Jahren von Ars Electronica bisher noch zu keiner umfassenden Zusammenarbeit mit allen Kunstinstitutionen in der Stadt gekommen ist. Wenn entsprechende Vorbehalte gegen eine solche Zusammenarbeit bestehen, so denke ich, müßte es aber doch auch möglich sein, diese Vorbehalte im Rahmen eines gemeinsamen Projektes als Diskussionsbeitrag zum Ausdruck zu bringen. Dies jedoch nur als eine Marginalie.

Ein wichtiger Punkt, der sich aus der oben angesprochenen Vielfalt heraus entwickelt, ist für mich auch das Verständnis von Kulturarbeit als permanenten Prozeß der Vielfalt. Ich sehe wenig Sinn in publicitysüchtigen Großveranstaltungen, bei denen ein sehr großer Teil des Budget in PR-Aktivitäten gehen muß; Budgetmittel, die vielleicht in manchen Fällen besser zur Realisierung aktueller künstlerischer Projektideen eingesetzt werden könnten. Der Weg meiner Institution geht jedenfalls in diese Richtung, und ich hoffe doch, unter Beweis stellen zu können, daß auch bzw. gerade aufgrund einer Fülle von kleineren Veranstaltungen, immer wieder verbunden mit größeren Schwerpunktsetzungen, ein entsprechend großer Publikumskreis erreicht werden kann.

Entscheidend ist für mich hier wiederum eine der zentralen Problemstellungen der Kunst der Gegenwart bzw. der Kunst des 20. Jahrhundert: die Kluft zum Publikum. Die kontinuierliche Arbeit in diese Richtung zeigt für mich immer wieder, daß diese Kluft nur durch eine absolut konsequente Kunstvermittlungsarbeit überbrückt werden kann.

Kunstvermittlung muß daher nach meinem Dafürhalten ein dezidierter Auftrag an sämtliche Kunstinstitutionen sein, mit der entsprechenden Förderung von Seiten der Öffentlichen Hand. Die größten Erfolge der Kunstvermittlung sind im Bereich des Einzelgespräches, der persönlichen Einladung und Anbindung zu erreichen. Hier ist es natürlich notwendig, in kleineren Einheiten zu operieren und nicht darauf zu hoffen, daß mit einer Pauschalaktion nun alle Gräben überbrückt werden können. Ein wesentlicher Vorschlag von mir geht hier in die Richtung einer stärkeren Koordination zwischen Kunstpräsentations- und Vermittlungsorten und Bildungseinrichtungen. Im Bereich der Schule und auch des Kindergartens funktioniert dies schon sehr gut, wesentliche Mängel sind hier aus meiner Sicht im Bereich der Erwachsenenbildung zu beobachten. Institutionen der Erwachsenenbildung seien daher aufgerufen, sich aktiv an diesem Projekt Kunstvermittlung zu beteiligen und den Kontakt zu Kunstinstitutionen entsprechend effizient und intensiv zu gestalten.

Unter dem Aspekt der Vielfalt ergibt sich für mich auch die Beobachtung eines eklatanten Fehlens von Galerieinstitutionen, die in den schon angesprochenen kleinen Einheiten operieren können. Das Fehlen dieser Institutionen impliziert auch das Fehlen einer größeren Sammlerschicht, die für ein aktives Kunstgeschehen so notwendig ist. Es ist mir klar, daß von Seiten der Öffentlichen Hand diese Galerieinitiativen kaum aus dem Nichts heraus aufgebaut werden können. Um so mehr erstaunt mich aber die Tatsache der fehlenden Unterstützung der vorhandenen Struktur der Galerien, wobei ich hier vielleicht auch auf das Beispiel der sehr engagierten früheren Galerie im Posthof hinweisen möchte. Bei allem Verständnis für Raumprobleme müßte es doch möglich sein, einen engagierten Kunstvermittler und Präsentator hier entsprechend helfend zu unterstützen.

Um es vielleicht zusammenfassend so zu formulieren: Die Stoßrichtung nach innen muß unter dem Aspekt der Kunstvermittlung eine intensive Förderung kleiner Vermittlungsaktivitäten sein, die Stoßrichtung nach außen eine Koordination der vorhandenen Großinstitutionen zu großen Projekten; beide Stoßrichtungen stets unter dem Aspekt der Vielfalt und vor allem einer kritischen Diskussion. Die permanente Reibung, also die ständige Auseinandersetzung, erscheint mir ein sehr wesentlicher Antriebsmotor für den Fortschritt der Kunst, und es ist daher aus meiner Sicht als eine Kulturvision für Linz durchaus notwendig hier auch eine entsprechende Förderung dieser reflexiven Initiativen voran zu treiben. Symposien, entsprechende Fachzeitschriften, Diskussionsrunden und ähnliches sind zwar zumeist wenig spektakulär im Sinne eines breiten Publikums. Sie liefern jedoch erst die Basis für eine produktive Weiterarbeit und eine wirklich kritische Betrachtung des Geschehens. Gerade hier hat auch die Öffentliche Hand viele Möglichkeiten, mit geringem Mitteleinsatz sehr viel an geistiger Bewegung zu bewirken. Ich möchte abschließend noch festhalten, daß ich mich sehr freue, hier an diesen Visionen der Stadt Linz mitdenkend mitzuwirken. Ich sehe meine Einladung durchaus als Signal einer größeren Kooperation zwischen den verschiedenen Kulturbehörden und Institutionen; ein Signal der Zusammenarbeit, das mir in besonderer Weise wichtig für diesen auf die Zukunft gerichteten Kulturort Linz erscheint.

Mögliche Detailfragen bzw. strukturelle Annäherungen an andere Kulturbereiche außer der bildenden Kunst sind allerdings nur in Form langfristiger intensiver Gespräche erörterbar.

Ein Ideenpapier wie das vorliegende kann nur (vielleicht) Anregung für eine solche Diskussion sein.

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