Kinder werden von klein auf – oft unbewusst - nach Geschlechterrollen erzogen. Mädchen werden zum Beispiel mehr als Buben dazu angehalten, in der Nähe der Eltern zu bleiben und weniger herumzuspringen. Buben bekommen eher Konstruktionsmaterial geschenkt, Mädchen erhalten häufig Puppen.
Die geschlechtssensible Pädagogik will Mädchen nicht den Buben anpassen oder Buben „weiblicher“ machen. Es geht darum, traditionelle Geschlechterrollen kritisch zu hinterfragen. Durch die bewusste Auseinandersetzung mit festen Vorstellungsklischees müssen Buben und Mädchen nicht mehr so sein, wie sie zu sein haben. Kinder sollen die Möglichkeit haben, sich unabhängig von Rollenvorstellungen entwickeln und entfalten zu können. Dadurch eröffnen sich Kindern neue Perspektiven, die Handlungsspielräume werden erweitert.
Unabhängig vom Geschlecht werden Stärken und Interessen gefördert und gleichzeitig das Selbstwertgefühl gestärkt. Kindern wird genügend Zeit geboten, etwas Neues auszuprobieren.
Umsetzung im Kindergarten Römerberg
Die Stadt Linz startet das Pilotprojekt ab September 2005 im Kindergarten Römerstraße 92. Die Kindergärtnerinnen haben sich intensiv mit der Materie auseinander gesetzt. Im Kindergarten werden offene Spielbereiche geschaffen, ohne Mädchen- oder Bubendomänen. Die Arbeit der KindergartenpädagogInnen ist stark am Kind orientiert. Geschlechtsrollenbilder werden bewusst hinterfragt, Alternativen angeboten. Eltern werden noch mehr über die Arbeit informiert, vor allem Väter verstärkt in Aktivitäten eingebunden.
Vorab werden Eltern über die geschlechtssensible Pädagogik informiert, damit auch bei der Erziehung zu Hause eine Bewusstseinsbildung stattfindet.
Um den Kindern unterschiedliche Rollenvorbilder vorleben zu können, wäre es wichtig, dass Männer und Frauen gemeinsam im Team arbeiten. Da ergibt sich leider ein Problem, denn es gibt kaum Kinderpädagogen. Männer sollen verstärkt motiviert werden, diesen Beruf zu wählen.
Mehr Chancen in der Zukunft
Bemühungen zur Schaffung von Chancengleichheit von Buben und Mädchen müssen möglichst früh angesetzt werden, wenn noch keine Berührungs- und Begegnungsängste oder Vorurteile gegenüber dem anderen Geschlecht bestehen.
Da mit geschlechtssensibler Pädagogik Kinder zu einem gleichberechtigten und vorurteilsfreien Umgang miteinander angeleitet werden, erlangen Buben und Mädchen hohe soziale Kompetenz. Sie können ihre Persönlichkeit und Identität ohne geschlechtsspezifische Einschränkungen entfalten.
Diese erlangten Eigenschaften (wie zum Beispiel zuhören und kommunizie-ren können, anpassungs-, konflikt- und teamfähig, kreativ, engagiert, selbstbewusst, führungsstark) sind auch immens wichtig, im Bezug auf das spätere Berufsleben.
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Leitlinie für Kinderbetreuungseinrichtungen
Kinderbetreuungseinrichtungen sind Teil des Bildungsangebotes. Mit Schwerpunkt auf die spielerische Komponente muss Bildung auf die frühen Lebensjahre ausgedehnt werden. Aufgrund der positiven Auswirkungen für die Entwicklung der Kinder ist es ein Anliegen der Stadt Linz, dass die geschlechtssensible Pädagogik nach und nach in allen Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen angewendet wird. Die Geschlechtssensibilisierung in der Erziehung erfordert bewusstes Hinterfragen und kritisches Beobachten – nicht nur von KindergärtnerInnen, sondern auch von Eltern und LehrerInnen. Das bedarf sicherlich eines längeren Bewusstseinsprozesses.
Ein wichtiges Ziel für die Zukunft unserer Kinder wird sein, dass sie nicht mehr aus typischen Frauen- oder Männerberufen wählen, sondern sich nach dem persönlichen Talent für eine Sparte entscheiden. Dabei werden traditio-nell männliche Rollen wesentlich schwerer aufzubrechen sein, da das gesellschaftliche Prestige wesentlich höher ist, als bei traditionell weiblichen Tätigkeiten und Berufen.
Zündende Idee
Mädchen wählen hauptsächlich die Lehrberufe Friseurin, Verkäuferin und Bürokauffrau und lassen die Vielzahl der übrigen Lehrberufe außer Acht. Deshalb entstand bei Elvira Tomancok, der Frauenbeauftragten der Stadt Linz die Idee, schon sehr früh, nämlich im Kindergarten damit zu beginnen, Mädchen für Technik zu interessieren und so ihr Spektrum zu erweitern. Bei Recherchen stieß sie auf ein Projekt in Wien, das sich mit „Geschlechtssensibler Kleinkindpädagogik“ beschäftigt. Es werden hier nicht nur Mädchen in ihren Talenten gefördert und unterstützt, sondern auch Buben bekommen schon früh die Möglichkeit, ihre Rolle als „Mann“ zu hinterfragen und für sich zu definieren. Der Frauenausschuss des Gemeinderates war sehr an dem Projekt interessiert und beauftragte Fr. Tomancok, für Linz ein Konzept zur Umsetzung im Kindergarten zu erstellen. Ein Arbeitskreis unter der Leitung von Gemeinderätin MSc Regina Fechter-Richtinger wurde eingerichtet, der sich mit der Umsetzung des Projektes befasst.
(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Sozialreferentin Vizebürgermeisterin Dr.in Ingrid Holzhammer, Gemeinderätin Erika Rockenschaub und Gemeinderätin MSc Regina Fechter-Richtinger, über die Einführung der geschlechtssensiblen Kleinkindpädagogik auf Initiative des Frauenauschusses des Linzer Gemeinderates und des Frauenbüros der Stadt Linz im Kindergarten Römerberg)
Weitere GesprächspartnerIn:
Elvira Tomancok, Frauenbeauftragte der Stadt Linz
Mag. Josef Kobler, Leiter des Kinder- und Jugendservices Linz