FRANZ STREHL: Die Johannes Kepler Universität - ihre Rolle für die Kulturstadt und das Wirtschaftszentrum Linz

Allgemeines

Entsprechend dem gesetzlichen Auftrag lassen sich mindestens sechs Funktionen für die Johannes Kepler Universität (JKU) nennen:

eine Funktion als Forschungseinrichtung

eine Erziehungs-und Bildungsfunktion

eine Berufsvorbereitende Ausbildungsfunktion

eine Weiterbildungsfunktion

eine Servicefunktion, z. B. zur Regional- und Kommunalentwicklung etwa durch Technologie-Transfer

eine soziokulturelle Funktion, z. B. als kulturelles Zentrum oder als Institution mit Angeboten für die Öffentlichkeit u.v.a.m.

Mit diesen nur beispielhaft aufgezeigten Funktionen sind vielfältige regionale und internationale Herausforderungen der Johannes Kepler Universität verbunden. Ihr Standort als Campusuniversität in Linz steht im Brennpunkt dieser Herausforderungen und ist maßgeblicher Baustein für die eigene Identität.

Ich verstehe die Rolle der JKU als integraler Bestandteil der öffentlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und technischen Lebensbereiche in Stadt und Land. Sie ist im Rahmen ihrer Kernbereiche als Forschungs- und Lehrstätte bestrebt, als Kooperationspartner aufzutreten, die Zusammenarbeit weiterzuentwickeln und ihren spezifischen Beitrag auf lokaler und internationaler Ebene einzubringen.

Positionierung und Perspektiven

Wichtiges Element für die Zielorientierung ist der gemeinsame Dialog mit allen wichtigen Kooperationspartnern der JKU. In den Kernleistungen der Universität, nämlich in Forschung und Lehre, soll aus meiner Sicht im wesentlichen folgendes Programm aufgegriffen und weiterentwickelt werden:

Unter dem Titel "Offenheit bzw. Öffnung" als gezielte Gegensteuerung zum traditionellen und oft auch plakativen Vorwurf des "Elfenbeinturms" ist eine Entwicklung der Forschungs- und Lehrleistungen verstärkt in Richtung gesellschaftliche Relevanz beabsichtigt. Die Universität ist bestrebt, ihren Beitrag für wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen durch eine entsprechende Grundlagenforschung sowie praxisrelevante Forschung und Entwicklung zu forcieren. Gute Beispiele gehen hier voran, so etwa die Einführung von Mechatronik, die Etablierung des RISC in Hagenberg, der Ausbau der informationstechnologischen Institute, die Einführung der Handelswissenschaften, Mission Statement für die SOCRATES-Programme, u.a.

Die Universität wird diesen Weg weitergehen und relevante Bereiche auch im internationalen Kontext weiterentwickeln. Neben der nationalen Schiene ist vor allem die internationale Positionierung der Johannes Kepler Universität für die Stadt Linz transparent zu machen.

Ein besonderes Kapitel wird im Bereich der angewandten Forschung der Auftragsforschung eingeräumt werden müssen. Die Verschränkung von Wissenschaft und Praxis ist für beide Seiten nutzbringend. Auftragsforschung ist einerseits eine Serviceleistung der Universität für die Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft, insbesondere auch im städtischen und regionalen Raum, andererseits ermöglichen sog. "drittmittelfinanzierte Projekte" den staatlichen Etat entscheidend zu verbessern. Sie sind ein Beitrag für die Forschung und zudem ein wertvoller Erfahrungsschatz für universitäre Lehre, was den Studierenden zugute kommt.

"Wissenschaftstransfer, Wissenschaftspräsentationen". Unter diesen beiden Schlagworten verbergen sich durchaus traditionelle Aufgaben der Universität, allerdings verpackt im neuen Gewand. Ein klassisches Mittel der Universität des 19. Jahrhunderts für Forschungs- und Sammlertätigkeit war das Museum und die mit dem Museum verbundene Sammlungs,- Forschungs- und Präsentationstechnik (Humboldtsches Ideal) gemäß den traditionellen Aufgabenfeldern von "forschen, sammeln und bewahren". Diese weitgehend innenorientierte Schausammlung und Präsentation ist mit Anbruch der Informationstechnik überholt. Das Museum von gestern ist die Zukunftswerkstatt von morgen. Die Mitarbeit der JKU am "Ars Electronica Center" ist beispielgebend für einen neuen Ansatz und eine Weiterentwicklung des alten Humboldtschen Ideals. Aus meiner Sicht ist die innenorientierte Schausammlung verstärkt durch eine außenorientierte und kundenbezogene Vermittlung zu erweitern. Vor dem Hintergrund einer sich rasant entwickelnden Informationstechnologie ist so etwa auch das Verständnis bibliothekarischer Aufgaben neu zu überdenken. Eine Orientierung am Kunden wird dabei zentrales Element sein, wobei zur Förderung der Benutzerfreundlichkeit insbesondere der Einsatz von modernen Informationstechnologien ausgebaut werden soll. Weiters gewinnen Serviceaufgaben, wie ein gezielter Wissens- und Technologietransfer zunehmend an Bedeutung. An der JKU ist hierzu der Aufbau einer eigenen Forschungsdatenbank in Arbeit. Diese Forschungsdatenbank, die voraussichtlich ab Mitte 1997 über das Internet zugänglich sein wird, hat die wichtige Funktion einer Schnittstelle zwischen Universität und Öffentlichkeit. Interessierten Kooperationspartnern, Behörden, Unternehmen, insbesondere den lokalen Klein- und Mittelbetrieben, in- und ausländischen Hochschulen und anderen Einrichtungen sowie interessierten Personen soll eine schnelle und problemlose Kontaktaufnahme ermöglicht werden. Neben der Schnittstellenfunktion sehe ich darin auch die Möglichkeit einer Marketingfunktion.

Die verstärkte Anbindung an die Praxis soll auch in der Lehre ihren Niederschlag finden. Noch immer sind die Stadt und das Land Oberösterreich für unsere Absolventen die Hauptaufnehmer. Dementsprechend soll nicht am Arbeitsmarkt vorbei, sondern im permanenten Dialog eine zukunftsorientierte wissenschaftliche berufsvorbildende und zugleich arbeitsmarktrelevante Ausbildung geboten werden.

Darüber hinaus gilt es neue Lehrformen zu entwickeln. Schon jetzt sind von unseren 17.000 Studierenden etwa 6.000 teil- und vollberufstätig, wobei das traditionelle Bild des rund um die Uhr verfügbaren Studenten weiter an Bedeutung verliert. Um dennoch eine hohe Ausbildungsqualität im fachlichen wie im überfachlichen Bereich (wie z.B. Problemlösungskapazität, Kommunikationsfähigkeit u.a) zu gewährleisten, müssen neue Formen des Lernens aus- bzw. aufgebaut werden. Der Einsatz neuer Technologien, "open und distance learning", die Kooperationen mit anderen Ausbildungsinstitutionen werden verstärkt werden müssen. Eine besondere Aufgabe kommt dabei dem Zentrum für Fernstudien zu. Gemäß der Satzung wird die Universität Linz auch in Zukunft die Leitung aller Fernstudienzentren in Österreich innehaben.

Die immer stärkere Durchdringung der Arbeitswelt mit Anteilen der Wissenschaft verlangt von der Universität eine verstärkte Praxisorientierung, eine höhere Kundenorientierung und ein dementsprechendes Angebot an Serviceleistungen, wie etwa im Bereich der Weiterbildung. Das bisherige Angebot soll weiterentwickelt und unter dem Aspekt des "lebensbegleitenden Lernens" unter Einsatz entsprechender technologischer und medialer Lernhilfsmittel ausgebaut werden. (So etwa auch durch eine Kooperationsmöglichkeit mit dem "Ars Electronica Center").

Nationale und internationale Präsenz erfordert zweierlei, nämlich Flexibilität und Mobilität. Flexibilität bedeutet eine angemessene schnelle und positive Reaktion auf wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Dynamik. Sie soll in Zukunft verstärkt bei der Gestaltung von Inhalten und Strukturen der Studienpläne zum Tragen kommen als auch bei wissenschaftlichen Themen. Eine Förderung der Mobilität soll durch bestmögliche Ausnutzung und Teilnahme der Lernenden und Lehrenden an den verschiedenen europäischen Programmen und durch internationale Partnerschaften erreicht werden. "Outgoing und Incoming" sind ein Beitrag zur Öffnung nach Europa und der internationalen Kooperation.

Einen wichtigen Ansatz für die Zusammenarbeit von Universität und Öffentlichkeit wird die Etablierung des Universitätsbeirates als Plattform für den Dialog bilden. Der Universitätsbeirat wird aus Vertretern von wichtigen Institutionen des öffentlichen und privaten Sektors sowie durch Absolventen der JKU repräsentiert werden. Er soll die Bedeutung und die Leistungen der JKU im regionalen, nationalen sowie internationalen Kontext thematisieren und in seiner strategischen Ausrichtung die Chancen aus dem raschen Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nutzen sowie im besonderen "Visionen und Ziele" der Universität Linz mitgestalten. Gemäß seinem gesetzlichen Auftrag (§ 56, Abs.1 UOG’93) wird sich der Universitätsbeirat schwerpunktmäßig mit längerfristigen Bedarfsberechnungen der Universität, mit der inneruniversitären Personal- und Budgetverteilung, mit der Durchführung von Evaluierungsmaßnahmen für Lehre und Forschung und mit der Kooperation der Universität mit Wirtschaft und Gesellschaft befassen.

Das neue Organisationsgesetz (UOG ‘93) räumt den Universitäten mehr Autonomie ein. Die JKU wird diese Möglichkeiten entsprechend ausgestalten und verstärkt wahrnehmen. Bereits lanciert bzw. in Planung sind interne Projekte, wie z.B. Strategieentwicklung, Leitbildentwicklung, Evaluierungskonzepte bzw. -maßnahmen, Controlling, Kosten- und Leistungsrechnung, Bedarfsberechnungen und aufgabenbezogene Budgetierung. Angestrebte Ziele sind eine Erhöhung der universitären Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit sowie eine Verbesserung der zielgruppenorientierten Nutzerfreundlichkeit. Diese Projekte sollen außerdem eine Basis für die Öffnung der Universität und für die Prioritätensetzung bilden.

Hinsichtlich des spezifisch kulturellen Beitrags lassen sich einige Ansätze orten. Neben der traditionellen Schiene der Mitwirkung, wie im Rahmen von geistes- und kulturgeschichtlichen Themen, sind dies vor allem einzelne kulturelle Aktivitäten, die allerdings teils mit den Kernaufgaben der Institute nicht in unmittelbarem Konnex stehen. Zu nennen sind beispielsweise das Universitätsorchester, die Aktivitäten des Kulturinstituts an der JKU, der Lehrgang "Kulturmanagement", Ausstellungen, Theateraufführungen u.a. Die Universität als Stand- bzw. Austragungsort von Kultur soll einerseits unterstützt werden, andererseits soll die Kooperation zwischen den Kulturträgern gefördert werden. Die Universität ist gerne bereit, hier einen Beitrag zur Förderung des kulturellen Bewußtseins und der kulturellen Aktivitäten der Studierenden, seiner Absolventen und der Öffentlichkeit zu leisten.

Resümee

Ich strebe im Rahmen der Möglichkeiten der Johannes Kepler Universität an, einen Beitrag zum Gesamtaufschwung von Stadt und Land zu leisten und möchte diesbezüglich auf bestehende Kooperationen aufbauen bzw. neue gemeinsam entwickeln. Ich verbinde die Hoffnung, daß der bereits eingeleitete Dialog von allen Mitwirkenden mit gleicher Bereitschaft und Interesse wahrgenommen wird.

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