WOLFGANG STIFTER: Hochschule für Gestaltung in Linz

Ihr Status quo und ihr Beitrag für die Entwicklung der Stadt

Die Gründungsphase der HfG scheint mit der angelaufenen Emeritierung der Gründergeneration unter den Professoren unwiderruflich abgeschlossen. Die Konturen der Hochschule mit ihren Abteilungen und Studienzweigen sind inzwischen relativ klar umrissen, wenn auch in der Öffentlichkeit nicht in ausreichendem Maße bekannt. Der Zustrom an Interessenten ist dennoch anhaltend groß.

Die Struktur der Hochschule - wie man sie jetzt vorfindet - ist das Spiegelbild des Kräftemessens zwischen dem Argumentationsgeschick der handelnden Personen vor Ort und der Restriktionsfähigkeit der Zentralstellen des Bundes, durchwoben von individuellen Biografien und einigen Spuren des Genius loci, weit entfernt vom Wünschenswerten, diktiert vom Machbaren. Auf ein in allen Facetten schlüssiges Gesamtkonzept einer Hochschule für Gestaltung hinzuarbeiten, muß offensichtlich Fiktion bleiben.

Die Hochschule hat von ihrem Bildungsauftrag her gesehen zwei Ausbildungsrichtlinien zu folgen einerseits Berufsvorbildung für relativ klar umrissene Berufssparten, z.B. Lehramtsstudien und Architektur, die aber auch jene unabdingbare Innovation einschließt, die die Gesellschaft erwarten darf, andererseits in immer größerem Ausmaß den Auftrag, eine berufsfeldübergreifende gestalterische Kompetenz zu vermitteln, denn die "Produktion" von leicht zu vermittelnden Professionalisten wird in zunehmendem Maß von einschlägigen Fachhochschulen übernommen werden. Den Hochschulen kommt daher vorrangig die Ausbildung der Generalisten zu, der Querdenker, die sich übergeordneten Fragen stellen, dabei auch durchaus unbequeme Antworten bieten und neue Wege versuchen.

Die Impulse, die von der Hochschule ausgehen und am unmittelbarsten bemerkt werden müssen, stehen in Verbindung mit ihrer städtebaulichen Präsenz an drei markanten Punkten im Stadtgeflecht. Das Brückenkopfgebäude West wird durch die neu eröffnete Hochschulgalerie eine nicht unwesentliche Belebung erfahren; die Hochschule wird ihre nach außen orientierten Räume mit den jeweiligen Ausstellungsobjekten bis in die Nacht hinein beleuchten und gleichzeitig als Ausstellungsareal auch die Arkaden, die donauseitige Rampe und die Höfe nutzen. Diese können während der Nacht und für Open-air-Veranstaltungen in Zukunft mit sehr attraktiv gestalteten Schwerengittern entsprechend abgesichert werden.

Am Standort Urfahr scheint eine Nachdenkpause angelaufen, eine Entscheidung über einen Weiterbau im Tiefgeschoßbereich wird demnächst erwartet. In diesem Zusammenhang darf auch über eine städtebauliche Vision berichtet werden: Ein Standorttausch zwischen HfG und Finanzamt Linz und zwar in der Form, daß die "Kunst" den Brückenkopf belebt und die Beamtenschaft in das Wohnquartier in der Sonnensteinstraße zieht. Nähere Details auszuführen, wäre noch verfrüht.

Die derzeit erfreulichste Entwicklung nimmt der Standort Linz-Ost: Im Peter-Behrens-Haus, einem Teil der Tabakwerke, wurde mit Beginn dieses Studienjahres endgültig der Betrieb aufgenommen. Damit wird die immer wieder von verschiedenen kompetenten Seiten monierte "Osterweiterung" der Stadt einen entscheidenden Impuls erhalten und das international gesehen vielleicht bedeutendste Architekturdenkmal der Stadt eine auf Dauer belebende Funktion erhalten. Für einen Kulturbezirk ist bei entsprechender öffentlicher Verkehrsanbindung ein wichtiger Anfang gemacht. In diesem Zusammenhang ist wieder einmal darauf hinzuweisen, daß auch die genial konstruierte Halle des ehemaligen Schlachthofes es verdiente, möglichst bald eine entsprechende funktionelle Aufwertung zu erfahren.

Im thematischen Zusammenhang mit dieser äußeren baulichen Präsenz steht die Studienrichtung Architektur mit ihrer Meisterklasse und mit der neu eingerichteten Lehrkanzel für Städtebau, Raumplanung und Wohnungswesen. Beide Planstellen (Architektur und Städtebau) sind neu besetzt. Sobald der Dialog der Stadt Linz mit den verantwortlichen Professoren dieser Studienrichtung einsetzen kann, wird man in verstärktem Maß die Öffentlichkeit für Probleme des Bauens und der Stadtentwicklung interessieren können. Ein Anfang wurde durch das von der HfG mitbegründete Architekturforum und seine Aktivitäten längst gemacht, ebenso durch die beachtlichen Bemühungen der Baudirektion mit der Sommerakademie an unserer Hochschule. Die von der Baudirektion initiierte Internationalität wird so in absehbarer Zeit ihr notwendiges regionales Pendant erhalten.

Weiters steht jetzt schon fest, daß der designierte Ordinarius für Architektur (Roland Gnaiger aus Bregenz) im Einvernehmen mit der Hochschulleitung seine Schwerpunkte im Bereich des energietechnisch verantwortbaren Bauens setzen wird. Der Typus "Bau" und "Haus" wird durch eine konsequente Weiterentwicklung der Niedrigenergiebauweise in den nächsten beiden Jahrzehnten völlig neu definiert werden (müssen!), das Erscheinungsbild wird sich radikal ändern. Da ähnliche Bestrebungen seitens der Baudirektion und seitens der SBL wahrzunehmen sind, kann sich Linz und Oberösterreich eine Vorreiterrolle abseits jeder geschmäcklerisch-formalistischen Architektursprache erarbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt, der nur auf den ersten Blick für den urbanen Raum weniger adäquat scheint, ist die Entwicklung der Holzbautechnik - auch für den Mehrgeschoßbau und auch für öffentliche Zwecke. Roland Gnaiger kann auch auf diesem Gebiet auf entsprechende Erfahrungen verweisen. Das 1995 gegründete Holzbauinstitut an der HfG wird die notwendigen Strukturen erarbeiten. Die Stadt Linz hat in wirksamer, daher auch weiser Voraussicht ihr Image als internationales Zentrum der Computerkunst erworben und nachhaltig gefestigt. Man wird dies bei verschiedenen weltweiten Kontakten immer wieder bestätigt bekommen. Die Hochschule hat sich zu dieser Entwicklung nicht immer in der erwarteten euphorischen (implizit unkritischen) Weise geäußert in der Überzeugung, daß offensichtlich zu viele Kompromisse einzugehen sind, wenn man international reüssieren will und wenn man meint, den Applaus der Weltöffentlichkeit sich kurzfristig sichern zu müssen. Gleichzeitig hat sich die Hochschule aber immer um einen möglichst hohen Ausstattungs- und Ausbildungsstand bezüglich Computertechnik für ihren eigenen Bedarf bemüht und ist dank einer günstigen personellen Konstellation diesbezüglich unter den Kunsthochschulen führend und verfügt derzeit über 170 Computerarbeitsplätze. Beispielsweise wurde auch die erste Telekonferenz in Österreich von unserer Hochschule aus durchgeführt. Darüber hinaus gibt es Kontakte zu allen diesbezüglich relevanten Einrichtungen im In- und Ausland. Auch die ersten Erfolge für unsere Absolventen sind zu registrieren, wenn sie aufgrund ihrer Leistung von renommierten Studios für Computeranimation in Californien engagiert werden.

Die Errichtung des Forschungsinstitutes Archimedia beweist, daß die Hochschule in diesem Fall durch die persönliche Initiative von Prof. Dr. Lachmayer schon vor mehr als zwei Jahren die richtigen Schritte gesetzt hat. Innerhalb kürzester Zeit konnten Projekte realisiert werden, die im gleichen Maße den Ansprüchen des Künstlerischen und Spektakulären genügen, effektvoll ohne billig zu werden. Die Hochschule wird auch in Zukunft die Angebote des AEC zur Kooperation gerne wahrnehmen, gilt es doch vor allem der jungen Generation unserer Stadt, Arbeitsmöglichkeiten in allen computerrelevanten Techniken zu eröffnen. Hochschulintern gibt es auch einen weiteren Anlauf zu prüfen, inwieweit Computerkunst einen eigenen Studienzweig bilden könnte. Seitens des Bundes und seiner zuständigen Minister (Busek, Scholten) konnte diesbezüglich leider keinerlei Interesse vermerkt werden. Vom derzeitigen Diskussionsstand lassen sich am ehesten Argumente ableiten, die postgraduale Studienschwerpunkte für Absolventen von Kunststudien sinnvoll erscheinen lassen.

Die Kunst des nächsten Jahrzehnts - diese Prognose darf man durchaus wagen - wird nicht mehr im gleichen Maß wie jetzt von der Werkproduktion dominiert werden, denn diese Facette scheint momentan relativ ausgereizt bzw. so etabliert - die Gesellschaft bedient sich der Kunst in schamloser Weise - daß sie Gegenteiliges provozieren muß. Sie wird vielmehr durch eine Nachdenkphase wie zu Ende der Sechzigerjahre gekennzeichnet sein, durch eine innere Emigration und Verweigerung, durch ein Wechseln des Reviers beispielsweise ins Soziale, Sozialtherapeutische oder Philosophische und durch den inzwischen bravourösen Umgang mit den neuen virtuellen Kommunikationstechniken. Rückbau, Destruktion, sogar "Ent-Kunstung" könnten brauchbare Maximen sein. Sich aus dem Pseudodesignfilz, der die öffentlichen und privaten Oberflächen überzieht und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet, zu schälen, ist eine Überlebensstrategie für visuell empfindsame Menschen. Gestalten durch Belassen könnte eine Devise lauten und die Kunstlehre wird diese Entwicklung in ihr Curriculum aufnehmen müssen. Mit dieser Ankündigung in brauchbarer Weise umzugehen, ist die schwierige Aufgabe bemühter Kulturpolitiker und aufgeschlossener Beamter.

Die Hochschule scheint für diese Welle der Intellektualisierung der Kunst gut vorbereitet, da sie in ihrem Personal mit Dr. Lachmayer, Dr. Macho, Dr. Pfaller und anderen über äußerst versierte Kunst- und Kulturphilosophen verfügt. Die neu installierte Lehrkanzel für Kulturwissenschaften wird bei entsprechender Besetzung ebenfalls wertvolle Hilfe leisten können.

Die Hochschule muß auch auf ihr Potential von fast sechshundert jungen kunstbesessenen Studenten verweisen. Von dort her kommen auch die Bedenken, daß möglicherweise schon der Begriff "Kulturentwicklungsplan" für die Kunst verfehlt sein könnte, denn die Kunst wird sich immer gegen jede vorweggenommene Planung und Vereinnahmung verwehren. Sie will auch nicht Baustein im Planspiel der Mächtigen sein oder Feder am Hut der einen oder anderen politischen Partei.

Die Hochschule als eine durch Gesetze und Verordnungen relativ genau definierte Institution der Republik wird und soll durch ihre Existenz und mit der ihr verordneten Rigidität - auch wenn sie explizit das visuelle Experiment in ihrem Programm aufweist - immer wieder informelle Formen von Kunstbrutstätten als Alternativen provozieren. Diese Dualität ist durchaus wünschenswert und wird von der Stadt Linz richtigerweise gefördert.

Letztlich bleibt nur zu hoffen, daß das Neue und Innovative, das uns die nächsten Generationen bescheren werden, dergestalt sind, daß sie sich jetzt noch gar nicht beschreiben lassen.

Kultur ist das Sichern und Festschreiben von Strukturen, die die Kunst gelegt hat, Kunst ist das permanente In-Frage-Stellen derselben. Die Hochschule hat dabei eine Doppelstrategie anzuwenden, pendelnd zwischen einem kräftigen Schub, der von Visionen getragen ist und einem Sich-Treiben-Lassen, das die permanente Reibung an den Alltagsproblemen mit einschließt. Sie muß dabei Kunstphänomene generieren, die zu Kulturphänomenen mutieren, um diese als etabliert kritisieren zu können, damit die Kunst nicht zur Dekoration der Gesellschaft verkommt.

zurück zum Inhaltsverzeichnis