Derzeit werden quer durch ganz Europa und angeführt von den eher vorausblickenden Politikern Leitbilder für Städte, Regionen, Länder und manchmal sogar Staaten erstellt, die die Zukunft der Kultur definieren sollen. Anlaß dafür ist nicht nur die zunehmende Integration Europas, die regionale Identitäten und Verschiedenheiten fordert, sondern auch die Hoffnung auf ein Wirtschaftswachstum eines bislang unbelichteten Faktors und wahrscheinlich noch mehr das Bauen auf einen Lebensfaktor, der helfen soll, die kommenden Umbruchszeiten besser zu bewältigen.
Wenn man Kultur als Summe von Verhaltensweisen versteht, die über die Befriedigung der vitalen Lebenstriebe hinaus wirkt, ja sogar wenn man Daniel Bells Einschränkung der Anti-Technik-Welt einbezieht, bleibt eine Unschärfenbestimmung des Begriffs Kultur, die vermutlich über den Faktor Kunst besser behoben werden kann. Allerdings verlangt dies nach einer Definition, die über die traditionellen und konventionellen Maßstäbe hinausreicht und die im 20. Jahrhundert die Alltagskunst ebenso mit einschließt wie alle historischen Ausformungen antiker Hochkultur. Sie ist dann leistbar, wenn Kunst als Höchstentwicklung des schöpferischen Potentials des Menschen in der Versinnlichung von Ideen, Vorstellungen, Wünschen und Denken verstanden wird, wo es um die individuelle schöpferische Leistung geht - gleichgültig, ob audiell, visuell, verbal, haptisch etc. - und die Differenzen zwischen Funktionen, Autonomien, Schichtenzugehörigkeiten oder Verständlichkeiten eher vernachlässigbar sind.
Kunst ist demnach die ästhetische Dimension der Kultur, die Gestaltungsverantwortung hat, und wo die ästhetische Differenz den qualitativen Wert ausmacht.
Kultur wäre demnach im ästhetischen Sinn ein Derivat der Kunst, weil jedwede ästhetische Leistung als individuelle Innovationsleistung in der Regel über zwei Generationen hindurch zum Allgemeingut absinkt und dann auch jene Massenakzeptanz erreicht, die als kulturelle Identität sinnstiftend wird.
Wenn Kunst und Kultur seit Beginn der nachweisbaren Menschheitsgeschichte sowohl in Quellen als auch überlieferungsmäßig in allen Gesellschaften vorhanden war und auch im Breitenspektrum der Menschheitsgeschichte aus keiner Gesellschaft, keinem Stamm, keinem Volk wegzudenken ist, kann daraus geschlossen werden, daß Kunst lebenskonstitutiv ist, was nichts anderes heißt, als daß menschliches Leben ohne den Faktor Kunst gar nicht vorstellbar wäre.
Dies gilt immer, für alle Zeiten und für alle Schichten, gleichgültig, ob Kunst als solche definiert wird oder erkennbar ist, gleichgültig, welche völlig verschiedenen Ersatzbegriffe aus völlig verschiedenen Motiva-tionen dafür verwendet werden.
Die Jahrtausendwende setzt wie auch schon die neunziger Jahre - zumindest in den wesentlichen Industriestaaten - auf den Paradigmensprung qualitativen Wachstums, das zunehmend mehr und mehr das quantitative Wachstum abzulösen begonnen hat. Der Motor der gesellschaftlichen Entwicklung läuft demnach nicht mehr über die Anhäufung, sondern über die Qualifizierung von Produkten, Dienstleistungen, Materialität.
Dieses qualitative Wachstum aber vermittelt der Kunst als Breitenprodukt eine Chance, wie sie sie zur Zeit des quantitativen Wachstums nur schichtenspezifisch oder als Zusatzprodukt gehabt haben dürfte. Da das Regelsystem des Künstlerischen per se auf Qualität zugeschnitten ist, ist anzunehmen, daß die Methodik zwingend oft auch zum Produkt selbst wird.
Dies bedeutet in bezug auf die neuen Anforderungen einer Gesellschaft mit globalen Ausrichtungen wachsende Bedeutung des Qualitativen nicht nur in der Massenrelevanz, sondern auch im Austauschsystem der Werte.
Selbst wenn man den pessimistischen Aussagen, daß nur mehr 20% der Weltbevölkerung am direkten Produktionsprozeß beteiligt sind, nicht Glauben schenken will, ist offensichtlich, daß für den reinen Kapitalerwerb des Produktmarktes derzeit wahrscheinlich nur mehr ein Drittel der Menschen zuarbeiten müssen. Zwei Drittel werden demnach von diesem Produktionsprozeß ausgeschlossen sein, was bedeutet, daß sie auf andere Arbeit oder Beschäftigung umsteigen müssen. Dies wird zweifellos zu einem großen Teil eine neue Dienstleistungsgesellschaft erzeugen, die mit geteilter Arbeit und mit weniger oder stagnierendem Einkommen in Relation zur Produktionsarbeit auskommen muß, andererseits wird für viele Menschen ein hohes Zeitbudget von Einheiten existieren, die - wie jetzt bereits als Freizeit - durchaus aber auch als erwerbslose Arbeitszeit konsumierbar sind. Denn sowohl die neuen Produktionsmechanismen als auch die Vernetzung zur Dienstleistungsgesellschaft erfordert eine permanente Aktivität des Lernens (lebensbegleitendes Lernen), das sich als berufliches, kapitalorientiertes Investment ebenso versteht wie als notwendiger Schritt zur Partizipation an der Gesellschaft und zur Erhaltung der Kommunikation.
Dieser Aspekt der erwerbslosen Arbeit wird demnach in vielen Bereichen auf Bildung fußen, was bedeutet, daß die Konnexion von Kunst, Kultur und Bildung mit dem Leben in eine weit engere Verzahnung als bisher eintritt. Erleichtert wird dies zweifellos dadurch, daß die neuen Bildungsmechanismen sehr ähnliche Aufbaustrukturen haben wie die Zugänge zur Kunst, und daß im Umgang mit der Kunst Modelle vorgestellt werden, die als Lernstrukturen für den Erwerb zukünftig notwendigen Wissens und seiner Regulierung angesehen werden können.
Die Vernetzung von individuellem Engagement des selbstorganisierten Lernens gegenüber dem institutionellen Lernen (vor allem an öffentlichen Stellen) wird Realität werden. Das bedeutet die Aneignung von Kompetenzen, die selbstorganisiert, institutionell oder auf dem freien Markt erworben werden können, die gleichzeitig auch über das bloß Fachlich-Methodische hinausreichen müssen und für die Verankerung des Staatsbürgers in der gesellschaftlich notwendigen sozialen Struktur ebenso anwendbar sein müssen wie für die Erfüllung persönlichkeitsgebundener Emotionen oder der Anläufe zur Bewältigung der Lebensrealität.
Kunst (Kultur) wird demnach nicht mehr eine Elitefunktion haben können oder den Status der Zufälligkeit. Sie wird letztlich die Modelle für das gesellschaftliche Lernen bieten müssen, für das Lernen am Modell, die Priorität der Simulation, das Begreifen verschiedener Kulturtechniken, die Erzeugung von Wissensordnungskategorien, das Heranziehen von Wissensagenturen zur Aufarbeitung des vorhandenen gespeicherten Wissens und die Vermittlungsfunktion zwischen dem komplizierten Objekt des Lernens und dem mit dieser Kompliziertheit keineswegs vertrauten Subjekt.
Diese Bildungsstruktur wird, falls man der Gehirnphysiologie und der Entwicklungspsychologie glaubt, in den Lebensjahren früher ansetzen müssen, als dies bisher der Fall war, nicht so sehr weil die familiäre Lehrtradition in Frage steht, sondern weil das holistische, ganzheitlich orientierte kindliche Denken (bis zum 8. Lebensjahr) relativ ungenützt bleibt bzw. vom analytischen zu früh abgelöst wird.
Das bedeutet eine notwendige Reform des gegenwärtigen Schulsystems durch die Emanzipation anderer Lernfähigkeiten gegenüber dem kognitiven Lernen, den Vorrang des Methodenlernens vor dem Wissenserwerb quantitativer Art, die Priorität präziser Fragestellungen gegenüber vorschnellen Antworten sowie selbstverständliche Akzeptanz von pluralistischen Anschauungen, die im Wissenskontext ebenso relevant sind wie in der sozialen Praxis.
Während die Globalisierung des Marktes mit dem ihm eigenen Interessensdruck die Kriterien von Ausbildung durchsetzt, haben die öffentlichen Institutionen als Regelwerk der Gesellschaft die Aufgabe, nötigenfalls Korrektiva im Sinn von Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Solidarität entgegenzusteuern. Bildung ist demnach Sozialisation von Ewigkeitswert, frühkindlich prägend, aber dann immer wieder neu evaluierbar und entsprechend den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nachzujustieren. Zielsetzung dieses Bildungselements ist, daß der einzelne mit sich selbst und den herrschenden Verhältnissen klarkommt, ein persönlich glückliches, erfülltes Leben in Aussicht gestellt sieht (trotz einer möglicherweise schwierigeren Arbeitswelt) und mit Inhalten versorgt wird, die über den bloßen Kapitalerwerb hinausgehen. Die soziale Disposition, die im Geiste einer Korrektur gegenüber den Interessen des Kapitals auch andere Menschlichkeitsinteressen zu vertreten hat, wird eine der wichtigsten Positionen der öffentlichen Hand bleiben müssen.
Dies bedeutet, daß die öffentliche Hand - gleichgültig, ob in großen oder kleinen Einheiten organisiert - als Sachwalter der Gemeinschaft existieren muß, damit als Anwalt eines humanen, sinnvollen Zusammenlebens, das auch unbezahlt im Güteraustausch begründet ist, und das dem bloßen Kapitalbewußtsein andere, menschlichere und menschenadäquatere Eigenschaften entgegenzusetzen hat. Das bedeutet Vermitt-lungssysteme zu schaffen, die ab dem frühkindlichen Alter partizipierbar sind, wo auch andere Argumentationen als rein kapitalistische vermittelt werden. Das bedeutet möglicherweise Veränderung der Schulrealität von heute und heißt immer wieder seitens der Öffentlichkeit nicht nur Beispiele zu geben, sondern auch Vorgaben zu setzen, die diesen Zielen entsprechen. Das heißt, daß über Bildungsinvestitionen die Identitätsstiftung ebenso angegangen wird wie die Kritik des Faktischen, die Kritikfähigkeit entwickelt wird als notwendiges Korrektiv des Bestehenden, Berufsfelder Berufsspezialitäten ablösen und Methoden entwickelt werden, die ein würdevolles Leben auch bei möglichen ökonomischen Schwierigkeiten garantieren können.
Die öffentliche Hand wird im wesentlichen für drei Stoßrichtungen als Animator-Vorbild vermittelnder und organisierender herangezogen werden:
für die private Selbstverwirklichung
für die Gestaltung des gemeinsamen Lebensraumes
für die Herausstellung neuer kommunikativer Strukturen, die anpassungsfähig an die jeweiligen Bedürfnisse selbst in angespannten ökonomischen Situationen nicht panisch reagieren.
Die private Selbstverwirklichung
Dies bedeutet eine Anleitungshandhabe für bewußte und positive Lebensgestaltung im Sinn von Ausbildung und Bildung, die Möglichkeit der Vernetzung beruflicher wie außerberuflicher Realisierungschancen, die nicht nur die eigenen Fähigkeiten, sondern auch die Bedürfnisse und Möglichkeiten sinnvoll einbezieht.
Die Gestaltung des Lebensraumes
heißt Verantwortung für das Äußere im architektonischen, visuellen, audiellen und verbalen Kontext, die Direkteinflußnahme als Träger der Gestaltungsinstanz und Animation und Kontrolle im Fall der Fremdträgerschaft. Außenansicht heißt nicht Stadtbildgestaltung allein, sondern letztlich Raumklima für eine soziale Erträglichkeit, die über mehrere Generationen hinausreicht. Die Nachhaltigkeit der einmal getroffenen Entscheidungen betrifft nicht nur die direkte Gegenwart, sondern auch spätere Generationen und das damit entstehende Geschichtsbild.
Die kommunikativen Strukturen
sind heute nicht nur von multiplen, sondern wahrscheinlich auch multikünstlerischen und multikulturellen Aspekten stärker abhängig als früher. Dies bedeutet materiellen wie immateriellen Einsatz und aufgrund der Dominanz des Marktes Korrekturen bzw. Gegenmodelle. Für die Konstituierung von Großereignissen beispielsweise wurden bislang kaum Modelle entwickelt, die über den Faktor der Beliebigkeit, was Ort und Zeit betrifft, hinausgehen. Die Notwendigkeit, eigene Konzepte zu entwickeln und durchzusetzen ist nicht nur eine Verpflichtung des kritischen Elements, sondern auch eine Strategie zur Sicherung von Identität ästhetischer Differenz und der notwendigen Differenzierung von anderen, im gleichen Großkontext existierenden Organisationen. Voraussetzung für die Akzeptanz derartiger Spezifika ist zweifellos die Investition von Bildungsprogrammen, gleichgültig, ob schulisch oder außerschulisch programmiert. Damit wird aber nicht nur die Integration des Individuums in die soziale Gemeinschaft der überschaubaren Nähe konstituiert, sondern auch die Möglichkeit, im globalen bzw. kontinentalen Rahmen Aufmerksamkeit zu erregen und Modelle vorzulegen, die für eine allgemeinere Diskussion unerläßllich sind.
Wahrscheinlich geht es in der Zukunft nocht mehr als bisher um den Nachweis einer merkbaren Leistung, die konkurrenziert vergleichbar ist und möglicherweise als Modell dienen kann. Deswegen die wichtigen Fragen nach dem wirtschaftlichen Standort, der damit verbundenen touristischen Attraktivität, nach der Sogwirkung zur Versammlung künstlerischer Kapazität, nach Bildung, gegliedert nach Sektoren und nach Affirmation der Szene. Letztlich dient aber dieser Leistungsnachweis nicht nur für die Korrektiva des Marktes, sondern macht darüber hinaus ökonomisch brachliegende Ressourcen wirksam und schafft neben aller individuellen Befriedigung auch ökonomische Wettbewerbsvorteile, die budgetär von einiger Relevanz sein werden. Zweifellos leistet dieser Leistungsnachweis auch Schadensbegrenzung, die Kunst in jedem Fall leistet (privat als Sinngebungsinstanz und Therapieform, für die Szene als partizipiertes Kommunikationsmodell, für das Großereignis als gemeinschaftsstiftendes, menschenverbindendes Instrumentarium).
Und so erzeugt Kunst auch einen Mehrwert, der durchaus auch in ökonomischen Zahlen gemessen werden kann und zum materiellen wie immateriellen Wertzuwachs einer Gesellschaft Bedeutendes anbietet. Das Bewußtsein für diesen Mehrwert ist nicht nur via Sensibilität zu schaffen, sondern durch die Evaluierung kulturpolitischer Maßnahmen auch öffentlich zu konstatieren und materiell zu bewerten. Diese ökonomische Bedeutung wird in Zukunft ebenso relevant sein und politisch argumentierbar wie jenes Humankapital, das die Kunst über ihre Schaffenden, ihre Vermittelnden und ihre Publika einbringt. Letztlich wird sich keine Gesellschaft - gleichgültig in welchem quantitativen Rahmen - leisten können, auf Kunst zu verzichten und statt dessen Ersatzkategorien anzubieten. Der Konkurrenzdruck vor allem des europäischen Umlands zwingt zum Vergleich und läßt Defiziten, gleichgültig, wie immer verschuldet, keine Chance.
Nimmt die öffentliche Hand als Sachwalter der Kunst ihre Aufgabe nicht wahr, kann man sicher sein, daß ihr Versagen in kurzer Zeit von Marktanbietern kompensiert wird, was allerdings in der Regel die Aufgabe des Gemeinsamen und des für alle Schichten Zugänglichen bedeutet. Gerade eine gesellschaftliche Situation, deren Methodenlehre so nah der Kunstlehre zu sein scheint, kann auf den Komplex Kunst nicht verzichten - nicht als Substanz, nicht im Bildungsbereich, nicht im Analogieverfahren zu erwerbenden Wissens. Formungen und Formulierungen werden topographisch verschieden sein und möglicherweise sich auch gewaltig unterscheiden. Nur: zu glauben, daß man jetzt die Kunst als Gestaltungsfaktor negieren kann, wäre ein Irrtum mit schwerwiegenden Folgen. Diesen bewußt zu begehen, hieße gesellschaftliche Selbstaufgabe. Die Entwicklung von Neuem, Denkbarem, Identifizierbarem, von Akzeptanz Getragenem und durchaus Wettbewerbsfähigem ist angesagt und - die Konkurrenzen laufen schon, ob man es will oder nicht.
