Im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau eines Musiktheaters für Linz wurde 1993 eine Studie über die "Umwegrentabilität" der Kultursubventionen vorgelegt. Ich habe damals schon (in einer öffentlichen Diskussion und in der Zeitschrift "99") darauf hingewiesen, daß es für Künstler gefährlich sei, den wirtschaftlichen Nutzen von kulturellen Vorhaben oder Einrichtungen zum qualitativen Kriterium zu erheben. Denn der Stellenwert der hier und heute geschaffenen Kunst, die nicht instrumentalisierbar (z.B. nicht "umwegrentabel"), sondern einfach nur Kunst ist, werde dadurch noch geringer werden. Die Künstler seien im sogenannten Kulturbetrieb ohnehin auf dem Rückzug, im Vormarsch seien die Projektemacher.
Die "Events" im Kulturbetrieb, in die das Geld aus der Kulturförderung hauptsächlich fließt, entstehen heute nämlich so: Man erfindet ein kulturelles Projekt, möglichst ein Großprojekt (auch damit man sich selbst als Projektleiter und vielleicht noch ein paar Freunde als Projektmanager anstellen kann), und sagt dann den Künstlern: "So, jetzt laßt euch dazu was einfallen!"
Früher einmal stand am Anfang eine künstlerische Idee, ein künstlerisches Werk, für das ein Rahmen geschaffen wurde (so bei den Salzburger oder den Bayreuther Festspielen). Heute steht am Anfang vielfach der Satz "Wir sollten irgendwas machen". Aus Gründen der Ankurbelung des Fremdenverkehrs, aus Gründen der Arbeitsplatzbeschaffung für Kulturmanager, aus Gründen der Umwegrentabilität, jedenfalls aus außerkünstlerischen Gründen. Kunst hat in diesen Projekten nur Platz, wenn sie sich instrumentalisieren läßt.
"Künstler fungieren dabei nur mehr als Lieferanten, die durch den Dienstboteneingang in die Spiegelkabinette der Institutionen gelassen werden", hat Gottfried Hattinger schon 1992 in »99« geschrieben. Und Erich Hackl hat im Zusammenhang mit dem ersten Kulturmanager-Artikel in "99" in der "Presse" dies festgestellt: "Jedes Idiotenprojekt wird, sofern es propagandistisch verwertbar ist, die politisch Verantwortlichen also zu legitimieren vermag, begeistert gefördert; aber der Anteil der Förderungsmittel, der unmittelbar den Kunstschaffenden zugute kommt, ist verschwindend gering. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Hoch- und Alternativkultur, sondern zwischen Planern, Gestaltern, Beiräten, Konzepterfindern, Kunstagenten einerseits und Künstlern andererseits."
Michael Scharang schrieb im Zusammenhang mit dem Österreich-Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse 1995 vom unaufhaltsamen Auseinanderbrechen von Kunst und Kultur. Und Sigrid Löffler hat unlängst in einer Diskussion gemeint, inzwischen habe die Kultur kaum noch Platz in der "Kultur".
Spätestens hier muß man sich fragen, was denn eigentlich gemeint ist, wenn heutzutage von Kultur die Rede ist. Wer wie ich darauf besteht, daß Kunst darin wenigstens Platz haben müsse, wird immer wieder auf einen "möglichst breiten Kulturbegriff" verwiesen. Nun, der breiteste, den ich kenne, ist der in der Ethnologie übliche: Es kennzeichnet unsere Kultur, daß wir (die meisten von uns) mit Messer und Gabel essen, daß wir (die meisten von uns) in festen Häusern wohnen etc. Das kann nicht gemeint sein, so weit kann der Kulturbegriff derer, die an die Gelder aus der Kulturförderung heranwollen, nicht gefaßt sein. Wie weit dann? Weiter als den alten bürgerlichen Kulturbegriff, zu dessen Definition ganze Bibliotheken geschrieben wurden, wollen ihn die Kulturmanager schon verstanden wissen. Aber wie weit genau?
Mit Angeboten für "sinnvolle" Freizeitgestaltung hat’s irgendwas zu tun, scheint mir. Im Wort Kulturtourismus dürfte ein Hinweis versteckt sein, ebenso im Wort Kulturindustrie.
Die pragmatischste Definition scheint mir inzwischen die: Kultur ist (heutzutage) das, was Kulturpolitiker dafür halten und was Kulturmanager managen.
Die Künstler, die sich darauf einlassen, blicken goldenen Zeiten entgegen. Sie können Ästhetik-Zulieferer der Fremdenverkehrsindustrie werden, der Freizeitindustrie überhaupt aber auch der Papierindustrie, der Elektronikindustrie etc. Und man denke nur an die mit dem Kultur-Sponsoring verbundenen kommerziellen Möglichkeiten! Die Wirtschaft hat diese Möglichkeit der Imagepolitur durch Kultur entdeckt, wer ihr entsprechende Anlässe zu schaffen imstande ist, hat finanziell vermutlich ausgesorgt.
Freilich: Es gibt Unbelehrbare unter uns, die von Theater nichts weiter wollen als spannende, intelligente, möglichst atemberaubende Theatervorstellungen. (Wenn das Theater auch noch der Wirtschaft hilft, na schön, soll sein, aber darauf kommt’s nicht an.)
Manche verlangen von einem Buch immer noch, daß es nichts weiter als ein spannendes, intelligentes, möglichst atemberaubendes Buch sei.
Manche glauben nach wie vor, ein Bild habe einfach ein gutes Bild zu sein, sonst nichts ...
Manche glauben sogar daran, künstlerisches Denken und künstlerisches Arbeiten habe seine Aufgabe nicht in der Affirmation, sondern im kritischen Befragen des jeweils herrschenden Zeitgeistes.
Man hat vor ein paar Jahren einmal öffentlich die Frage gestellt, wie denn eine Region, zum Beispiel Oberösterreich, seine kulturelle Identität (was immer das konkret auch sein mag) in einem großen Europa werde bewahren können. Auf eine solche Fragestellung lautet heutzutage die Antwort: "Darüber müssen wir eine Studie in Auftrag geben und ein Symposion veranstalten".
Ich, altmodisch wie ich bin, denke an die identitätsstiftende Wirkung großer Kunstwerke. Wir hielten, um irgendein Beispiel zu nennen, die Iren nicht schon deshalb für ein Kulturvolk, wenn im Hinterzimmer jedes zweiten Pubs eine Kulturinitiative logierte oder wenn dort ein Kulturprojekt nach dem anderen geschmiedet würde, wir halten die Iren für ein Kulturvolk, weil Irland zum Beispiel Dichter wie Jonathan Swift, James Joyce, Samuel Beckett und ein Dutzend mehr noch von dieser Qualität hervorgebracht hat.
Hierzulande kann ich inzwischen vor lauter Kulturinitiativen, Kulturstätten, Kulturprojekten, kultursoziologischen Studien und Kulturmanagern bald keine Kultur mehr sehen. Vom Gesichtspunkt des Arbeitsmarktes her scheint diese Entwicklung vernünftig, weil damit, wenn auch nur kurzfristig, Arbeitsplätze für sonst schwer Vermittelbare geschaffen werden. Kulturpolitisch ist’s fatal, denn tatsächlich hat sich da neben der beamteten eine neue, zweite Kulturbürokratie etabliert. Und man täusche sich nicht, auch diese Bürokratie neigt wie jede Bürokratie dazu, sich zu verfestigen und zum Selbstzweck zu werden.
Übrigens: Nichts gegen Kulturmanager an sich. Der Staatsoperndirektor ist ein Kulturmanager. Der Intendant des Steirischen Herbstes ist ein Kulturmanager. Der Intendant eines ORF-Landesstudios ist ein Kulturmanager, das heißt, er verwaltet ein Medium, in dem Kultur, sogar Kunst stattfinden kann. Und wenn ich in diesem Medium Kunst machen will, red ich mit ihm drüber, und wir kommen zu einer Lösung oder nicht. Wenn ja, muß ich verantworten, was ich da tu, und er muß verantworten, daß er mich läßt.
Ja, vor allem auch um Verantwortung geht es. Ein Kennzeichen dieser neuen, zweiten Kulturbürokatie ist es, daß die Kulturmanager neuen Typs stets im Rudel auftreten. Immer entscheidet ein Gremium oder ein Jury, nie gibt es daher einen, der dann auch die Verantwortung für eine Entscheidung trägt.
Daß es so weit hat kommen können, liegt daran, daß auch die Träger der ersten Kulturbürokratie, die Kulturbeamten, die Verantwortung für künstlerische, kulturelle und kulturpolitische Entscheidungen nicht mehr tragen wollen. Wer will heute schon öffentlich sagen, was er für Kunst hält und was nicht! Also delegiert man, das schaut außerdem auch noch demokratisch aus.
Also entscheiden dann (nicht über den Budgetrahmen, aber über die Verteilung des Budgets) die neuen Kulturmanager. Wenn man bedenkt, daß, um einer zu werden, keine besondere Fachkompetenz nachgewiesen werden muß, daß man sich vielmehr nur irgendwie hineinreklamieren muß in diese neue Bürokratie, dann wird verständlich, warum auf dieser Ebene die künstlerischen Entscheidungen stets nach dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners getroffen werden. Das sind in der Kunst allemal die schlechtesten Entscheidungen. Und das führt letztendlich zur Vertreibung der Kunst aus der Kultur.
