Linz hat in den letzten zwei, drei Jahrzehnten eine Art kultureller Gründerzeit erlebt. Zum altehrwürdigen Landestheater und zur Neuen Galerie der Stadt Linz kamen hinzu: Brucknerhaus, Posthof, Theater Phönix, Theater des Kindes, Ursulinenhof, Offenes Kulturhaus, Landesgalerie im Landesmuseum, Stifter-Haus, zuletzt das Ars Electronica Center, und, wer weiß, vielleicht werden die Jüngeren unter uns auch noch den Bau eines neuen Musiktheaters erleben.
Und überall, allüberall findet Kultur statt, Hochkultur, Populärkultur, Volkskultur auch die sogenannte Alternativkultur (was immer man darunter heutzutage verstehen mag).
Und dann die großen "Events": Das Brucknerfest, deren Klangwolke zum Markenartikel geworden ist, der Prix Ars Electronica, um den sich sogar Menschen aus dem fernen Hollywood bewerben.
Also wirklich, wer da noch jammert!
Manche tun’s, und das sind die, die nach Inhalten fragen. Oder gar nach der Kunst. Oder nach sowas, was man altmodisch Geistesleben nennen könnte.
Wird in diesem Lande in kulturellen Fragen irgendwo irgendwas gedacht und diskutiert, was auch außerhalb des Landes Aufmerksamkeit findet? In der Kunsthochschule zum Beispiel? Oder in den Künstlervereinigungen?
Wer nach sowas fragt, nach Inhalten nämlich, nach geistiger Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit, naja, nach einem Geistesleben halt, der läuft heute Gefahr, als elitär denkend abgestempelt und ins Eck gestellt zu werden; Kultur habe sich gefälligst den breiten Massen zu öffnen, basta!
Die breiten Massen, ach ja. Sie sind zum Maßstab geworden. Die Zahl der Zuschauer oder Zuhörer entscheidet darüber, ob ein Kultur-"Event" gut war oder nicht. Lockt die diesjährige Klangwolke noch mehr Leute in den Donaupark als im Vorjahr, dann war sie gut.
Ich gestehe, daß ich, was die Auseinandersetzung mit einigen speziellen Fragen der Kultur angeht, nicht geringe Hoffnungen ins neue Ars Electronica Center setze. Ich halte es durchaus für möglich, daß man dort über das Vorführen dessen, was am MIT oder sonstwo schon gedacht wurde, hinaus selber zu forschen, zu denken und - wenn möglich - auch querzudenken beginnt. Aber gleich überfällt mich wieder Skepsis, wenn ich an die Eröffnung des AEC denke. Was hat man da vorgeführt? Wiederum ein gewaltiges Feuerwerkspektakel. Traut man den ureigenen Medien nicht? Oder hat man geglaubt, unbedingt auch was für die breiten Massen, fürs "Volk" tun zu müssen?
"Kunst ins Volk!", der Gedanke ist alt. Die Sozialdemokraten der Zwischenkriegszeit wollten einerseits die Kluft zwischen der bürgerlichen Hochkultur und der Arbeiterschaft überwinden, andererseits eigene, neue, der Arbeiterschaft adäquate Kulturformen entwickeln. Ähnliches hat dann vom Beginn der Kreiskyära an sozialdemokratische Kulturpolitik in der Zweiten Republik noch einmal versucht, und ich stand, ich geb’s ja zu, solchen Gedanken einmal sehr nahe.
Freilich dachte ich immer, daß alle nur denkbaren Anstrengungen unternommen werden müßten, um Schwellenängste zu überwinden und breiteren Bevölkerungsschichten die Berührungsängste der Kunst gegenüber zu nehmen, Bildung schien mir dabei ein wichtiges Instrument.
Man ist den anderen Weg gegangen und hat die Kunst "konsumentenfreundlicher", g'schmackiger gemacht. Man hat einen sogenannt erweiterten Kulturbegriff erfunden, darin die Kunst untergegangen und verschwunden ist (siehe meinen Beitrag "Von der Vertreibung der Kunst aus der Kultur"). Die Kulturpolitiker und ihre ausführenden Organe, die Kulturbeamten, wollen und können wohl auch nicht mehr unterscheiden, was Kunst ist und was nicht, also fördern sie, was gefördert werden will, und wenn das auch noch große Publikumsakzeptanz verspricht, dann fördern sie’s umso lieber, wir sind schließlich für alle da, nicht für eine elitäre Minderheit, oder etwa nicht?
Aber ja. Nur: Die Zahl der Menschen, die ein Kunstwerk oder eine Kulturveranstaltung erreicht, sagt nichts, aber auch schon gar nichts über die Qualität eines Kunstwerkes oder einer Kulturveranstaltung aus, weder im Positiven noch im Negativen.
Es geht um etwas anderes:
Es gibt eine Kunst, die überzeugen will, und eine Kunst, die will überwältigen. Und dieses Überwältigen-Wollen hat Tradition in diesem so sehr vom Barock geprägten Land, denn Barock = Propagandakunst der Gegenreformation, und die Gegenreformation war gewalttätig und hat gewaltige Spektakel veranstaltet. Dieser Tradition sind wir immer noch verhaftet, aus ihr heraus ist zu verstehen, warum ein neues Musiktheater als dringendstes Kulturanliegen erscheint und warum die Feuerwerk-Laser-Spektakel-Klangwolke als Höhepunkt des kulturellen Jahresablaufs empfunden wird - mit klar definiertem Erfolgsmaßstab: noch ein paar zigtausend Watt Verstärkerleistung mehr und noch ein paar zigtausend Besucher mehr, noch mehr Laserstrahlen, noch mehr Schiffe auf der Donau, noch mehr Feuerwerk, und schon war’s noch toller als im Vorjahr.
Dieses Verwechseln von Quantität und Qualität hat natürlich auch etwas Provinzlerisches und darf nicht verwundern in einem Land, wo man, wenn man essen geht, in erster Linie nach der Größe der Portionen urteilt. Beim Schnitzel ist nicht wichtig, daß es aus hervorragendem Fleisch gemacht ist und in erstklassigem Fett gebacken, es muß nur so groß sein, daß es über den Tellerrand hängt, darauf kommt’s den meisten an.
Qualität zu erkennen erfordert gerade in künstlerischen Belangen Sachkenntnis und geschulten Geschmack, von der Quantität aber kann sich auch der Unbedarfteste beeindrucken lassen.
Was aber noch viel bedenklicher ist: Die Spektakelkultur braucht, weil kostenintensiv, die Übereinstimmung von Künstlern und den Politikern, zu deren höheren Ehre die Spektakel recht eigentlich ja veranstaltet werden.
Kunst aber lebt, wenn sie gut ist, seit den Zeiten der Aufklärung sehr häufig in Opposition zu den Machthabern. Auch wenn das heute grad wieder einmal aus der Mode ist, beharre ich darauf, daß das so sein soll, daß nämlich der Künstler (und besonders der Schriftsteller) eine gesellschaftliche Funktion auch jenseits des Entertainments, jenseits der Spektakel hat.
Wir leben auch deshalb in einer Zeit der Spektakelkultur, weil das die den Politikern angenehmste ist, viel angenehmer jedenfalls als eine Kunst, die Fragen stellt, die wie alle guten Fragen so leicht nicht zu beantworten sind.
