______________________________________
Die historischen Voraussetzungen


"Linz = Provinz"
Große Pläne in der NS-Zeit
Bruch und Kontinuität
Kultur als geistige "Überhöhung" des Alltags
Öffnung und Modernisierung




Kaum ausgeprägte kulturelle und künstlerische Traditionen in Linz


"Linz = Provinz"

Im Vergleich mit anderen Landeshauptstädten wie Graz oder Salzburg hat Linz kaum ausgeprägte kulturelle und künstlerische Traditionen. Der Spruch des geistreichen Satirikers Eduard von Bauernfeld im Vormärz, wonach sich "Linz" auf "Provinz" reimt, prägte bis vor kurzem das Image der Stadt. Am Beginn der Moderne im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es zwar eine gewisse Professionalisierung im kulturellen Sektor (August Göllerich, Musikverein, Aufschwung des Vereinswesens), aber von einer wirklichen Öffnung des engen Provinzklimas kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Das überwiegend deutschnational und konservativ ausgerichtete Bürgertum und seine kommunalen Vertreter setzten Kunst und Kultur (vor allem gewisse Strömungen und Interpretationen von Musik und Literatur) als Mittel im Kampf gegen die künstlerische Moderne und gegen die kulturelle Vielfalt in der Habsburger-Monarchie ein.
Großveranstaltungen im Freien Auch in der Ersten Republik von 1918 bis 1933 und anschließend während des autoritären Ständestaates bis 1938 blieb Linz relativ bedeutungslos. Allerdings sind zwei Bereiche zu erwähnen, die - in Linz als einziger Stadt außerhalb Wiens - doch einige Aufmerksamkeit verdienen. Zum einen waren dies einige Großveranstaltungen im Freien, bei denen mehrere Kunstgattungen miteinander verbunden wurden (die zeitsatirische Revue "Die Straße", die Republikfeier 1929 und andere). Sie machten, so kann man zeitgenössischen Presseberichten entnehmen, großen Eindruck auf die Linzer Bevölkerung. Das monumentale Weihefestspiel "Flammen der Nacht", inszeniert von Eduard Macku, gilt überhaupt als "erste Linzer Klangwolke": ein Spektakel mit über 1000 Mitwirkenden und mit dem künstlerischen Einsatz von Fabriks- und Schiffssirenen.
Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien Zum anderen zeigte sich hier eine überdurchschnittliche Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien. Linzer Radio-Vereine engagierten sich für die Einführung und Verbreitung des Rundfunks. Schon 1920 hatte Otto Stöber im Wissen um die zukunftsträchtige Bedeutung dieses neuen Mediums den "Freien Radio-Bund" gegründet. 1928 ging ein eigener Linzer Sender am Freinberg in Betrieb; im Jahr darauf initiierte Stöber eine Radio-Schule und wurde Herausgeber der Radio-Zeitschrift "Volksfunk".




Instrumentalisierung der Kultur durch die Nationalsozialisten


Große Pläne in der NS-Zeit

Die Nationalsozialisten instrumentalisierten die in einigen europäischen Ländern (zum Beispiel in Italien durch die Futuristen) schon vor dem Ersten Weltkrieg praktizierten Freiluft-Inszenierungen nach 1938 für ihre eigenen Zwecke. Sie nützten die Beliebtheit der Großveranstaltungen im offenen Raum geschickt für die Disziplinierung der Bevölkerung und für das Propagandawesen aus. Das gleiche gilt für die Faszination des Radios. Über die massenhafte Produktion von "Volksempfängern" perfektionierten sie die Propagandamaschinerie und machten sie für ihre ideologischen und politischen Ziele nutzbar.
Wichtiger für die weitere Entwicklung von Linz waren jedoch jene Pläne, die nach dem persönlichen Willen von Adolf Hitler die demographische, wirtschaftliche und kulturelle Situation in der Stadt grundlegend verändern sollten. Wie im Bereich der Industrialisierung, wo die Hermann-Göring-Werke buchstäblich aus dem Boden von St. Peter gestampft wurden, so sollte die provinzielle Kleinstadt mittels einer gigantomanischen Kraftanstrengung innerhalb kürzester Zeit auch zu einer Kulturmetropole im Donauraum hochkatapultiert werden.
Zunächst wurde mit der Gründung des Kulturamtes am 10. Oktober 1938 die organisatorische und ideologische Zentralisierung in Angriff genommen. Die "eigentliche Aufgabe ist die Einflußnahme auf das ganze kulturelle Leben der Stadt, ist seine Lenkung und Ausrichtung im nationalsozialistischen, volksverbundenen Sinn." (Amtsblatt Linz 1938, Nr. 17).
Dann sollte Schritt für Schritt der weitere Ausbau vorangetrieben werden: zuerst eine Oper, eine Gemäldegalerie und, auf besonderen Wunsch des Führers, die technische Hochschule. Dazu kamen Pläne für eine Konzerthalle, eine Kunstschule für Bildhauerei und Malerei, Museen, Bibliotheken, ein Schauspielhaus und Lichtspieltheater, Volkskunstwerkstätten und weitere einschlägige Einrichtungen.
Auf musikalischem Gebiet begann man mit dem Aufbau eines städtischen Symphonieorchesters; parallel dazu wurde in St. Florian das "Reichs-Bruckner-Orchester" des großdeutschen Rundfunks installiert, mit dem berühmte Dirigenten wie Hans Knappertsbusch, Karl Böhm und Carl Schuricht bis knapp vor Kriegsende prunkvolle Konzerte ablieferten. Nur dort gelang eine weitgehende Umsetzung der Pläne - alle anderen Vorhaben blieben im Planungsstadium stecken.




Abgrenzung von der nationalsozialistischen Ideologie


Bruch und Kontinuität

1945 ergab sich somit eine ambivalente Situation. Zum einen drohte nach den Ausbauplänen der NS-Kulturgewaltigen der "Rückfall" von der "privilegierten Führerstadt" in die erneute Provinzialität, andererseits ging es um die klare Abgrenzung von der nationalsozialistischen Ideologie und Kulturpraxis. In diesem Spannungsfeld - auch mit Blickwinkel auf die amerikanischen und sowjetischen Befreiungs-/Besatzungstruppen - bewegte sich das Kultur- und Kunstleben der ersten Nachkriegsjahre.
Öffentliches Engagement für Kunst In der Kulturpolitik war es der erklärte Wille der politisch Verantwortlichen, deutliche Änderungen vorzunehmen. Hier setzte eine der wichtigsten kulturellen Nachkriegsaktivitäten in der Stadt an: das auch überregional stark beachtete öffentliche Engagement für moderne Kunst. Es diente vor allem der Abgrenzung von der NS-Zeit. Solche Ambitionen waren allerdings nicht selten mit der nach wie vor verbreiteten Überzeugung verbunden, die "Überlegenheit der deutschen (respektive abendländischen) Kultur" müsse vor "Überfremdung" geschützt werden.
Institutionelle Hauptträger der Hinwendung zur künstlerischen Moderne waren vor allem die städtische Kunstschule, die ursprünglich ein Linzer Werkhaus nach Dessauer Vorbild werden sollte, und die Neue Galerie. Ein Blick auf das Budget bestätigt die Bedeutung dieser kulturpolitischen Schwerpunkte: die größten Posten gingen an die Neue Galerie, die Kunstschule und an die Volkshochschule.




Kultur als Gegengewicht zur Arbeit


Kultur als geistige "Überhöhung" des Alltags

Ab den 50er Jahren dominierte (auch budgetär) die traditionsorientierte "Erbauungskultur", hier vor allem die Musikdirektion. Denn in der ersten Phase nach 1945, die etwa 20 Jahre lang dauerte, wurden vor dem Hintergrund des "Wiederaufbaus" die Aufgaben des urbanen Kulturangebots vorwiegend im Sinne eines notwendigen Pendants, ja Gegengewichts zur Arbeitswelt interpretiert.
Die Kulturpolitik sollte in der Industriestadt Linz die graue Welt des Alltags und der Arbeit geistig "überhöhen" helfen. Sie sah ihre Aufgabe darin, ein Angebot an ästhetisch, geistig und humanistisch Wertvollem (im Sinne eines Ernst Koref) aus der bewährten "abendländischen" Tradition bereitzustellen. Wohl immer wieder ergänzt durch den einen oder anderen Ausflug in die künstlerische Gegenwart, der aber stets von mehr oder weniger heftigen Auseinandersetzungen begleitet wurde. Einzige bemerkenswerte Ausnahme blieb die Neue Galerie, die sich weiterhin der Moderne verpflichtet zeigte.


Öffnung und Modernisierung

Ab den 60er Jahren stellten aktive Teile einer jungen Generation, die nach der NS-Zeit aufgewachsen war, den traditionellen Kulturbegriff des 19. Jahrhunderts zusehends in Frage und ersetzten ihn durch ein neues, dynamisches Kulturkonzept. Dieses richtete sich gegen erstarrte Formen der Hochkultur, aber auch gegen ein museales bzw. immer noch von der NS-Zeit geprägtes Verständnis von Volkskultur, und erweiterte den Kulturbegriff zunächst um die Dimensionen populäre Kultur, Alltag und Arbeit.
Soziale und kulturelle Öffnung Für die Kulturpolitik hieß Modernisierung nun soziale und kulturelle Öffnung, Demokratisierung, engere Verbindung zum gesellschaftlichen Umfeld. Zeitgenössischer Kunst wurde etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sie blieb aber immer noch im Halbschatten der Reformbestrebungen. Wie schon in der ersten Phase nach 1945, als Linz zumindest im Teilbereich der bildenden Kunst Pionierleistungen für die Moderne erbrachte, war die Stadt auch jetzt ein Zentrum des kulturellen Wandels in Österreich. Hier war die Großindustrie beheimatet, hier konnte die Spannung zwischen Kultur und Arbeitswelt, zwischen Kultur und Technologie am besten thematisiert werden.
Die dynamische Entwicklung entsprach einem "klassischen" Modernisierungsmuster, wie es in europäischen Metropolen schon früher zu beobachten war: Differenzierung und Erweiterung des kulturellen Angebots, die Stadt als aktiver Anbieter, gleichzeitig eine Fülle unabhängiger Initiativen auf vielen kulturellen und künstlerischen Gebieten.
Selbstverständlich erfaßte dieser Wandel nicht alle Kulturinstitutionen in gleicher Weise. Der "normale" Abonnementbetrieb im Brucknerhaus oder im Landestheater wurde von den Akzentverschiebungen kaum berührt, weil hier andere, längerfristig wirksame soziale, geistige und kulturelle Traditionen und Gewohnheiten dominieren. Andere Bereiche hingegen, wie etwa Teile der städtischen Kulturverwaltung (später: Kulturdirektion) waren sogar Träger der Entwicklung oder reagierten rasch auf die sich verändernde Umwelt und die privaten Initiativen.

Umgang mit der Vergangenheit
"Öffnung" bedeutete aber nicht zuletzt auch, einen neuen Umgang mit der eigenen Vergangenheit, insbesondere mit jener während der NS-Zeit, zu suchen (natürlich nicht nur hinsichtlich der kulturellen Belange). Zweifellos bestand hier auf Grund der besonderen Rolle von Linz im Nationalsozialismus auch eine besondere Verpflichtung zu einer politisch und moralisch vorbildhaften Vorgangsweise. Linz ist dieser Verpflichtung in fast allen Fällen offensiv nachgekommen und hat beispielhafte In-itiativen gesetzt.
So hat die Stadt gerade in den letzten Jahren sehr viel zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Fakten und zur politischen Aufklärung der "Nachgeborenen" über diese Zeit beigetragen (Publikationen, Diskussionsveranstaltungen, Einsetzung einer Kommission zur raschen Klärung der Bestände der "Sammlung Gurlitt" in der Neuen Galerie und anderes mehr). Derzeit läuft gerade ein vom Archiv der Stadt Linz betreutes wissenschaftliches Großprojekt, das die Zeit des Nationalsozialismus in Linz auf breitester Ebene dokumentieren wird.