Eines dieser Projekte, das die Stadt Linz im Oktober 2008 gestartet hat, ist ein Förderprogramm für Kinder, die von Legasthenie betroffen sind, in der Dorfhalleschule. Es handelt sich dabei um ein Pilotprojekt, mit dem Ziel, Kinder mit Leistungsschwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben rechtzeitig zu fördern und ihnen damit eine erfolgreiche Bewältigung der Schullaufbahn zu ermöglichen.
„Die nun vorliegenden positiven Ergebnisse zeigen, wie wichtig solche Förderungen gerade in Stadtteilen mit schlechteren Gesundheitschancen sind. Denn eine individuelle Förderung wie diese hätten sich wohl die meisten Eltern sonst nicht leisten können“, so Gesundheitsreferentin Christiana Dolezal.
Die Förderung von SchülerInnen mit Lese- und Schreibschwächen liegt eigentlich im Verantwortungs- und Aufgabenbereich der Schulbehörden. Dafür müsste es bundesweit einheitliche Regelungen bzw. Förderkonzepte geben und die Bereitstellung von Lehrkräften für die spezifische Förderung sowie von ärztlicher Begleitung gewährleistet sein. Die Stadt Linz will mit der Finanzierung des Projektes in der Dorfhalleschule einen Anstoß geben und wird sich dafür einsetzen, dass diese Maßnahme von den Schulbehörden generell in den Schulen umgesetzt wird.
Die Teilnahme am Projekt war kostenlos, um so auch Eltern mit weniger Einkommen die Mitwirkung ihrer Kinder zu ermöglichen. Die Stadt Linz investierte rund 22 000 Euro in diese Aktion. Mit der Durchführung wurde der PGA, Verein für prophylaktische Gesundheitsarbeit beauftragt, der sich unter anderem auf Lernberatung und -förderung spezialisiert hat.
„Die Stadt Linz hat sich zur Förderung dieses Pilotprojekts entschieden, um auf Bundesebene einen Anstoß zu geben, die Chancengleichheit von Kindern zu verbessern und damit vielleicht mehr Chancen in der Zukunft zu ermöglichen. Fördermaßnahmen für Kinder mit Legasthenie sollten nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängig sein“, so Bildungsstadtrat Johann Mayr.
Ausschlaggebend für die Initiative „Legasthenie – Erkennen – Beratung – Förderung“ ist die Tatsache, dass es nur mit fachlicher Unterstützung gelingen kann, bei Legasthenie wirksam zu helfen. Kinder und Eltern sollen mit diesem Problem, das verbreiteter ist als allgemein angenommen, nicht allein gelassen werden.
In Österreich sind bis zu zehn Prozent der Kinder von leichten bis schweren Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten betroffen. Dem gegenüber steht meist ein unzureichendes Angebot an adäquaten Behandlungsmöglichkeiten.
Kinder, die das Lesen und Schreiben nur langsam und mühevoll lernen, stehen unter erheblichem Druck. Sie merken selber, dass sie langsamer sind als ihre KlassenkameradInnen. Nicht nur in Deutsch, sondern auch in anderen Fächern sind sie durch ihre Probleme beeinträchtigt. So treffen diese Kinder sowohl in der Schule als auch zu Hause immer wieder auf Unverständnis.
Viele Kinder entwickeln im Lauf der Zeit dann Minderwertigkeitsgefühle und haben nur noch wenig Zutrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit. Manche Kinder entwickeln Ängste, wollen zum Beispiel nicht mehr zur Schule gehen, manche spielen den Klassenclown oder reagieren oft unnötig aggressiv.
Auch LehrerInnen, die LegasthenikerInnen erkennen und im Unterricht adäquat behandeln, können oft nicht helfen. Die betroffenen Kinder brauchen häufig zusätzliche Betreuung, die auf persönliche Bedürfnisse abgestimmt ist. Hier setzt das Förderprogramm an.
Das Projekt wurde in mehreren Phasen durchgeführt. Insgesamt 78 SchülerInnen der 3. und 4. Klassen der Dorfhalleschule wurden auf entscheidende Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hin untersucht.
Bei Kindern, bei denen sich Hinweise auf Legasthenie finden, wurde der Sachverhalt genauer abgeklärt. Dies geschah durch Intelligenzdiagnostik, Sprachentwicklungstests und Absprachen mit Eltern und LehrerInnen.
Schließlich wurden sieben Kinder in das Förderprogramm aufgenommen, bei denen es entscheidende Hinweise auf schwerwiegende Probleme beim Lesen oder Schreiben gab. Auch Vorgutachten wurden in die Entscheidung miteinbezogen.
Bereits in der Phase der Abklärung (Diagnostik) zeigten sich sehr unterschiedliche Probleme, die hinter den schlechten Leistungen im Lesen und Schreiben standen. Diese wurden Schritt für Schritt auch bei den Förderstunden deutlicher. Die Förderung wurde speziell auf die individuellen Problematiken zugeschnitten.
So standen je nach Kind bei der Förderung verschiedene Aspekte wie Lautdifferenzierung, Laut- und Buchstabenzuordnung, Rechtschreibregelaufbau, Training der Lesegeschwindigkeit, Silbenlesetraining, etc. im Vordergrund.
Die Kinder kamen einmal wöchentlich zur Förderstunde, die direkt in der Schule stattfand. Einige wurden vom angeschlossenen Hort abgeholt und wieder dorthin gebracht.
Die Zahl der Förderstunden je Kind war unterschiedlich (siehe Grafik). Zwischen 15 und 22 Förderstunden wurden pro Kind aufgewendet. Ein Kind wechselte neu an die Dorfhalleschule und konnte deswegen das Training erst später beginnen.
Zum Training gehörte nicht nur die direkte Förderung, auch Hilfe bei Konzentrationsschwächen oder einfach nur die Möglichkeit, über momentane Probleme zu sprechen, waren dabei wichtig. Großer Wert wurde auch auf die Motivation der Kinder und die spielerische Komponente der Förderung gelegt.
Die Förderung erfolgte unter intensiver Miteinbeziehung des Umfeldes. Dies geschah vor allem durch Gespräche mit den Eltern. Die geförderten Kinder bekamen Arbeiten für zu Hause mit. Durch die Hausübungen konnten auch die Eltern sehen, woran gerade gearbeitet wurde und wo zusätzlich geübt werden kann.
Weiters wurde eine möglichst enge Zusammenarbeit mit den LehrerInnen angestrebt. Die momentane Situation der Kinder, ihre Stärken und Schwächen und Dinge, die gerade im Unterricht erarbeitet wurden, wurden in begleitenden Gesprächen erörtert.
Zur Erfassung von Veränderungen und Verbesserungen wurden Ende Juni 2009 Analysen durchgeführt. Dazu wurden die Tests vom Beginn des Projektes wiederholt, wobei zu berücksichtigen war, dass jedes Kind nach seinen Fähigkeiten und Schwächen einzeln und gezielt unterstützt bzw. bewertet wurde.
Generell kann festgestellt werden, dass sich bei den sieben teilnehmenden Kindern je nach Förderung in verschiedenen Bereichen (Rechtschreibung, Lesegeschwindigkeit, Erkennen der Lautstruktur, Leseverständnis, Grammatikverständnis etc.) Verbesserungen ergeben haben.
Besonders im Bereich der Rechtschreibung konnten sich einige Kinder gut verbessern. Beim Training zum Erkennen der Lautstruktur, das zu den Basiskompetenzen für Lese- und Rechtschreibleistungen zählt, zeigten alle Kinder deutlich bessere Leistungen als zum Beginn des Projektes.
Alle Eltern der geförderten Kinder wurden am Ende des Schuljahres zu einer Endbesprechung in die Schule eingeladen. Die Eltern zeigten sich von Beginn an alle sehr erleichtert über die Unterstützung. Bei der Endbesprechung wurden Veränderungen erörtert und Empfehlungen gegeben, wie auch zu Hause weiter gefördert werden kann.
An die Eltern wurde auch ein Fragebogen über die Zufriedenheit mit der Betreuung verteilt, mit durchwegs positiven Ergebnissen. Alle befragten Eltern waren der Meinung, dass ihr Kind von der Förderung profitiert habe.
Nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrerinnen der Dorfhalleschule begrüßten das Projekt. Die Kooperation mit der Schule verlief sehr gut. In die Besprechungen zum Projektstand waren nicht nur die Eltern und das LehrerInnenteam unter Leitung von Direktorin Ingeborg Bammer, sondern auch Prim. Dr. Johannes Fellinger vom Institut für Sinnes- und Sprachneurologie aktiv eingebunden.
Das gesetzte Ziel, den Kindern direkt an der Schule individuelle kostenlose Unterstützung zu bieten und dadurch auch die Förderung von Eltern für Kinder aus ressourcenärmeren Schichten zu ermöglichen, wurde erreicht.
Aufgrund der positiven Erfahrungen soll das Projekt in den dritten Klassen der Dorfhalleschule fortgesetzt werden – beginnend mit einem Lese- und Schreib-Screening bei den über 56 DrittklässlerInnen des aktuellen Schuljahres – um das Pilotprojekt auf weiterer empirischer Basis absichern zu können.
(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Gesundheitsreferentin Viz-bürgermeisterin Christiana Dolezal und Bildungsreferent Stadtrat Johann Mayr über die Ergebnisse des Legasthenie-Projekts an der Dorfhalleschule)
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