BERT ESTL: Jugendkultur in der Krise?

Jugendkultur in der Krise? - so der Titel eines im Jahr 94 von der KAPU, dem Welser Schlachthof und dem Steyrer Kulturverein Kraftwerk gemeinsam organisierten Symposiums.

Im Vordergrund der Diskussion standen damals Entwicklungen in der Jugendkultur, die selbst von uns, den Veranstaltern derselben nicht mehr so wirklich nachvollziehbar wurden. Durch den, von mir jetzt mal so bezeichneten "Nirvana Effekt", kam es zu einer Verschiebung der Bedeutung von Begriffen wie "Underground", "Independent", "Punk" oder "Subkultur". Bands, wie eben Nirvana, Lemonheads, Green Day oder Offspring waren plötzlich nicht mehr Underground, sondern Mainstream. Eine ganze Musikkultur erfuhr dadurch einen radikalen Wandel, der natürlich auch zu einer Verschiebung der Werte, bzw. der Bedeutung dieser Kultur führte.

Eine weitere, in den letzten Jahren zu beobachtende Entwicklung ist die Entstehung einer völlig neuen Musik- oder auch Jugendkulturbewegung - nämlich Techno. Auch Techno entstand ursprünglich als Subkultur, erfuhr aber viel schneller als jede subkulturelle Bewegung zuvor eine radikale Kommerzialisierung und wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer Massenbewegung, die auch heuer noch Millionen zur alljährlichen Loveparade auf den Berliner Kurfürstendamm lockte. Techno ist die Massenkultur der 90er - und Techno ist Konsumkultur.

Zusätzlich ist natürlich die Jugendkultur von einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung betroffen. Lange gültige Werte oder Institutionen, wie die Kirche, Parteien o.ä. Organisationen wie etwa Gewerkschaften verlieren zusehends an Bedeutung als gesellschaftliche Identifikationspunkte und gerade die Jugend steht immer öfter mit leeren Händen da. Viele Jugendliche verwehren sich auch bewußt gegen diese althergebrachten Normen, entziehen sich staatlichen oder kirchlichen Jugendorganisationen und suchen ihren eigenen Weg oder ihren eigenen Platz. Dabei kommt es natürlich immer wieder zu Problemen - in Linz etwa die Situation auf der Donaulände, die ja bekannterweise gerade in den Sommermonaten gerne von einer Vielzahl an Jugendlichen aufgesucht wird. Daß es dabei nicht immer so zugeht, wie es von manchen gerne gesehen wäre, ist selbstverständlich - die Kids wollen nun mal nicht so sein, wie man es von ihnen erwartet - sonst wären sie ja zuhause geblieben und würden ihre Hausaufgaben erledigen. Möglicherweise war die Idee der Streetworker, daß die Kids Verantwortung über ihren Platz übernehmen sollten - und den anfallenden Müll auch selbst beseitigen sollten, ja gar nicht so schlecht. Doch abschließend hat sich gezeigt, daß da viele Fehler gemacht wurden, was nicht zuletzt zu dem katastrophalen Finale beim "Müllfest" am 20.9.96 führte. Der größte Fehler dabei ist natürlich in erster Linie die sozialarbeiterische Herangehensweise der Streetworker. Die Kids wollen nicht betreut werden, die Kids brauchen Platz und die Kids brauchen Freiraum - die Verantwortung darüber würde sich schon selbst im Laufe der Zeit entwickeln.

Ähnliche Fehler lassen sich auch bei der von den Wirten geforderten Befriedung der Altstadt beobachten - um der Situation einen kleinen Rettungsanker zu verpassen, pflanzt man ein paar Streetworker rein, denen es zwar möglicherweise gelingt einen kleinen Teil ihres Klientels ruhigzustellen, die es aber kaum schaffen, die eigentlichen Probleme Jugendlicher - etwa in der Familie, in der Arbeit oder Schule zu lösen. Ein Hauptproblem dabei liegt in der zunehmenden Zentralisierung der Freizeitkultur, egal ob jetzt in der Altstadt oder beim Infracenter, bei einem Megaplex oder dem von Vizebürgermeister Blöchl geforderten Freizeitcenter im Hafen. Die wahren Lösungsansätze der Probleme der Jugendlichen lassen sich sicher nicht in diesen Centers finden, sondern in ihrem unmittelbaren Lebensbereich - und dort wurde bislang viel zu wenig getan. Eine Schlägerei in der Altstadt hat anscheinend einen höheren Stellenwert als eine in irgendeinem leichtfertig als "Glasscherbenviertel" bezeichneten Stadtteil wie etwa Auwiesen oder dem Franckviertel. Eine Aufgabe der Kulturpolitik der Stadt Linz ist die Schaffung von Freiräumen für Jugendliche, Plätzen wo sie ihre Kultur leben können, Plätzen, die sie möglichst selbständig verwalten und organisieren können und die natürlich möglichst dezentral angelegt werden sollten.

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