Wenn ich zu einem Thema, das mich seit mehr als 30 Jahren beschäftigt, einen Kommentar abgebe, ist es verständlich, daß ich mich in manchen Punkten wiederhole. Um eine Entwicklung für die Zukunft zu planen, ist dies aber ohnedies nicht nur vom Standpunkt des Ist-Zustandes aus möglich, sondern es bedarf dazu auch vorangegangener Positionen, um feststellen zu können, welche Richtung bisher erkennbar war und wie es folgerichtig weitergehen könnte.
Zum Titel "Spirit of Linz" möchte ich festhalten, daß dieser erstmals von mir verwendet wurde, als in den frühen achtziger Jahren von der Stadt Linz die technisch-wissenschaftlich orientierten Kunstprojekte forciert wurden und sich eine eigenständige kulturelle Achse abzuzeichnen begann. Aus diesem Grund habe ich auch meiner großen Stahlplastik, die von der Stadt Linz im Gelände der Johannes-Kepler-Universität errichtet wurde, diesen Namen gegeben.
Voraussetzung für die Verwendung eines Begriffes ist natürlich auch im Fall der Kultur, daß dieser vor einer Diskussion definiert wird und nicht - wie vielerorts - der Begriff Kultur nur für künstlerische Bereiche angewendet wird. Kultur muß als Ganzes gesehen werden, als das, was umfassend darunter zu verstehen ist: "Die Gesamtheit der typischen Lebensformen einer Bevölkerung einschließlich der sie tragenden Geistesverfassung". Das heißt, daß der Begriff Kultur unangebracht ist, sobald darunter nur die Hochkunst diverser Festspiele und Museen verstanden wird. Für den "Spirit of Linz" sind in diesem Fall das Frauenhaus und das Haus für Schubhäftlinge und andere soziale Einrichtungen von mindestens ebenso großer kultureller Bedeutung wie der Posthof, das AEC oder das Brucknerhaus. In diesem Sinne ist auch die Forderung zu verstehen, daß jede Abteilung des Magistrats eine Kulturabteilung sein sollte. Nur ein ausgewogenes Zusammenspiel von Wissenschaft, Technik, Kunst und sozialer Wirtschaft kann einen erstrebenswerten Kulturbegriff für eine Gesellschaft darstellen. Kunst ist ein zwar wichtiger, aber nicht der einzig ausschlaggebende Bereich für die kulturelle Entwicklung bzw. den "Kulturentwicklungsplan" einer Stadt.
Vor cirka acht bis zehn Jahren war in Linz oft von "Linz-Kunst" die Rede. Dieser Begriff wurde nie ausdiskutiert, obwohl es meiner Meinung nach damals um das gleiche Problem ging, um das es anscheinend auch heute geht: Um eine "kulturelle Identität durch Kunst".
Grundsätzlich glaube ich, daß in den letzten dreißig Jahren kaum eine Stadt in Österreich, in Europa und darüber hinaus so gute Voraussetzungen für eine künstlerische Positionierung in einer spezifischen Nische des internationalen Kunstmarktes hatte wie Linz. Bis heute - oder zumindest noch bis vor kurzer Zeit - war Linz fast einsamer Alleinherrscher auf diesem technisch-wissenschaftlichen Gebiet. Seit einiger Zeit beginnen sich aber mächtige Konkurrenten in diesen Bereich zu drängen.
Von der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung sind durch eine Anzahl von Veranstaltungen wesentliche Meilensteine für die Entwicklung in diese Richtung geleistet worden. Schon bei der Gründung der Hochschule wurde durch die Namensgebung die beabsichtigte Dualität von "künstlerischer und industrieller" Gestaltung zum Ausdruck gebracht. Mit "industriell" war nicht so sehr an Industrial Design gedacht als an "Technisch Machbares nach dem neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse". So hat die Reihe der FORUM-Ausstellungen das Ziel verfolgt, eine kulturelle Identität der Stahlstadt zu schaffen. Was durch die Ausstellungen Forum Stahl I und II für die Angehörigen des Stahlwerkes mit den damals 26.000 Beschäftigten in Linz durch die Konfrontation von technischen Funktionsobjekten mit Werken der bildenden Kunst bereits vor der Gründung der Hochschule von der Meisterklasse Metall erzielt wurde - nämlich die Erkenntnis, daß die Objekte aus ihrem täglichen Arbeitsumfeld in ihrer Art ebenso ästhetische Gebilde darstellen, wie die gegenübergestellten Kunstwerke - sollte mit den Veranstaltungen Forum Metall und Forum Design für die Angehörigen der ganzen Stadt Linz und des Landes Oberösterreich in erweiterter Form erreicht werden. Die Reflexion dieser Veranstaltungen in der Kunst- und Designszene war jedenfalls so, daß erstmals mit einer eigenständigen und künstlerischen Geisteshaltung internationale Aufmerksamkeit erregt wurde. Nur durch die unangenehmen finanziellen Begleiterscheinungen bei Forum Design wurde der Erfolgskurs der Hochschule unterbrochen und erst nach sieben Jahren mit den Veranstaltungen Schmuck - Zeichen am Körper, Kult-ur-sprung und Netz Europa fortgesetzt. Die wesentliche Entwicklung im Sinne dieser charakteristischen Linz-Kunst, wie sie auch der Gründungsidee der Hochschule entsprach, wurde dann durch die Veranstaltungen der Klangwolke und der Ars Electronica geleistet. Tatsächlich ist seit den Bestrebungen zur Umwandlung der seinerzeitigen Kunstschule der Stadt Linz in eine Hochschule in den frühen sechziger Jahren bis zur Eröffnung des AEC eine kontinuierliche und klare Entwicklung einer eigenständigen kulturellen Achse nachvollziehbar.
Auch meine "Visionen" anläßlich der ersten Diskussionen über ein Musiktheater Ende der achtziger Jahre gingen in die gleiche Richtung. Als zur gleichen Zeit die Errichtung eines Hochtechnologieparks und später das AEC zur Diskussion standen, schlug ich vor, alle technischen, wissenschaftlichen und finanziellen Kapazitäten zu konzentrierten und eine Kultur- und Kunstproduktionswerkstätte zu schaffen, wo zwar statt 1.500 Personen nur für 400 - 500 Zuschauer auf einer Studio-Bühne Platz haben, aber durch höchste technische Ausstattung Möglichkeiten geboten werden, wie sie sonst nirgends vorhanden sind. Zusätzlich hätte durch Dokumentation und Transmission eine Multiplikation der Kunstwerke ermöglicht werden können, die ein Vielfaches der Wirkung von 1.500 Rezipienten vor Ort ausgemacht hätte. Das war und bleibt aber eine Vision, wie sie nur der gewaltigste "Mega-Spirit-of-Linz" zustande gebracht hätte.
Aus heutiger Sicht ist zu hoffen, daß das Musiktheater wenigstens ein interessantes Architekturwerk für möglichst zeitgemäße Aufführungen wird. Mehr kann nicht erwartet werden. Vom AEC erwarte ich mir aber eine Trichterfunktion, die dadurch erfüllt wird, daß möglichst viele Besucher von überall angezogen werden und hineinströmen, um wie im Prater in einem Kuriositätenkabinett zu staunen, was es nicht alles gibt. Damit ist es aber nicht getan. Parallel dazu müssen auf dem Bereich der elektronischen Kunst- und Mediengebiete ein kontinuierliches Studium und Forschung ermöglicht werden. Wenn es nicht gelingt, die im AEC geweckten Interessen durch ein ordentliches Hochschulstudium weiterzuentwickeln, wird die Bedeutung des AEC fragwürdig. Meine jahrelange Begeisterung und mein Engagement für dieses Museum der Zukunft war ja immer darauf ausgerichtet, daß nicht so sehr verblüffende und teure Fremdarbeiten hier vorgestellt, sondern daß solche hier entwickelt werden. Regionale und überregionale persönliche Eitelkeiten und Animositäten sollten aus verständlichen Gründen hintangestellt werden, um das zu realisieren, was als einzige Legitimation für die aufwendigen Kosten des AEC gerechtfertigt erscheint: Eine kontinuierliche künstlerisch-wissenschaftliche Arbeit auf Hochschulebene in Form eines ordentlichen Studiums mit flankierender experimenteller Forschung. Wenn es nicht gelingt, dieses Studium ehestens in Linz zu errichten, wird es eben in einer anderen Stadt eingerichtet werden. Dann wäre das AEC eine Fehlplanung gewesen.
Als sichtbares Zeichen für den geistigen Inhalt der Ars Electronica sollte ihr Symbol, nämlich die Nike, unbedingt in der jüngst geplanten Form am Brückentor errichtet werden.
Für die Förderung aller Kunstsparten sollte der Grundsatz gelten, daß im wesentlichen jene Arbeiten forciert werden, die diesen "technisch-wissenschaftlichen Spirit-of-Linz" in irgendeiner Form weiterbringen. Zu diesem Zweck sollten entsprechende Auslandsstipendien gestiftet werden, um zusätzliche Erfahrungen und Kenntnisse zu sammeln.
Ich denke dabei an die Anwendungsgebiete des Computers in der bildenden Kunst, in Architektur und Design. Internationale Erfahrungen und Vergleiche sollten den künftigen Studenten der HfG ermöglichen, den Einsatz der elektronischen Medien, deren Anwendung hier in qualifizierter Form erlernt werden sollte, auf höchstem gestalterischen Niveau einzusetzen. Um die Absolventen von Linz sollte man sich überall reißen. Die Stadt Linz sollte sich die Chancen, die die HfG bietet, nicht entgehen lassen und zur Förderung ihres kulturellen Images und zur Stei-gerung der Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaftsbetriebe das "technisch-wissenschaftlich orientierte Kunststudium" durch entsprechende Aktivitäten forcieren.
Der Kulturentwicklungsplan der Stadt Linz wird damit zu einem gesamtösterreichischen Kulturentwicklungsplan.
