Presseaussendung vom: 17.10.2018 |

Linz 1918 / 1938 – Jüdische Biographien (Foto) Neue Publikation des Archivs der Stadt Linz

Erinnerungen der Zeitzeugin Marie Spitz (Donner), USA

Die Ereignisse der Jahre 1918 und 1938 sowie die daraus resultierenden Folgen stellten eine bedeutende Zäsur dar. In Österreich ging 1918 nach über 600 Jahren die Herrschaft der Habsburger endgültig zu Ende.

Mit der Republikgründung im November 1918 wurde der Grundstein für den heutigen österreichischen Staat gelegt. Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 und der austrofaschistischen Diktatur in den folgenden vier Jahren verlor Österreich am 12. März 1938 die Eigenständigkeit und wurde schnell in das nationalsozialistische Deutsche Reich als „Ostmark“ eingegliedert. Linz wurde nach dem Einmarsch der NS-Truppen zur privilegierten „Patenstadt des Führers“.

Die Autorin Mag.a Verena Wagner wählte für ihr neues Buch „Linz 1918 / 1938 – Jüdische Biographien“ die bewegenden Lebenswege von Marie Spitz (verheiratete Donner), Kurt Ungar, Rosa Brunn (verheiratete Ungar), Fritz Richter und Max (Markus) Hirschfeld aus, um vor allem die Umbrüche der Zwischenkriegszeit von der Republiksgründung bis zur Auflösung Österreichs am Beispiel der jüdischen Minderheit in der Stadt Linz zu zeigen.

„Die Autorin Mag.a Verena Wagner hat als ausgewiesene Expertin in ihrem neuen Buch „Linz 1918/1938 – Jüdische Biographien“ die Entwicklungen der Jüdischen Gemeinde in Linz in den Umbruchsjahren 1918 bis 1938 anhand von fünf biographischen Beispielen dargestellt. Die Linzer Stadtpolitik und das Archiv der Stadt Linz haben bereits in den letzten Jahren und Jahrzehnten erfolgreich bewiesen, dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit ehrlich und seriös erfolgt. Gerade im Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 erscheint es mir besonders wichtig, die zeitgeschichtliche Vergangenheit der Lebensstadt Linz kritisch und umfassend aufzuarbeiten, damit Verdrängungen und Verharmlosungen der NS-Vergangenheit in der Gegenwart und in der Zukunft keine reale Chance erhalten“, ist Bürgermeister Klaus Luger zutiefst überzeugt.

„Die jüngere Generation hat zu den Gedenkjahren 1918/1938 oft nur mehr einen historischen und damit abstrakten Zugang. Gerade deshalb sind die Biografien von fünf Linzer Jüdinnen und Juden ein nicht nur wissenschaftlicher sondern auch ein emotional wichtiger Beitrag des Archivs der Stadt Linz für das heurige Gedenkjahr. Einzelschicksale berühren viel stärker und eröffnen einen persönlichen Zugang. Die Anwesenheit der Zeitzeugin Marie Donner macht uns bewusst, wie real diese unsere Geschichte ist“, betont Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer.

Fünf Biographien

Die Autorin Mag.a Verena Wagner wählte für ihr historisches Werk zum Gedenkjahr 1918 – 1938 aus einer größeren Zahl fünf Biographien aus, da sich an den Lebenswegen dieser jüdischen Gemeindemitglieder die beiden Wendepunkte 1918/1938 und die Entwicklung von der Monarchie über die Erste Republik bis hin zu Austrofaschismus und NS-Diktatur besonders eindringlich zeigen. „Der politische und gesellschaftliche Wandel könnte nicht deutlicher als am Schicksal einer religiösen Minderheit in Österreich wie der jüdischen Bevölkerung dargestellt werden“, betont Mag.a Verena Wagner.

Oral History: Marie Donner und Lilly Radcliffe

Die Methode der Oral History wird bei allen fünf Biographien verwendet, mit einem besonderem Schwerpunkt bei Marie Spitz, die in den USA Jack Donner heiratete. Vier der fünf Personen, die im Buch beschrieben werden, sind nicht mehr am Leben. Marie Donner und die ebenfalls inzwischen verstorbene Cousine Lilly Radcliffe bildeten die einzigen zwei Zeitzeuginnen, die Verena Wagner noch zu ihrer Lebensgeschichte befragen konnte. Alle anderen Personen wurden durch die nächste Generation charakterisiert. Zur Verfügung standen auch noch mehrstündige Filminterviews von Robert Hesky und Lilly Radcliffe, die 1991 in Kalifornien entstanden.

Jüdische Einwohnerinnen und Einwohner in Linz

In der Ersten Republik stieg Linz zur drittgrößten Stadt Österreichs auf. Mit den Eingemeindungen von Urfahr, Pöstlingberg und Kleinmünchen stieg die Bevölkerungszahl auf über 100.000 Menschen an. Trotz eines statistischen Höchststandes von 931 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohnern im Jahr 1923, machten sie im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung nur einen Anteil von einem Prozent aus.

Biographie Marie Spitz (verheiratete Donner)

Die Mutter von Marie Spitz überlebte die Geburt ihrer Tochter im Jahr 1930 in Linz nur wenige Stunden. Der überforderte Vater Ernst Spitz übergab das Baby an seine Schwägerin Helene Hesky. Marie wuchs so gemeinsam mit ihrem acht Jahre älteren Cousin Robert und ihrer Cousine Lizzi im Haus Schillerstraße 46 auf.

Finanzielle Unstimmigkeiten führten dazu, dass die Besuche beim leiblichen Vater eingestellt wurden, das letzte Treffen fand auf der Nibelungenbrücke im Jahr 1938 statt. Es kam nie zu einer Adoption durch die Familie Hesky und daher musste Ernst Spitz die Genehmigung unterschreiben, damit Marie Österreich verlassen durfte.

Im September 1938 bezogen die Zieheltern die Rabbinerkanzlei im Anbau der Linzer Synagoge als Notquartier. Marie Spitz musste die Zerstörung des Tempels miterleben und wäre fast in der von SA und SS angezündeten Synagoge verbrannt. Sie vergaß die roten Flammen des brennenden Gebäudes und die Jubelschreie „Die Juden brennen, die Juden brennen!“ der gaffenden Menge bis zum heutigen Tag nicht. Wie durch ein Wunder konnte ein Fotoalbum am nächsten Morgen fast unversehrt aus der Asche gezogen werden. Einige Bilder zeigen deutliche Brandspuren der Pogromnacht in Linz.

Marie Spitz wurde mit einem Kindertransport rechtzeitig nach London evakuiert, noch bevor ihre Familie ein Visum in die USA erhielt. Nach schrecklichen Erlebnissen in zwei Lagern nahm sie eine Gastfamilie auf. Erst im Jahr 1940 traf sie ihre Zieheltern in San Francisco wieder. Marie Spitz heiratete im Jahr 1949 Jack Donner, wurde Mutter von zwei Söhnen und lebt in Kalifornien.

Biographie Kurt Ungar

Der 1899 in Wien geborene Kurt Ungar verbrachte seine Kindheit ab dem siebten Lebensjahr bei seiner Mutter und Großmutter in Linz an der Landstraße 44. Getrennt vom Vater, wohnte die Familie im Stammhaus der Firma „L. u. S. Kafka“, einem erfolgreichen Obstverwertungsunternehmen. Seine Mutter, eine geborene Kafka, verstarb im Jahr 1914.

Noch vor dem Abschluss der Handelsakademie musste Kurt Ungar im Jahr 1917 zur Grundausbildung als Reserveoffizier einrücken und erlebte im Ersten Weltkrieg einen Einsatz an der Front in Südtirol. Seine Tagebücher, die vier Hefte mit täglichen Notizen umfassten, beschreiben das Leben eines jungen Linzer Juden von März 1917 bis Dezember 1918. Die Tagebucheintragungen vermitteln neue Einsichten in die bisher kaum bekannten Aktivitäten jüdischer Jugendlicher in der österreichischen Provinz kurz vor dem Untergang der Habsburgermonarchie und der Gründung der Ersten Republik.

Als Reisebeamter der Firma „Queen-Werke“ hielt er als stiller Teilhaber 50 Prozent der Anteile, die er 1938 verkaufen musste. Nach 1945 erhielt er nur einen Bruchteil des Wertes restituiert. Trotz mehrerer Verhaftungen gelang Kurt Ungar mit seiner Familie die Flucht nach Palästina. Er zählte zu den wenigen Juden, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Linz zurückkehrten. Als Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde übernahm er von Mai 1948 bis 1958 vielfältige Aufgaben, die über die Gemeindearbeit weit hinausgingen. Kurt Ungar starb im Jahr 1982 und wurde am jüdischen Friedhof in Linz begraben.

Biographie Rosa Brunn (verheiratete Ungar)

Das Einzelkind Rosa Brunn wurde nach ihrer Geburt im Jahr 1914 katholisch erzogen und übersiedelte im Jahr 1919 mit ihrer Familie nach Linz. Am Graben eröffnete ihr Vater Josef Brunn eine Kupferschmiedewerkstätte. Rosa Brunn wechselte nach der Unterstufe am Mädchenlyzeum an die Handelsschule, um Sekretärin oder Fremdsprachenkorrespondentin zu werden. Sie war Mitglied des christlich-deutschen Turnvereins und des Katholischen Volksvereins.

Mit 20 Jahren lernte sie den um 15 Jahre älteren Reisevertreter Kurt Ungar kennen. Die Heirat im Frühjahr 1936 knüpfte der Bräutigam an die Bedingung, dass Rosa Brunn vorher zum Judentum konvertieren müsse. Sie gehörte zu den letzten Christinnen, die vor dem März 1938 in Linz zum Judentum übertraten. Während ihrer Schwangerschaft versuchte sie alles, um ihren im Sommer 1938 zweimal inhaftierten Ehemann Kurt Ungar zu befreien, obwohl die Nationalsozialisten durch ständige Drohungen eine Scheidung erzwingen wollten.

Vier Wochen nach der Geburt des zweiten Sohnes in Wien am 8. November 1938 gelang dem Ehepaar die Flucht nach Palästina. Noch von den traumatischen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten in Wien belastet, wurde sie dort nicht von allen als Jüdin akzeptiert. Anfang 1947 kehrte Rosa Ungar mit ihrem Sohn nach Linz zurück. Sie erlernte die Hühnerzucht und wurde im Mai 1949 Mutter ihres dritten Sohnes. Erst nach der Pensionierung von ihrem Ehemann als Sekretär der Kultusgemeinde kehrte Rosa Ungar zum Katholizismus zurück und ließ ihren zehnjährigen Sohn Erwin taufen. Rosa Ungar starb im März 2002 im Alter von 88 Jahren.

Biographie Fritz Richter

Drei Jahre nach der Geburt von Fritz Richter in Böhmen übersiedelte die Familie im Jahr 1907 nach Linz, wo sein Vater, der 1922 verstarb, eine Arztpraxis eröffnete. Beruflich bei der Linzer Ölfirma Otto Kapper angestellt, entwickelte sich Richter zu einem beliebten Sänger, Kabarettisten und Laienschauspieler in der Kultusgemeinde, bevor er 1930 nach Wien ging.

Als Anhänger des Zionismus-Revisionismus übernahm er die Funktion eines Sekretärs der Zionisten-Revisionisten Österreichs. Als Mitglied der Parteileitung engagierte er sich ebenso in der revisionistischen Jugendorganisation Brith Trumpeldor. Durch die Fusion mit dem Verband demokratischer Zionisten im Jahr 1931 begann eine intensive Zusammenarbeit mit dem bedeutendsten Zionisten Österreichs Robert Stricker. Fritz Richter organisierte die 5. Revisionistische Weltkonferenz 1932 in Wien. Nach der Trennung der beiden Strömungen entstand 1933 die „Judenstaatspartei“. Richter gründete innerhalb dieser neuen Partei eine Jugendorganisation mit dem Namen „Barak Austria“.

Im Jahr 1937 verlor Richters älterer Bruder und Sozialdemokrat Dr. Hans Richter durch ein politisch motiviertes Gerichtsurteil seinen Doktortitel und damit seine Existenzgrundlage als Arzt. Er sah keinen anderen Ausweg mehr als sich das Leben zu nehmen. Fritz Richter gelang im Oktober 1938 die Flucht nach Argentinien. Er schaffte einen beruflichen Neuanfang und heiratete die Linzerin Lisette Basch. Im Jahr 1971 starb er während eines Aufenthaltes in der Schweiz mit 67 Jahren als Vater von zwei Töchtern.

Biographie Max Hirschfeld

1897 in Wien geboren, zog Max (Markus) Hirschfeld mit seinen ungarischen Eltern David und Babette Hirschfeld nach Linz, wo sie in den Kleiderhandel einstiegen. Früh für seine Unerschrockenheit und Risikobereitschaft bekannt, lernte er in Wien in einem Gasthaus das Koch- und Fleischergewerbe, bevor er als Kellner arbeitete. Nach vier Jahren Kriegseinsatz kehrte er nach Linz zurück und gründete eine Familie. Dubiose Geschäfte mit Rohprodukten, Altwaren und Antiquitäten führten dazu, dass ihm die Linzer Gewerbebehörde seinen Gewerbeschein entzog. In der Folge musste er sich mit einem Arbeitsplatz als Angestellter im Betrieb seines Vaters an der Landstraße 101 begnügen. Während er in der Großfamilie Hirschfeld eine „Herrscherrolle“ einnahm, spielte er bis 1938 in der Linzer Kultusgemeinde nur eine Nebenrolle.

Im März 1938 wurde der furchtlose Max Hirschfeld von der Gestapo gezwungen, die Vertreibung der Linzer Jüdinnen und Juden unter schwierigsten Bedingungen zu organisieren. Er nutzte seine Position, um jüdische Gemeindemitglieder vor Verhaftungen zu warnen, einigen zur Flucht zu verhelfen und manche sogar aus den NS-Konzentrationslagern zu befreien. Ahnend, dass Adolf Eichmann ihn selbst nie gehen lassen würde, flüchteten Max Hirschfeld und seine Frau mit gefälschten Pässen im November 1939 heimlich über die österreichische Grenze. In San Francisco baute er sich eine neue Existenz mit Diskontläden für Spielzeug und Küchenutensilien auf. Im Alter von 90 Jahren starb Max Hirschfeld im kalifornischen San Jose.

Eröffnung der Ausstellung am 8. November 2018

In der Ausstellung „Linz 1918 / 1938 – Jüdische Biographien“ stellt das Archiv der Stadt Linz das Leben der jüdischen Bevölkerung während der Zwischenkriegszeit in den Mittelpunkt. Neueste Forschungsergebnisse zu fünf Einzelschicksalen ermöglichen einen erweiterten Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in dieser Zeit der Umbrüche. Die Ausstellung wird am Donnerstag, 8. November 2018 um 18 Uhr im Foyer des Wissensturms eröffnet. Sie kann bis 11. Jänner 2019, jeweils Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr (außer an Feiertagen), bei freiem Eintritt besucht werden. Gruppenführungen durch die Ausstellung sind gegen telefonische Voranmeldung unter 7070/2961 möglich.

Zur Autorin

Mag.a Verena Wagner ist evangelische Religionspädagogin und Theologin. Seit 1989 unterrichtet sie evangelische Religion an Höheren Schulen in Linz. Sie publizierte mehrere Bücher zur jüdischen Geschichte in Linz und Oberösterreich. Zuletzt erschien im Jahr 2013 das Buch „Jüdische Lebenswelten. Zehn Linzer Biographien“ als Historisches Jahrbuch der Stadt Linz. Seit 2008 liegt das zweibändige Gesamtwerk „Jüdisches Leben in Linz 1849–1943. Institutionen, Familien“ vor, in dem sie die Geschichte der Linzer Kultusgemeinde sowie das Leben von 30 jüdischen Familien porträtierte. Im Jahr 2002 kuratierte sie die Ausstellung „Jüdische Spuren an der Körnerschule bis 1938“. Die Wissenschaftsmedaille der Stadt Linz erhielt Mag.a Verena Wagner im Jahr 2010.

Zur Publikation

Verena Wagner, Linz 1918 / 1938 – Jüdische Biographien
Archiv der Stadt Linz, 624 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Preis: 35 Euro
ISBN 978-3-900388-63-8
Erhältlich im Archiv der Stadt Linz, Neues Rathaus, Hauptstraße 1-5, A-4041 Linz, sowie im Buchhandel.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Bürgermeister Klaus Luger und Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer zum Thema „Linz 1918 / 1938 – Jüdische Biographien“)

Weitere Gesprächspartnerinnen und -partner:
Dr.in Charlotte Herman, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz
Mag.a Verena Wagner, Autorin
Marie Donner, Zeitzeugin
Direktor Dr. Walter Schuster, Archiv der Stadt Linz

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