ROMAN SANDGRUBER: Industriekultur am Beispiel Linz Zielsetzungen eines Industriemuseums

Das kulturelle Image von Linz

Keine andere österreichische Großstadt hat im 20. Jahrhundert einen ähnlich dramatischen ökonomischen, sozialen und topographischen Wandel erfahren wie Linz. Die oberösterreichische Landeshauptstadt wurde vom administrativen Mittelpunkt einer vorwiegend agrarisch geprägten Region zum Inbegriff "einer Industriestadt" mit allen damit verbundenen positiven wie negativen Einschätzungen.

Dabei hatte die Stadt mit einem sich zwar wandelnden, aber hartnäckigen Negativimage zu kämpfen: Als Synonym für Provinz bzw. Provinzialität im 19. Jahrhundert, als Inbegriff der schmutzigen Industriestadt mit enormen Umweltproblemen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, womöglich auch als Standort einer krisengeschüttelten, kränkelnden verstaatlichten Industrie in den 80er Jahren. Erst eine großangelegte Strukturveränderung, verbunden mit einer Restrukturierung der Industrielandschaft, mit zahlreichen kulturellen Initiativen und einem voranschreitenden Wandel des gesellschaftlichen Lebens, hat das kulturelle Image von Linz in neuester Zeit erheblich verbessert.

Zu Recht wird der verengte Kulturbegriff, der sich auf "Hochkultur" beschränkt, in der modernen Kulturforschung kritisiert und in Frage gestellt. Schon längst ist es selbstverständlich geworden, von Industriekultur, Stadtkultur, Alltagskultur oder auch Eßkultur zu sprechen. Kultur in solch sozialintegrativer Form hilft nicht nur, Identität herzustellen bzw. zu stabilisieren, sondern ist auch in der Lage, völlig neue Felder der Kreativität zu erschließen und zu fördern.

Kultur ist in der neueren Geschichte vornehmlich mit Urbanität verknüpft. Die Stadt ist der primäre Kulturträger. Das Kulturerlebnis Stadt speist sich aus seinen kulturellen Institutionen (Bibliotheken, Theatern, Konzertsälen, Buchhandlungen, Kaffeehäusern, Salons ...), aus der Vielfalt der Bewohner, dem Schmelztiegel der Multikulturalität, den Städte darstellen, insgesamt aus der Fülle der urbanen Kommunikationsmöglichkeiten.

Kultur kann nicht bloß als Bereicherung und Vervielfältigung des städtischen Ambientes aufgefaßt werden, sondern auch als Bestandsaufnahme der sozialen und kulturellen Realität. Dem Trend zur Musealisierung und "Verdorfung" der Altstädte, etwa Linz auf Hauptplatz, Landstraße und Altstadt zu beschränken, nur die schöne Kulisse der Stadt zu nutzen, muß eine kulturpolitische Programmatik für Linz bzw. für die oberösterreichische Stadtlandschaft entgegenwirken: Als Knotenpunkte, die die Vielfalt der Stadt, ihr Flair, ihre "Atmosphäre" nutzen und kultivieren, auch in den industriellen und suburbanen Räumen.

Die Aufgaben eines "Industriemuseums Linz"

Kultur bildet nicht nur einen Standortfaktor, dessen Qualität die Abwanderung oberer Mittelschichten bremsen und die Zuwanderung hochqualifizierter Unternehmen und Arbeitskräfte fördern kann. Kultur bündelt auch die ganze Fülle von Entwicklungslinien, die für den langfristigen Erfolg der modernen Industriegesellschaft ausschlaggebend ist. In diesem Sinne soll das Forum die Verbindung zwischen Wirtschaft und Kultur herstellen und fördern, sowohl auf regionaler wie auch auf überregionaler Ebene.

Die Betriebsamkeit im Ausstellungswesen, das wachsende Angebot an Museen und die inflationäre Ausdehnung der möglichen Themen sind für die Kulturszene der vergangenen Jahrzehnte kennzeichnend geworden. Die Tourismusindustrie hat die Kultur entdeckt. Städtischer Tourismus ist neben Geschäftstourismus vor allem Kulturtourismus.

Ein "Industriemuseum Linz" müßte als Forum für Informationen und Diskussionen zur Industriekultur und Arbeitswelt fungieren, wobei vergangene Entwicklungen, Gegenwartsstand und Zukunftsideen eine Verbindung eingehen und für Besucher aus der Stadt Linz, ihrem Umland, aus ganz Oberösterreich und darüber hinaus auf identitätsstiftender, erkenntnisleitender und handlungsmotivierender Ebene zusammenwirken sollen.

Die Schwerpunkte eines Industriemuseums liegen daher einerseits in der Bestandsaufnahme der sozialen und wirtschaftlichen Geschichte der Stadt und ihrer Region und in der Dokumentation der Industriekultur und ihrer Genese in der industriellen Gesellschaft, andererseits in einer Orientierungshilfe bei der technisch-kulturpolitischen Gegenwartsbewältigung und bei der Erarbeitung, Analyse und Umsetzung zukünftiger Trends und Aufgaben. Kultur dient in diesem Sinn nicht nur zur Befriedigung kompensatorischer Freizeitbedürfnisse oder als Bereicherung und Vervielfältigung des städtischen Ambientes, sondern auch als Hilfe zur Kreativitätsförderung und Zukunftsbewältigung. Das traditionelle Aufgabenfeld eines Museums ("Forschen, Sammeln und Bewahren") reicht in der modernen kulturellen Landschaft nicht mehr aus. Moderne Museen dürfen zwar auf eine innenorientierte wissenschaftliche Bearbeitung ihrer Objekte und Forschungsfelder nicht verzichten, müssen aber, um für das Publikum attraktiv zu sein, neben der forschenden Innenorientierung auch in der außenorientierten Vermittlung kreativ und stimulierend tätig sein.

Die vorwiegend innenorientierte wissenschaftliche Museumsarbeit wurde seit den 70er Jahren zunehmend außenorientiert: Vermittlung an ein Publikum, Abbau der Schwellenängste, Überwindung der Bildungsschranken lauten die Schlagworte; Museen werden heute in der Öffentlichkeit und in der kulturpolitischen Diskussion vorwiegend über ihre Ausstellungstätigkeit wahrgenommen.

Die "Festivalisierung des Museums" ist ein Paradox der modernen Museumsdidaktik, um über die Größendimension, gleichzeitig aber auch die Flüchtigkeit des Ereignisses die Aufmerksamkeit der Medien, der Sponsoren und der Öffentlichkeit bzw. der Besucher zu erreichen. Die spektakuläre Sonderschau ist Teil der musealen Arbeit geworden. Ein umfassender Umbau der Institution Museum, die Integration oder Reintegration in das öffentliche und schöpferische Kulturgeschehen sind Grundbestandteil einer erfolgreichen musealen Kulturarbeit.

Stillgelegte industrielle Anlagen (Industriedenkmäler, industrielle Relikte) eignen sich in besonderem Maße als Informationsträger der Industriegeschichte und Industriekultur einer Region und der dort dominanten Branchen. Ein zu gründendes Industriemuseum, das aus bereits bestehenden öffentlichen Sammlungen einen umfangreichen Fundus an wertvollen Exponaten übernehmen könnte, sollte auch für die Zukunft diese Sammeltätigkeit weiterführen und viele erhaltenswerte Dokumente, die zu verkommen drohen, erhalten und sichern. Gleichzeitig soll mit einer permanenten Schau das Informationsbedürfnis des Besuchers abgedeckt werden. Zentral wird aber sein, ob und wie es gelingt, die darüber hinaus an das Industriemuseum gestellten Anforderungen einer Aufbereitung der Perspektiven und Handlungserfordernisse der Zukunft zu erfüllen.

Ein Industriemuseum muß daher verschiedenen Aufgaben Rechnung tragen: Erhaltung, Sicherung und Bearbeitung der vorhandenen bzw. zu beschaffenden Exponate und Objekte, von Archivalien, Plänen, Filmen, Fotos, Modellen, Geräten, Maschinen, Produkten und sonstigen Realien.

Gestaltung und Betreuung einer Dauerausstellung.

Möglichkeit von temporär begrenzten Sonderausstellungen.

Raum und Möglichkeit zur Gestaltung von Symposien, Präsentationen und sonstigen Veranstaltungen.

Verortung eines Industriemuseums innerhalb der Linzer Museums- und Kulturlandschaft

Es bedarf innerhalb der großen in Linz existierenden bzw. im Aufbau befindlichen Museen zweifellos einer konzeptionellen, inhaltlichen und museumsdidaktischen Abstimmung, die nicht im Rahmen dieses Konzeptes erfolgen kann, die aber bei der Definition der Inhalte und bei der gestalterischen Umsetzung mitberücksichtigt werden muß. Das heißt nicht, daß die verschiedenen Museen sich in strenger Form ergänzen oder aneinander gebunden sein müssen. Es kann sogar gut sein, wenn sie sich nicht nur in der inhaltlichen Konzeption, sondern auch in der gestalterischen Note weitgehend voneinander unterscheiden und abheben und damit die kulturelle Vielfalt verstärken.

Der Schwerpunkt der städtischen Sammlungen (Nordico) liegt zweifellos auf der Linzer Stadtgeschichte, auf Volkskultur, Volkskunde, Kunstgeschichte und der reichen Geschichte der Linzer Wirtschaft in vorindustrieller Zeit (Zünfte, Bürgertum ...). Unterstrichen wird dies auch durch die Situierung im barocken Gebäude des alten nordischen Stifts.

Die Aufgabe des Museums der Zukunft AEC müßte in verstärkter Weise die Zukunft der Arbeitswelt, der kommunikativen Strukturen der Stadt (vom Alltag über soziale Strukturen, Sozialtopographie, Sozialpolitik und kommunale Angelegenheiten bis hin zur politischen Entwicklung) einerseits und die Geschichte, Entwicklung und Perspektive des Kommunikationslebens, der elektronischen Medien und der Computerkultur andererseits bilden. Auch hier umschreibt rein äußerlich die postmoderne Architektur die Zielsetzung.

Das Landesmuseum ist die zentrale Dokumentationsstelle oberösterreichischer Kultur- und Kunstgeschichte, Volkskunde, aber auch für Natur- und Umwelt. Die Situierung im Schloß, im historischen Museumsgebäude und in den zahlreichen Dependancen unterstreicht die Vielfalt, aber auch die kulturhistorische Aufgabe dieser Institution.

Die Galerien des Landes und der Stadt sind der regionalen und überregionalen bildenden Kunst gewidmet. Zeitgenössische Kunst bildet den wichtigen Schwerpunkt der Sammel- und Ausstellungstätigkeit. Das Adalbert Stifter-Institut mit angeschlossener Galerie ebenso wie das Anton Bruckner-Institut widmen sich der historischen und zeitgenössischen Literatur- und Musikkultur.

Ein Industriemuseum hätte in diesem Spektrum eine breite Palette von Bereichen abzudecken, die von der Alltagskultur bis zu Fragen der Wirtschafts- und Sozialkunde reicht.

Eine Bündelung der Angebote in "Straßen" und "Wegen", zusammen mit industriearchäologischen Denkmälern aller Art, Industriebauten, Wohnsiedlungen und Infrastruktureinrichtungen, aber auch kulturellen Events, Kursen und Seminaren, Traditionsveranstaltungen, Betriebsbesichtigungen, Demonstrationsvorführungen und Direktverkäufen ergibt ein begleitendes, in weitestem Sinne mit Industrie zusammenhängendes kulturelles Angebot. Die Detailplanung muß daher in kontinuierlicher Abstimmung mit allen diesen Institutionen erfolgen.

Eine Situierung des geplanten Kulturparkes im Bereich von Altem Schlachthof und Tabakfabrik verlangt geradezu nach einer industriekulturellen Aufbereitung und Dokumentation. Die in den Jahren 1920 errichtete und nach dem kriegsbedingten Einsturz 1949 neu aufgebaute Fleischmarkthalle im Bereich des Linzer Schlachthofes wurde zu einem Symbol des Wiederaufbaues nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Die kulturhistorische wie auch künstlerische Bedeutung des Bauwerks liegt in der Tatsache begründet, daß es sich bei der Fleischmarkthalle um eine in großzügiger Dimensionierung gelöste, öffentliche Bauaufgabe handelt. In seiner Gestaltung steht der Bau ganz in der Tradition der heroischen Phase der "Bauten der Arbeit". Die Großhalle stellt heute einen der wenigen noch erhaltenen Bestandteile des Schlachthofes dar und gilt als ein Denkmal der Ingenieurbaukunst, deren wirtschaftsgeschichtlicher und architekturhistorischer Wert in ihrer Situation und Funktion als größte und in ihrer Zeit modernste Halle des Landes begründet ist. Im Hinblick auf den Sichtzusammenhang mit der 1929 - 1936 von Peter Behrens und Alexander Popp errichteten Tabakfabrik ergibt sich darüber hinaus eine österreichweit einzigartige Ensemblebedeutung und Ensemblewirkung dieser Industriearchitektur der Zwischenkriegszeit. Das nach Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp gestaltete Areal der Linzer Tuchfabrik zählt hinsichtlich seiner architektonischen Qualität zu den bedeutendsten Industrieanlagen der Zwischenkriegszeit in Europa und ist gleichzeitig hervorragend geeignet, den grundlegenden Wandel der Fabriksarbeit im 20. Jahrhundert von arbeitsintensiver Handarbeit zu vollautomatisierter Abwicklung zu dokumentieren.

Besucherzielgruppen eines Industriemuseums

Ein Konzept kultureller Angebote kann zwar nicht von populistischen Über-legungen bestimmt sein, muß aber auf die Wünsche der Betroffenen Rücksicht nehmen. Die Zielgruppen sollten breit gestreut sein, damit eine entsprechende Besucherfrequenz erreicht werden kann. Die Museums- und Ausstellungsphilosophie muß darauf ausgerichtet sein, nicht von jedem etwas zu bringen, aber die Erzählung so aufzubereiten, daß sie diese unterschiedlichen Besucherstrukturen abdecken kann. Das Lokal-Spezifische soll dabei nicht in die Rolle von Folklore und Heimatkunde gedrängt werden. Die Orientierung muß entsprechend der Besucherzielgruppendefinition einerseits auf das ortsansässige Publikum und die regionalen Bildungsinstitutionen (Pflichtschulen, Höhere Schulen, Berufsbildende Schulen) ausgerichtet sein, andererseits auf eine anspruchsvolle Schicht von Experten und Kulturtouristen, die nur zu einem geringeren Teil mit den ortsansässigen Bewohnern identisch sind. Im einzelnen sind zu unterscheiden:

Mitarbeiter der Linzer Betriebe, deren Angehörige und generell Bewohner der Region, die sich über ihre eigene Geschichte informieren möchten.

Kunden und Geschäftspartner der Linzer Betriebe und Geschäftstouristen.

Sammler und "Experten" bzw. Wissenschaftler mit Spezialinteressen.

Schüler, Lehrlinge, Studenten

"Industrietouristen"

Konzeption

Als Grundlage eines groben inhaltlichen Konzeptes kann zweifellos ein Zeitraster herangezogen werden, das aber sicherlich noch einer mehrfachen Adaptierung bedarf.

Die protoindustrielle Phase

In der Linzer Industriegeschichte nimmt die 1672 gegründete und 1754 verstaatlichte Linzer Wollzeugfabrik, die in Spitzenjahren der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit zwar erheblichen konjunkturellen Schwankungen in der Fabrik selbst bis zu 2000 und im dezentralen, auf Nebenerwerb ausgelegten Verlag bis zu 50.000 Mitarbeiter erreichte, eine Pionierstellung ein. Im Vormärz reduzierte sich der Beschäftigtenstand immer mehr. Seit 1839 war die Fabrik ganz auf die Teppicherzeugung beschränkt. Mit Beginn des Jahres 1851 wurde das alte, "dem Ärar so nachteilige und für die Privatindustrie überflüssige" Textilunternehmen endgültig stillgelegt. In den Räumlichkeiten wurden eine Tabakfabrik und Militär untergebracht.

Von Interesse ist diese protoindustrielle Phase sowohl aus ihrer verlagsindustriellen, Stadt und Land verbindenden Organisation und den sozialen Strukturen, die sich daraus für die Stadt ergaben, sondern auch aus dem am geplanten Areal des Museums befindlichen ehemaligen Standort dieses in den 60er Jahren zerstörten, wohl interessantesten barocken Fabriksgebäudes im Raum des heutigen Österreich und darüber hinaus und aus der hohen Attraktivität der dort erzeugten Textilien.

Frühindustrialisierung und Konsumgüterindustrie

Die Gründung der Linzer Tabakfabrik erfolgte auf Initiative des Staates, nachdem die ärarische Wollzeugfabrik ihren Betrieb eingestellt hatte. Bereits ein Jahrzehnt nach ihrer Einrichtung zählte die Tabakfabrik mit mehr als 1.000 Beschäftigten zu den größten Industrieunternehmungen der Stadt. Der Fabriksbetrieb steht somit im Kontext jener staatlichen Einflußnahme, die seit der merkantilistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik bis herauf in die Zeit nach den beiden Weltkriegen das Wirtschaftsleben der Stadt wesentlich mitbestimmt und geprägt hat.

In den Traunauen siedelten sich auf die Wasserkraft orientierte mechanische Spinnereien an, die Baumwollspinnerei F. & M. Rädler (Anfang der 1830er Jahre), die Baumwollspinnerei Grillmayr (1838), die Teppichfabrik und Baumwollspinnerei Josef Dierzer (1838/1845).

Man nannte sie die "sieben Fugger" von Linz: Der Baum- und Schafwollfabrikant Franz Honauer, der Industriekaufmann Anton Georg Pummerer, der Schiffmeister Ignaz Mayer, der erste Sekretär der Handels- und Gewerbekammer Ignaz Karl Figuly, die Textilindustriellen Johann Grillmayr und Joseph Dierzer und der Sensenherr Kaspar Zeitlinger.

In der zweiten Jahrhunderthälfte kam die Lebens- und Genußmittelindustrie dazu: Z.B. die Kleinmünchner Kunstmühle (1854), die dann auch durch eine Dampfteigwarenfabrik ergänzt wurde, eine vielfältige Branntweinindustrie (Feigl, Spitz, Mostny und zahlreiche andere) und eine rasch expandierende Brauwirtschaft: Die Brüder Jacob und Filipp Hatschek erwarben 1869 das Linzer Stadtbräuhaus und begannen 1875 einen kompletten Neubau am Fuße des Freinbergs. 1892 erfolgte die Umwandlung zur "Linzer Aktienbrauerei und Malzfabrik", die in weiterer Folge den Konzentrationsprozeß im oberösterreichischen Braugewerbe vorantrieb. Josef Poschacher, der 1854 die Weißenwolffsche Braustätte zu Lustenfelden erwarb, baute diese bis zur Jahrhundertwende zur leistungsfähigsten Braustätte im Linzer Raum aus, die 1904 als "Poschacher Brauerei in Linz AG" unter Federführung von Carl Beurle neu organisiert wurde und die zum Stammhaus der Österreichischen Brau-AG wurde. Die museale Aufbereitung der Industrialisierung des Nahrungs- und Genußmittelsektors am Beispiel der Spiritus- und Preßhefe-Fabrikation als typisch städtischem Produktionszweig drängt sich nahezu auf. Die Errichtung der Kaffeemittelfabriken Titze und Franck (1879 Gründung des Zweigwerkes in Linz), das Aufgehen der Titze-Fabrik im mächtigeren Franck-Konzern, nicht zuletzt die Gründung der Ring- und der Spaten-Brotwerke (1917 bzw. 1921) wären hier ebenfalls einzubeziehen. Die Actiengesellschaft Union, vereinigte Zündholz- und Wichsefabriken, gründeten 1885 in Linz eine Fabrik zur maschinellen Erzeugung von Zündhölzchen. Zu nennen wäre auch die "Erste oberösterreichische Dampf-Talgschmelzerei, Seifen, Kerzen- und Toiletteseifenfabriken" des Josef Estermann.

Die Hochindustrialisierung: Anfänge der Maschinenindustrie

Die vom Bau der Pferdeeisenbahn Linz-Budweis und Linz-Gmunden erwarteten enormen industriellen Impulse blieben aus, weil diese Bahn ein wirtschaftlicher und technischer Torso blieb und der moderne Dampfeisenbahnbau Linz erst spät einbezog, und auch da in unzulänglicher Weise. Die vielen Niederlagen von Linz im Eisenbahnbau, daß etwa die Abzweigung nach Passau von Wels ausging, nach Steyr von St. Valentin und Linz auch bei der Pyhrnlinie und der Mühlkreisbahn gegenüber Wels in der Diskussion lange Zeit den kürzeren zu ziehen schien, war für Linz als Standort von Industrien bedrohlich. Andererseits war es doch die Eisenbahn, die die industrielle Vorrangstellung von Linz in Oberösterreich durchzusetzen begann und vor allem Steyr in die Ränge verwies.

Der Standort Linz wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert auch immer mehr zu einem Standort der Maschinenindustrie: Die Schiffswerft (1840), die Reparaturwerkstäte der Westbahn (1858/61) und deren Ausbau zur Eisenbahn-Centralwerkstätte in Linz, deren Belegschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf über 1.000 anstieg, und die Lokomotivfabrik Krauss & Co. sind hier ebenso anzuführen wie Unternehmen der Elektrotechnik und der Erzeugung dauerhafter Konsumgüter (Nähmaschinen, Fahrräder...).

Linz in der Zwischenkriegszeit hatte in seinem Erscheinungsbild "stellenweise einen starken industriellen Charakter, vor allem in den großen, ebenen Flächen im Osten und Süden der dichter verbauten Innenstadt. Das weite, mit den Dörfern St. Peter und Zizlau nur dünn besiedelte, da teilweise hochwassergefährdete Gelände zwischen Eisenbahn und Donau war spätestens seit dem Flächenwidmungsplan von 1934 für Industrieansiedlungen vorgesehen und sollte schließlich 1938/39 Standort des neuen Hütten- und Chemiekomplexes werden.

Die NS-Zeit

wurde ein dramatischer Wandel der bisherigen ökonomischen und sozialen Strukturen der Stadt eingeleitet: Die realisierten Betriebsansiedlungen, die damit in Zusammenhang stehenden Wohnbauten und die für 400.000 Einwohner konzipierten städtebaulichen Planungen, die, obwohl mit Ausnahme der Nibelungenbrücke und der Brückenkopfgebäue nicht zur Ausführung gelangt, prägten die weitere Stadt- und Ver-kehrsplanung grundlegend.

Das vom Hermann Göring-Konzern errichtete Hüttenwerk sollte nach dem Vollausbau nach den ursprünglichen Plänen zwölf, in der später realisierten Variante sechs Hochöfen und eine entsprechende Anzahl weiterverarbeitender Großbetriebe umfassen. Die Hütte sollte eine Rohstahlkapazität von mehr als 1 Million Tonnen erreichen und vornehmlich aus der Steiermark mit Erzen beliefert werden. Am 1. Oktober 1941 wurde der erste Hochofen der Hütte Linz angeblasen. Bis Kriegsende wurden die sechs Hochöfen fertiggestellt. Zur Hütte gesellten sich die "Eisenwerke Oberdonau" - ein reiner Rüstungsbetrieb, der im April 1939 gegründet wurde und auf mehr als 10.000 Arbeitskräfte ausgelegt war.

Die Entscheidung, eine ursprünglich für Bayern geplante Anlage der "IG Farben" zur Stickstoffgewinnung in Linz anzusiedeln, stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der Errichtung der Eisenhütte und deren Kokereianlage. Arisierungen (Spitz, Mostny, Adler, Taussig, Camis & Stock, Tuchfabrik Himmelreich & Zwicker, Warenhaus Kraus & Schober...) ebenso wie ein Crowding Out von Klein- und Mittelbetrieben erwiesen sich für die Wirtschaftsstruktur der Nachkriegszeit von nachhaltiger Wirkung.

Die Nachkriegszeit

Grundlegend für die Nachkriegsentwicklung waren einerseits die Entscheidung zur Art der Weiterführung der Industriegründungen der NS-Zeit, andererseits die Ansiedlungen zahlreicher Klein- und Mittelbetriebe von den Werkstätten der Gablonzer bis zur Glashütte Worf in den Gebäuden der ehemaligen Malzfabrik, die Textilmaschinenfabrik G. Josephy's Erben, die ebenfalls aus Bielitz stammende Maschinenfabrik Ochsner, die Leichtmetallgießerei Mandl & Berger, die Elektromaschinenfabrik Hitzinger, das Metallwerk Gebauer und Griller. Die Expansion der Bahnbaumaschinenfabrik Plasser & Theurer, des Lösch-fahrzeugebauers Rosenbauer, der Textilmaschinenfabrik Fehrer, der Industrieofenfabrik Ebner... sind Linzer Erfolgsgeschichte. Im Linzer Um-kreis und Großraum, in Traun, Leonding etc., im Städtedreieck Enns - Linz - Wels entwickelte sich der potenteste Industrieraum Österreichs.

Der Umstand, daß in den Linzer Anlagen der VÖEST im November 1952 die weltweit erste Erschmelzung von Stahl im Wege des Sauerstoff-Aufblaseverfahrens im Großversuch gelang, weist Linz in der Entwicklung der (Schwer-)Industriestadt eine weltweite Schlüsselfunktion zu. Darüber hinaus erscheinen ergänzende Präsentationen wie etwa der Weiterentwicklung zum Stranggußverfahren oder ein Rückblick auf frühere Stahlerzeugungstechniken angebracht.

Chronologische Gliederung - thematische Orientierung

Die Verankerung in die gegenwarts- und zukunftsorientierte Idee des Industriemuseums muß in der Art erfolgen, daß die relevanten Gegenwarts- und Zukunftsfragen nicht nur am Ende angeschnitten werden, sondern in Gestalt von Aspekten bzw. Themen den gesamten Ausstellungsrundgang hindurch präsent sind.

Vorgeschlagen wird einerseits eine die Orientierung erleichternde chronologische Ordnung, andererseits eine durchgehende Systematik, wobei jedenfalls jene Punkte herausgearbeitet werden sollen, die für die besonders zu betonenden Gegenwarts- und Zukunftsteile von besonderer Relevanz sind: Es soll dabei einerseits auf die Neuformierung der Linzer Wirtschaftslandschaft nach 1945 bis in die Gegenwart eingegangen werden, aber auch auf die Ansiedlung von Betrieben, auf die Bemühungen zum Einstieg in Zukunftstechnologien. Eine Dokumentation einzelner Unternehmen, ihrer Produkte und ihrer Zukunftsstrategien wäre zu erstellen. Die erfolgreiche Ansiedlung neuer Industrien und die Belebung der Stadtregion sind weitere Themen. Dabei soll auch den Linzer Betrieben und den gesellschaftlichen Kräften der Region die Möglichkeit der Selbstpräsentation und der Kommunikation mit den Besuchern geboten werden. Wichtig scheint, daß solcherart das Industriemuseum zu einem Diskussionsforum über die Zukunft der Linzer Industrieregion werden kann.

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