Presseaussendung vom: 06.05.2019

100 Jahre Frauenwahlrecht Meilenstein für die Gleichberechtigung

Hundert Jahre ist es her, dass Frauen in Österreich das erste Mal wählen durften. Mit der Wanderausstellung „Die Wahlzelle“ wird an die Zeit erinnert, in denen sich mutige, selbstbewusste und kritische Frauen das Recht auf politische Mitbestimmung erkämpft haben. Die Eröffnung findet am 9. Mai im Foyer des Alten Rathauses statt. Die politische Beteiligung von Frauen war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Frauen mussten einen langen Weg gehen, bis sie ihr Recht auf politische Mitbestimmung im Jahr 1918 erlangten. Vor Ende der Monarchie machten sich vor allem sozialdemokratische Frauenorganisationen für das Frauenwahlrecht stark. Beim Zusammentreten des provisorischen Gemeinderates am 16. November 1918 in Linz waren bereits zwei Frauen dabei – Marie Beutlmayr und Juliane Hudetschek. Am 18. Mai 1919 fanden die ersten Wahlen für den oberösterreichischen Landtag statt, bei denen erstmals das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Verhältniswahlrecht für Männer und Frauen galt. 

„Die Einführung des Frauenwahlrechtes wurde von Frauen vor uns hart erkämpft. Wie die aktuelle Situation von Frauen zeigt, gibt es bis zur tatsächlichen Gleichstellung von Männern und Frauen noch viel zu tun.“, merkt Frauenstadträtin Mag.a  Eva Schobesberger kritisch an. 

Ein Fest für die Wahlzelle

Eine Wanderausstellung ruft die denkwürdigen Ereignisse von 100 Jahren in Erinnerung. Gestaltet als Wahlzelle erzählt sie von den historischen Zusammenhängen zwischen der Republikgründung 1918 und der Einführung des Frauenwahlrechts. Die Wahlzelle wird vom städtischen Archiv mit Linzer Beiträgen ergänzt. Am 9. Mai findet um 18 Uhr die feierliche Eröffnung im Foyer des Alten Rathauses statt. Unter anderem lesen die Autorinnen und Herausgeberinnen Mag.a Bettina Balàka, Mag.a Marlene Gölz, Dr.in Eva Schörkhuber und Mag.a Petra Sturm aus ihrer Publikation „WARUM FEIERN“ – Beiträge zu 100 Jahren Frauenwahlrecht. Es referieren zudem Stadträtin Mag.a Eva Schobesberger, Dr.in Cornelia Daurer vom Archiv der Stadt Linz, sowie Dr.in Gabriella Hauch, Professorin für Geschichte der Neuzeit/Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Stadtführungen zu 100 Jahre Frauenwahlrecht

Das Frauenbüro der Stadt Linz bietet zu dem denkwürdigen Jubiläum Stadtrundgänge an. Diese haben die Entstehung des Frauenwahlrechts, Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen in Linz im 19./20. Jahrhundert, die Gründung der ersten Linzer Frauenvereine im 19. Jahrhundert sowie die erste Wahl im Februar 2019 zum Inhalt. Austrian Guide Eleonore Gillinger führt dazu etwa eineinhalb Stunden durch die Linzer Innenstadt. Die Teilnahme kostet drei Euro, Anmeldungen nimmt das Linzer Frauenbüro entgegen. 

Termine sind am Donnerstag, 9. Mai, ab 16.30 Uhr (Im Anschluss an diese Führung können Interessierte an der Ausstellungseröffnung im Alten Rathaus teilnehmen), Montag, 13. Mai, ab 17.30 Uhr, Donnerstag, 16. Mai, ab 17.30 Uhr (diese Führung ist auch für gehbeeinträchtigte Personen geeignet) sowie Montag, 20. Mai, ab 17.30 Uhr. Treffpunkt ist jeweils am Hauptplatz vor dem Alten Rathaus. 

Frauenwahlrecht in Linz

Das Recht der Frauen auf politische Mitbestimmung wurde bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts thematisiert, die Debatte gewann jedoch um 1910 und besonders während des Ersten Weltkriegs unter dem Eindruck der veränderten gesellschaftlichen Position der Frauen verstärkt an Dynamik. Das Ende der Monarchie brachte in der Folge zugleich das Ende eines Wahlrechts, das kein gleiches und allgemeines Stimmrecht garantierte. Mit der Verabschiedung des Gesetzes über die Staats- und Regierungsform im November 1918 wurden auch die Grundsätze des Wahlrechts für die konstituierende Nationalversammlung festgelegt, darunter das Stimmrecht für alle Staatsbürger ungeachtet ihres Geschlechts. Auch in der neuen Wahlordnung vom 18. Dezember 1918 wurde das allgemeine Frauenwahlrecht festgehalten. Erstmalig wählen durften die Frauen dann bei der Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919.

Vor allem die Christlichsozialen befürchteten ein Fernbleiben der Frauen von den Wahlurnen. Dagegen sprach jedoch die hohe Wahlbeteiligung der Frauen von 82,10 Prozent (Männer: 86,97 Prozent). Entgegen den Prognosen wählten die Frauen auch nicht mehrheitlich die Sozialdemokraten, sondern gaben ihre Stimmen deutlich öfter den Christlichsozialen. Dieser Trend hielt bis 1930 an. Insgesamt hatten die Frauen bei allen Nationalratswahlen in der Ersten Republik die Mehrheit der Wahlbevölkerung gestellt, ihnen kam also durchaus eine wahlentscheidende Rolle zu. Um das Wahlverhalten der Frauen beobachten zu können, kamen bei den Nationalratswahlen ab 1920 unterschiedliche Kuverts für Frauen und Männer zum Einsatz. Diese nach Geschlecht getrennte Stimmenzählung ermöglichte statistisches Material über das Abstimmungsverhalten von Männern und Frauen für die Erste Republik.

Linz und Oberösterreich

In Linz hatten sich in den Jahren vor dem Ende der Monarchie besonders die sozialdemokratischen Frauenorganisationen für das Frauenwahlrecht stark gemacht. So kam es, dass beim Zusammentreten des provisorischen Gemeinderates am 16. November 1918 bereits zwei Frauen dabei waren – Marie Beutlmayr (Sozialdemokraten) und Juliane Hudetschek (Deutschnationale) –, während die Mandatsverteilung noch in etwa die Zusammensetzung des Gemeinderats während der Monarchie widerspiegelte.

Am 18. Mai 1919 fanden die ersten Wahlen für den oberösterreichischen Landtag statt. Grundlage der Wahl war die Wahlordnung vom 16. April 1919. Sie legte das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Verhältniswahlrecht für Männer und Frauen fest: Alle Personen, die das 20. Lebensjahr vollendet hatten, durften teilnehmen. Das Ergebnis galt umgelegt auch für die Wahl zum Linzer Gemeinderat: Die Sozialdemokraten erlangten die absolute Mehrheit und stellten den Bürgermeister, die Christlichsozialen errangen den zweiten Platz. Nun zogen weitere Frauen in den Gemeinderat ein: Neben Marie Beutlmayr waren dies für die Sozialdemokraten Anna Tomaschek und Therese Nowak, bei der deutschnationalen „Freiheits- und Ordnungspartei“ gesellte sich Auguste Tlusty zu Juliane Hudetschek, und für die Christlichsozialen kamen Anna Doppler und Katharina Wolkerstorfer in den Gemeinderat.

Damit waren sieben von 60 MandatarInnen weiblich; eine Frauenquote von über 11 Prozent, die noch lange weder im Nationalrat noch im oberösterreichischen Landtag erreicht wurde. 1919 zog mit Marie Beutlmayr die erste Frau in den Landtag ein. 1925 kam Ferdinanda Floßmann, ebenfalls Sozialdemokratin, hinzu. 1934 schieden sie wie alle sozialdemokratischen Abgeordneten aus dem Landtag aus. Es sollte bis 1945 dauern, bis wieder Frauen im Landtag saßen. Im Nationalrat blieb der Frauenanteil bis 1975 ungefähr gleich niedrig wie 1919 (ca. 5 Prozent).

Biographie Marie Beutlmayr

Marie Beutlmayr (1870–1948) wurde in Neukirchen am Walde in ärmlichen Verhältnissen geboren und arbeitete vor ihrer politischen Laufbahn unter anderem als Arbeiterin in der Franckfabrik sowie als Sekretärin in einem Dampfsägewerk in Linz. 1893 war sie Mitbegründerin des Arbeiterinnen-Bildungsvereins und ab 1928 Vorsitzende der Sozialistischen Frauenbewegung Oberösterreichs. Bereits 1918 zog sie in den Linzer Gemeinderat ein, wo sie bis 1934 tätig war. Zeitgleich war sie von 1919 bis 1934 Landtagsabgeordnete im Oberösterreichischen Landtag. In dieser Position war sie die erste Frau, die dieses Amt bekleidete. Zusätzlich trat sie ab 1927 auch noch als für den ausgeschiedenen Eduard Euller in den Bundesrat ein. Sie war verheiratet und hatte ein Kind.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz „100 Jahre Frauenwahlrecht – Sie meinen es politisch“ mit Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger, Dr.in Cornelia Daurer (Archiv der Stadt Linz) und der Linzer Frauenbeauftragten Mag.a Jutta Reisinger)

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