Ehrfürchtig und stolz sprechen wir von der Mondsee Kultur. Es ist uns selbstverständlich geworden, darunter die Pfahlbauten, die typischen Werkzeuge, typischen Kunstgegenstände als Ausdruck des damaligen Lebens in seiner Gesamtheit zu verstehen. Als ganzheitlich ausgerichteter und kunstinteressierter Industriebetriebswirtschafter fällt es einem offenbar leichter, sich einem umfassenderen Kulturbegriff zu nähern, als als Vertreter der Künste und der Kunstgeschichte. Kultur ist für mich die Ganzheit der gelebten/geäußerten Werte und des gesellschaftlichen, damit auch des künstlerischen Schaffens. Sie ist die durch den Menschen selbst sich verändernde Grundlage für eine weitere Entfaltung der Nachfolgenden.
Kultur ist daher der Oberbegriff für ARS (Kunst), SCIENCIA (Wissenschaft), INDUSTRIA (Gewerbefleiß). Auch Literatur, das Leben bestimmter gesellschaftlicher Strukturen, Bildung und Sport sind Gliedbereiche der Kultur.
Wenn von einem derartigen Kulturbegriff ausgegangen wird, fällt ein vermeintlicher Antagonismus zwischen Kulturstadt und Industriestadt, die "nur" symbios sind, in sich zusammen. Die Kultur des neuen Linz ist in besonderer Weise nur begreifbar, wenn der Betrachter vom alten und umfassenden Kulturbegriff ausgeht. Linz war immer eine Kulturstadt. Was in den letzten Jahrzehnten mit Weltoffenheit und Anstrengungen erreicht wurde, ist die breitere und tiefere bürgernahe Befassung mit den kulturellen Bereichen der Künste (darstellende und bildende Kunst, Musik) und der Wissenschaften. Diese intensivere Befassung mit diesen Kulturbereichen basiert auf Wertbewußtsein und Visionen. Sie äußert sich in den zahlreichen alten und neuen Einrichtungen zur Pflege und Weiterentwicklung derselben und in der Lebendigkeit deren Nutzung durch die Bürger aus dem Land und durch die Gäste.
Daß sich Kunst und Wissenschaft gerade in Linz modernsten Technologien verschrieben haben bzw. sich derer bedienen, ist ein besonderes und in der Zwischenzeit über Stadt- und Landesgrenzen hinaus respektiertes und bewundertes Kennzeichen. Diese Orientierung gibt Linz und Oberösterreich einen eigenen Stellenwert in der europäischen Kulturlandschaft.
Hier läßt sich gut eine Erkenntnis aus der strategischen Unternehmensführung übernehmen. Jene Unternehmen sind im Wettbewerb am erfolgreichsten, die es verstanden haben, sogenannte "Kernkompetenzen" zu entwickeln und zu pflegen. Im übertragenen Sinn gibt es in Linz bereits hervorragende Beispiele solcher "Kernkompetenzen", die Attraktivität begründen.
Dazu gehören beispielhaft aufgezählt:
die wissenschaftliche Befassung mit Leben und Werk von Anton Bruckner und Adalbert Stifter;
der Umgang mit den Einsatzmöglichkeiten der elektronischen Multimediatechnik in der Kunst;
die Kooperationsfähigkeit zwischen der Industrie und der Kunsthochschule bei der Gestaltung industrieller Produkte;
die Innovationsfähigkeit in der Stahltechnologie und deren praktische Umsetzung;
die gesellschaftliche Überzeugung zur Bildung und Rehabilitation von Behinderten und deren Integration in das Berufsleben;
die Anziehungskraft für Sportereignisse unter Teilnahme der Weltbesten.
Diese Kernkompetenzen gilt es zu vermehren und zu vertiefen. Dies wird zu einer weiteren Verdeutlichung des eigenständigen Profils unserer Stadt führen und ihr in den betreffenden Gebieten "Wettbewerbsvorteile" verleihen, und zwar nicht nur als Stadt zum Leben, Ansiedeln und Besuchen, sondern auch als Stadt, die in diesen Bereichen "aus der Sicht der Europäischen Union" immateriell und materiell zu fördern ist.
Zentrales Anliegen der Kulturpolitik muß es daher in den nächsten Jahren sein, bestehende (erkennbare) Kernkompetenzbereiche zu erhöhen und zusätzliche zu schaffen. Natürlich werden angesichts immer knapper werdender Ressourcen hinsichtlich des Ausbaues bestehender und der Entwicklung neuer Kernkompetenzbereiche Prioritäten zu setzen sein (aufgrund der Individualität der Idee im Megatrend, der verfügbaren kreativen Kräfte und der Realisierbarkeit in der Zeit).
Wenn heute Linz schon eine "Mutterstadt" (gr. metropolis) in der Stahltechnologie, in der ARS ELECTRONICA, im Wissen um das Werk von Anton Bruckner u.a. ist, so sollte als Ergebnis einer umgesetzten Kulturpolitik in ein bis zwei Jahrzehnten Linz diese Rolle noch auf manch anderem Gebiet zukommen.
