Kulturpolitik und Kunstförderung bedürfen einer gründlichen Revision, das wird nirgendwo ernsthaft in Zweifel gezogen. Gerade in einer Zeit, in der die Gefahr der irreversiblen Zerstörung von mühsam Erreichtem besonders groß erscheint und für viele zur existentiellen Bedrohung wird. Der große Boom unserer Kulturentwicklung, die „Neue Kulturpolitik" der siebziger Jahre - eine entschiedene intellektuelle Reaktion auf die Restauration der fünfziger und sechziger Jahre - fiel in eine Wirtschaftsphase, in der es nicht unbedingt nötig war, neue Aufgaben, die in ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz erst einmal definiert waren, auf langfristige Finanzierbarkeit zu überprüfen. Unter dem Aufruf zu mehr Mut zur Demokratisierung entstanden neue Felder selbstbestimmter, experimenteller Kulturarbeit, die weit in das damalige Verständnis von Sozialpolitik hineinwirkten. Sie sollten den im Umgang mit etablierten Kunstformen ungeübten, den Verweigerern und Widerständlern Mut machen, sich mit ganz konkreter Praxis für eine neue Gesellschaftspolitik zu engagieren. Darüber hinaus lehrten sie, daß der Umgang mit Ästhetik und deren Techniken viel an sinnlichem Vergnügen vermittelt. Die ersten Beispiele machten schnell Schule, die erfolgreiche Arbeit der „Alternativen Szene" ließ sich ohne große Probleme institutionalisieren. Soziokultur war nicht nur zum vielzitierten Schlagwort geworden, sie bezeichnete vielmehr Nischen, in denen das Neue und Ungewöhnliche ausprobiert, in denen kommunikatives Handeln und Gemeinsinn entstehen konnte. Vieles davon ist inzwischen längst im kulturellen Alltag aufgegangen, gehört geradezu selbstverständlich zum Bild der Stadt.
Zum Teil aggressiv inszenierte Debatten um diese neuen Formen einer breiteren Beteiligung an der kulturellen Entwicklung und den damit verbundenen Vorstellungen vom „Menschenrecht Kultur" waren Teil konservativer Strategien. Ihnen ging es allerdings nicht um Sinnhaftigkeit, sondern um Artigkeit und Unart, nicht um den ethischen Diskurs, um die Frage nach der Bedeutung, dem Wert ästhetischer Arbeit im Sinne gesellschaftlicher Erneuerung. Sie fürchteten die institutionalisierte Kritik an nach dem Krieg wieder erstandenen, bildungsbürgerlichen Privilegien und denunzierten die Bewegung als Revolution eines vulgären Marxismus. Diejenigen aber, denen es gelang, Kommunikations- und Stadtteilzentren als neue Kulturorte durchzusetzen, Kulturarbeit und ungewohnte Formen der außerschulischen Bildungsarbeit aufzubauen, beschränkten sich in ihrer Rechtfertigung meist auf die Argumentation sozialer Integration. Sie versäumten es, auf den Wert ästhetischer Arbeit zur Gewinnung von sozialem Frieden zu verweisen. Geht es doch in einer sozialen Demokratie auch um die Frage nach der kulturellen Gerechtigkeit, um die Beteiligung von vielen, um den Kampf gegen die kulturelle Ausgrenzung.
Auch findet man kaum eine Bilanzierung der Leistungen im Verhältnis zu den etablierten Einrichtungen, die doch so dringend nötig gewesen wäre. Niemand machte sich die Mühe, die Wirksamkeit sozialstatistisch zu erfassen und plausibel zu vermitteln. Nun, in der Krise ist plötzlich von der Produktorientiertheit kultureller Prozesse die Rede, als ob die so leicht zu messen wäre. Die Angst, das alles wieder zu verlieren geht um.
Nicht nur die tägliche Praxis von Kulturpolitik und Kunstförderung, sondern auch die gesellschaftspolitischen Legitimationen gehören auf den Prüfstand. Die Not der öffentlichen Haushalte ist offenkundig, Diskussionen um die Rechtfertigung tiefer Einschnitte in unser soziales Netz konkretisieren sich immer schärfer auf die Frage, wie die großen gesellschaftlichen Aufgaben, und das sind zum großen Teil die Eckpfeiler der sozial gebändigten Marktwirtschaft, in Zukunft finanziert werden sollen, ohne unser System mit seinen differenzierten Sozial- und Generationenverträgen aus der Balance zu bringen. Im Schatten dieses Sturms läßt sich vorzüglich Unbequemes wieder umdrehen.
Als eine der schwerwiegendsten Ursachen für die Krise wird neben dem ökonomischen Strukturwandel, den geografischen Verschiebungen die Arbeitslosigkeit ausgemacht, die unabhängig von Schicht, sozialem Stand oder Lebensstil jeden Menschen bedroht. Sie beschränkt sich längst nicht mehr auf spezifische Produktionsbereiche, sie kann jederzeit jede und jeden treffen. Als wichtigste Lösung kommt für das einzelne Individuum nur eine immer intensivere, umfassendere und auch flexiblere Qualifikation, die Bereitschaft ständig zu lernen in Frage. Dazu werden die alten Tugenden Fleiß und Gehorsam wieder entdeckt. Lernen erweist sich im lebenslangen Bemühen, den Anschluß an die sich verändernden Anforderungen nicht zu verlieren, als Patentrezept. Allerdings ohne Garantie, das Gelernte anschließend auch nutzbringend anwenden zu können. Immer kürzer werden die Zeiträume, in denen die erworbenen Fähigkeiten und das damit verbundene Wissen zu verwerten sind. Da erscheint es sehr plausibel, daß Wissen und Erfahrung die ständige Erneuerung brauchen und dafür wiederum immer differenziertere Hilfe und Didaktiken zu entwickeln sind. Für die Kulturpolitik ist das eine enorme Herausforderung. Dagegen gibt es nichts einzuwenden.
Zugrunde liegt dieser hinlänglich bekannten Analyse ein Bildungskonzept, das auf einem Menschenbild beruht, das sich aus der Erwerbsarbeit ableitet. Der Mensch erklärt den Sinn des Lebens und seiner selbst aus der Identifikation mit der täglichen Arbeit, die seine Existenz sichert bzw. der in ihr erbrachten Leistung. Die immer schneller werdende Anpassung an den technologischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Wandel erscheint nur über Mehrarbeit und Nochmehrarbeit, über zusätzliche Anstrengungen bewältigbar. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist dementsprechend nicht nur eine Bedrohung materieller Existenzsicherung, sondern Verlust sozialer und kultureller Identität. Verbunden mit dieser schmerzlichen Zerstörung des sozialen Status ist eine tiefe Orientierungslosigkeit, eine nicht mehr ertragbare Hilflosigkeit.
In unserer modernen Industriewirtschaft ist die ethische Diskussion über Werte und handlungsbestimmende Normen durchdrungen von den Geschwindigkeiten von Produktion und Vermarktung, vom ökonomischen Handeln. Private, eigenbestimmte Lebensziele erscheinen einseitig abhängig von der Art und Weise, wie der einzelne sich darin wiederfindet, wie er in diesem Zustand weiter fortschreitender Vergesellschaftung zurecht kommt. Ein immer verfügbares Management instrumentalisierter Ausbildung ist ständig auf neue Innovationen, um Globalisierung und Vernetzung angewiesen. Der fachlichen Fortbildung gebührt die Schlüsselrolle in der leidigen Modernisierungsdebatte.
Was in unserer Kulturdebatte leicht übersehen wird, ist, daß die Identifikation des Menschen und seine Integration in die Gesellschaft über die Erwerbsarbeit eigentlich recht ahistorisch ist und keineswegs für alle Zeiten und alle Gesellschaften - auch die unsere - diese ausschließliche Gültigkeit in Anspruch nehmen kann. Der Mensch will sich von der Fron der Arbeit befreien, um für den eigentlichen Sinn des Lebens bzw. die Suche danach genügend Zeit zu haben. Und dieser Sinn liegt eben nicht in der alltäglichen Erwerbsarbeit. Drängt sich da nicht die Frage auf, ob die "große Krise" nicht eine unsere gesellschaftlichen Fundamente erschütternde Abkehr von einer geradezu kultischen Leistungswürdigung ist? Dann aber geht die genannte Notwendigkeit zur lebenslangen Berufsqualifikation, zur immer neuen Anpassung an den technisch machbaren und deshalb zwingenden Rationalisierungsschüben vorbei? Liegen die Chancen nicht gerade im Ablösen von der eindimensionalen Ausrichtung unseres Lebens an der Erwerbsarbeit?
Möglicherweise ist es eine Chance, nach neuen Lebenserklärungen, Zielen und Utopien zu suchen, wenn die Erwerbsarbeit auszugehen droht, wenn sie neu verteilt werden muß, damit jeder etwas davon hat. Wo aber liegen dann die Herausforderungen für Kultur und Bildung, wenn nicht im unaufhörlichen Druck zur beruflichen Qualifikation? Was bedeuten dann Kontemplation und Muße? In der Dialektik unseres Lebens könnte es die Dynamisierung der Emanzipation von eben diesem Leistungskult einer immer wieder brechenden Erwerbsarbeit sein. Die überall und stärker denn je sich manifestierenden Interessensgegensätze eines hoch entwickelten Individualismus lassen sich nicht durch Forderungen nach weiterer Radikalisierung im Leistungssystem als Heilslehre kompensieren. Das System frißt sich selbst.
Die Entwicklung der breiten Szene hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren aufgezeigt, was Kultur im Sinne einer Rückbesinnung auf politisches Denken und emanzipatorisches Handeln, als Fähigkeit sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen alles leisten kann. Die Befähigung, sich kritisch denkend, reflektierend im Leben zu bewegen, ohne Gängelung und Bevormundung seinen Standpunkt zu finden, um von da aus nach Gemeinsinn zu suchen. Die Befähigung zu Muße und Glück, zu Sinnlichkeit und interpretierender Wahrnehmung, über den Erwerb sprachlicher, ästhetischer und kommunikativer Kompetenzen zu realisieren. Die ästhetische Bildung ist der kritischen Frage nach dem Sinn des Lebens zu verpflichten, der Suche nach dauerhaften Orientierungen. Dauerhaft weil sie sich eben nicht auf Lösung und Konkurrenz beziehen, sondern auf Würde, Schönheit, Liebe und Solidarität, auf einen neuen Sinn im kommunalen Alltag.
Das wichtigste Feld auf dem sich das entwickeln kann, ist die Kulturarbeit mit ihren vielen Facetten, die Chance, sich auch als Ungeübter in den künstlerischen Techniken zu üben und mit Hilfe anderer zu professionalisieren. Ästhetische Arbeit ist Lebensarbeit, sie geht über eng definierte Erwerbsarbeit weit hinaus, Kulturarbeit ist Lebenshilfe. Sie erlaubt in spielerischer Weise und sinnlichem Vergnügen den Umgang mit Werten, Normen, Begriffen und Lebensentwürfen, provoziert das ständige Reflektieren und Reinterpretieren scheinbarer Gültigkeiten. Wo sonst ist das sinnliche Selbstwertgefühl, die Freude an scheinbarer Sinnlosigkeit, an ungewöhnlichen Dingen, die Sicherheit einer nicht zu instrumentalisierenden Phantasie erfahrbar? Die Neugierde wird zum Prinzip, das andere, das Fremde akzeptiert und damit Teil des eigenen Denkens und Handelns.
Das macht den unschätzbaren Wert aus, ganz besonders in einer Zeit, in der die große Kunst zum selbstreferentiellen System erklärt wird, die keiner sozialen Verantwortung verpflichtet ist. Wie aber soll man ihr dann noch etwas abgewinnen, wenn man ohne Privilegien sein Selbstbewußtsein mühsam aufbauen und durchsetzen muß? Die kritische Aneignung der Schönheit, von der Aufregung und Irritation bis hin zur kontemplativen Ruhe und Zentriertheit ist nach wie vor eine lebensentscheidende Notwendigkeit. Das Recht jedes einzelnen auf Kultur bedeutet, daß man dazu abgesehen von Stand und Lebensstil die Chance bekommt.
