Presseaussendung vom: 17.09.2019

Aecht Franck. Biographie einer Firma Neue Publikation des Archivs der Stadt Linz

Die Erfolgsgeschichte der Franck-Fabrik in Linz

Die neue Publikation „Aecht Franck. Biographie einer Firma“ von Walter Schuster, Direktor des Archivs der Stadt Linz, handelt vom Aufstieg der 1828 im deutschen Württemberg gegründeten Firma Heinrich Franck zum internationalen Konzern „Heinrich Franck Söhne“ und nach der Fusion mit dem ehemaligen Konkurrenten zu „Franck und Kathreiner“. Das Hauptprodukt des Familienbetriebes war lange Zeit Kaffeeersatz aus Zichorie. Die Firma prosperierte beinahe 150 Jahre lang und verhalf ihren Eigentümern zu großem Reichtum. Im Jahr 1879 entstand die Firmenniederlassung in Linz. Die sozial engagierten Führungskräfte und der herrschende „Franck-Geist“ sorgten für den unverwechselbaren Charakter der stadtbekannten Franck-Fabrik.

„Das vorliegende Buch füllt eine Lücke in der Linzer Stadtgeschichte. Die Firma Franck und auch mehrere Mitglieder der Familie Franck hatten eine enge Bindung zur Stadt Linz“, stellt Bürgermeister Klaus Luger fest, der vor kurzem für die Übernahme des Familiengrabes von Carl Franck auf dem Barbarafriedhof in die Obhut der Stadt sorgte.

„Die Geschichte des Wirtschaftsstandortes Linz war lange Zeit mit dem großen Familienbetrieb Franck untrennbar verbunden. Beinahe 140 Jahre zeugte die Linzer Firma vom Eifer und der Innovationskraft der Unternehmerfamilie Franck“, zeigt sich Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer von den Ergebnissen der Forschungen beeindruckt.

Kaffeeersatz aus Zichorien

Die Zichorie ist die veredelte Form der in Mitteleuropa heimischen Wegwarte. Die blau blühende, etwa 125 Zentimeter große Pflanze besitzt eine lange, rübenförmige, bitter schmeckende braune Wurzel. 

Für die Kaffeeherstellung wurden die Wurzeln gewaschen, „geschnitzelt“ und in Trockenöfen getrocknet. Nach dem Röstvorgang wurden die Zichorien zu Mehl vermahlen. Dieses Zichorienmehl wurde verpackt oder lose verkauft. Der Aufstieg der Zichorien-Industrie erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der wachsenden Industriearbeiterschaft. Der Konsum von Genussmitteln sollte helfen, die langen Arbeitszeiten zu überstehen. Statt der vor allem am Land üblichen Morgensuppe wurde nun die „Kaffeesuppe“ aus Kaffeeersatz, Milch und Zucker gegessen. Der beachtliche Aufstieg der Firma Franck zum internationalen Konzern fällt genau in diese Zeit.

Zichorienbestände im Werk II der Linzer Fabrik; Foto: Archiv der Stadt Linz

Aufbau eines internationalen Konzerns

Die 1828 im deutschen Württemberg gegründete Firma Heinrich Franck stieg zum international bedeutenden Konzern „Heinrich Franck Söhne“ auf. Zu den bedeutendsten Einzelunternehmen zählten die deutsche Muttergesellschaft in Ludwigsburg und die österreichische Gesellschaft mit Sitz in Linz sowie die Schweizer Firma Thomi & Franck in Basel. Die österreichische Gesellschaft   war im Jahr 1879 nicht nur die älteste Auslandsgründung von „Heinrich Franck Söhne“, sondern auch Ausgangspunkt für weitere Firmengründungen in Österreich-Ungarn und Rumänien. Nach dem Ersten Weltkrieg war Linz darüber hinaus Sitz der „Fundus“, die alle Franck-Firmen in den Nachfolgestaaten der Monarchie verwaltete und kontrollierte. Nach 1945 blieb hingegen die Linzer Firma Franck und Kathreiner weitestgehend auf den österreichischen Markt beschränkt.

Kaiser-Jubiläums-Caffee-Zusatz; Foto: Archiv der Stadt Linz

Kooperation und Fusion von Franck und Kathreiner 

Seit 1892 bestand eine starke Konkurrenz mit der Firma Kathreiner, die mit dem Kneipp-Malzkaffee selbst über ein bedeutendes Kaffeeersatz-Produkt verfügte. Die seit 1913 bestehende Kooperation und die 1944 erfolgte Fusion von Franck und Kathreiner zählten zu den bedeutenden Konzentrationsprozessen auf dem Kaffeemittelsektor. In der Zwischenkriegszeit gehörten der in der Schweiz angesiedelten Holding „Inga“ insgesamt 44 Firmen in 13 Ländern an.

Franck und Linz

1879 startete die Produktion von Franck in Linz in einer nie in Betrieb gegangenen Waggonfabrik an der heutigen Franckstraße. Im April 1881 wurde das Fabrikareal durch die gegenüberliegende Spodium-Fabrik erweitert. Im Frühjahr 1882 begann der Zichorienanbau in Oberösterreich und 1883 erwarb die Firma Franck die Linzer Bauernhöfe Hummelhof und Spallerhof für weitere Zichorienfelder.

1880 arbeiteten bereits 181 Beschäftigte für Franck. In Spitzenzeiten waren 600 Personen für das Franck-Unternehmen tätig, das damit zu den größten Industriebetrieben in Linz zählte. 1883 übernahm der jüngste Sohn des Firmengründers, Carl Franck, die Linzer Firma und leitete sie bis 1919.

Bild: Carl Franck; Foto: Archiv der Stadt Linz

Von Beginn an war die Firmenpolitik durch viele freiwillige Sozialleistungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gekennzeichnet. Ein firmeneigener Kindergarten wurde bereits 1896 errichtet.

Schon in den 1880er-Jahren begann die Firma Franck für ihre Bediensteten   eigene Wohnhäuser zu errichten. Nördlich des Fabrikareals entstand ein eigenes Stadtviertel, das vor allem aus Franck-Gebäuden bestand. Die Keimzelle des Viertels bildete ein Grundstück an der Khevenhüllerstraße, wo im April 1887 ein Beamten-Wohnhaus entstehen sollte. Nach dem Ankauf von weiteren Grundstücken an der Khevenhüllerstraße konnten Gustav und Carl Franck noch im Sommer 1887 den Bau von Arbeiterwohnungen in Auftrag geben. Vor dem Ersten Weltkrieg entstanden mehrere Franck-Gebäude mit unterschiedlichen Wohnungstypen an der Khevenhüllerstraße, Goethestraße, Liststraße, Kinderspitalstraße und an der Wüstenrotstraße.

Goethestraße 75, ehem. Franck Beamtenwohnhaus; Foto: Archiv der Stadt Linz

Alleine durch den Umbau des Grünauerhofes an der Goethestraße konnten sieben Wohnungen im Erdgeschoß und fünf im ersten Stock gewonnen werden. Südöstlich von der Fabrik gelegen, wurden im Frühjahr und Sommer 1914 an der Zeppenfeldstraße ein Beamten-Wohnhaus mit zwei Wohnungen und ein Arbeiter-Wohnhaus mit vier Wohnungen errichtet.

Zum 25-jährigen Firmenjubiläum im Mai 1904 ernannte die Stadt Linz Carl Franck zum Ehrenbürger. Ein Jahr später beschloss der Linzer Gemeinderat, die Verlängerung der Khevenhüllerstraße – an der auch die Franck-Fabrik lag – nach Carl Franck zu benennen. Als der Unternehmer Carl Franck im November 1926 starb, kondolierte Bürgermeister Josef Dametz der Witwe persönlich.

Im Jahr 1919 übernahm der Neffe von Carl Franck, Walter Franck, die Führung der österreichischen Firma, die er bis 1939 leitete. 1957 verlieh ihm Bürgermeister Ernst Koref den Großen Ehrenring der Stadt Linz. Von 1939 bis zu seinem Tod im Jahr 1958 stand Hermann Wilhelm Breyer, der von einer Franck-Tochter abstammte, an der Spitze des Linzer Betriebs.
Gemeinsam war den Linzer Mitgliedern der Familie Franck ihr Engagement für die evangelische Kirche in Linz und Oberösterreich. Darüber hinaus erwiesen sich die Francks als große Förderer der Stadt Linz in vielen sozialen und kulturellen Angelegenheiten. Die einstige enge Verbindung zwischen der Familie Franck und der Stadt Linz zeigt sich noch heute in den Benennungen Franckviertel, Franckstraße und den Franckanlagen auf dem Freinberg.

Franck während der NS-Diktatur

Noch im Jahr 1938 begann die Umstrukturierung der Franck und Kathreiner-Betriebe. Im Dezember 1939 mussten die österreichischen Firmen Heinrich Franck Söhne Linz und Kathreiner Wien ihr Vermögen in die jeweiligen deutschen Gesellschaften einbringen und wurden im Jänner 1940 aufgelöst. Die ehemaligen österreichischen Firmen wurden zu Zweigniederlassungen der Muttergesellschaften in Berlin. Der Geschäftsverkehr mit der Kundschaft in der „Ostmark“ wurde trotzdem von Linz aus geführt. Ebenso wurden die in Österreich vertriebenen Franck-Produkte weiterhin in Linz erzeugt.

Trennung des Franck-Imperiums

Bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es bei Franck und Kathreiner Pläne, das Gesamtunternehmen zu trennen. Die Entscheidung des Jahres 1939, als die österreichischen Betriebe den deutschen angeschlossen worden waren, sollte rückgängig gemacht werden, die Fusion zwischen Franck und Kathreiner hingegen beibehalten werden. Nach Kriegsende ging es dem Linzer Unternehmen vor allem darum, das Firmenvermögen vor einer Beschlagnahme durch die Besatzungsmächte zu sichern. Um zu beweisen, dass es sich nicht um „Deutsches Eigentum“ handelte, musste dokumentiert werden, dass die Trennung der österreichischen von der deutschen Firma schon vor Kriegsende erfolgt war.

Gerichtsverfahren zur Vermögensrettung

Um das österreichische Vermögen vor dem amerikanischen Zugriff zu schützen, stellte Franck und Kathreiner Linz im Jänner 1948 bei der Rückstellungskommission am Landesgericht Linz einen Antrag auf Rückgabe der entzogenen Anteile der österreichischen Aktionäre an der „Inga“ und an den österreichischen Unternehmungen Franck und Kathreiner. Prozessgegner war Franck und Kathreiner Ludwigsburg. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um einen normalen Prozess, vielmehr wollte man die österreichische Gerichtsbarkeit dazu benutzen, die US-Militärregierung auszuspielen. Obwohl der zuständige Beamte der US-Besatzungsbehörde das abgesprochene Manöver durchschaute, gab die Rückstellungskommission dem Antrag der Linzer Firma im März 1949 voll und ganz Recht.

Franck und Kathreiner nach 1945 in Österreich

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Firma und Kathreiner vor der Herausforderung, sich mit anderen großen international agierenden Nahrungsmittelkonzernen – die über eine breite Produktpalette verfügten – zu messen und neue Produktideen zu entwickeln. 

Altbewährte Produkte wie Zichorienkaffee, Getreidekaffee und Feigenkaffee konnten an ihre Blütezeit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr anschließen, nur die Kaffeemittelmischungen erreichten vorerst noch steigende Absatzzahlen. Die für Kriegszeiten vorgesehene Sorte „Linde´s“ – seit 1947 „Linde“ – Kaffee-Ersatzmischung entwickelte sich zur Hauptmarke des österreichischen Kaffeemittelmarktes, da sie bereits gemahlen und kochfertig war und nicht mehr aus verschiedenen Produkten zusammengemischt werden musste. Als stark verkaufsfördernd für den Linde-Kaffee erwies sich die Beigabe von Spielzeugfiguren aus Kunststoff.

Nach 1945 war Franck und Kathreiner die unbestrittene Nummer eins der Kaffeemittelhersteller in Österreich vor der Imperial Feigenkaffee-Fabrik in Wien. Am dritten Platz lag die Titze-Andre Hofer AG, die Schwesterfirma von Franck und Kathreiner. Weitere Produzenten waren die Firma Meinl, die Konsumgenossenschaft und die Welser Firma „Welsa“. Linz und Wien waren die Zentren der Kaffeemittelerzeugung in Österreich.

Ab 1946 gelang auch mit der Kaffeemittelmischung „Mokka-Linde“, die 37,5 Prozent Bohnenkaffee enthielt, ein großer Erfolg. Nach einem verlorenen Prozess musste jedoch der Name im Jahr 1952 praktisch über Nacht geändert werden und hieß daraufhin „Melanda“. Im Jahr 1962 kamen aber die billigsten Bohnenkaffeesorten bereits dem günstigen Preis von Melanda gefährlich nahe.

In den 1960er-Jahren waren die neueren Instantprodukte „Inca“ und „Incarom“ sowie die relativ junge Bohnenkaffeemarke „Khavana“ zu „Mitläufermarken“ geworden und die „Ertragsmarken“ des Stammgeschäftes wie „Linde“, „Melanda“ und „Kathreiner“ hatten ihre beste Zeit hinter sich. Die neuen Marken wie „Doro Bohnenkaffee“, „Caro“ und „Thomy Mayonnaise“ erwiesen sich nicht als so erfolgreich wie erhofft. Mit 1. Jänner 1967 wurden die bis dahin getrennt arbeitenden Vertriebsorganisationen von Franck und Titze zusammengelegt und Franck und Kathreiner übernahm auch den Verkauf des gesamten Titze-Sortiments.

Linzer Fabrik um 1960; Foto: Archiv der Stadt Linz

Die Übernahme durch Nestlé

Trotz vieler Erfolge und positiver Ertragslage fehlte es dem Firmenkomplex Franck und Kathreiner an langfristigen Zukunftsstrategien. An diesem Beispiel werden die grundlegenden Entwicklungen dieses Industriezweigs, aber auch die Änderungen der Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten in den Industrieländern deutlich, die dazu führten, dass die reine Kaffeemittelbranche keine wesentliche Rolle mehr spielte. Im Vergleich mit dem großen Mitbewerber Nestlé und seiner Produktvielfalt konnte sich die Firma nicht dauerhaft behaupten und wurde schließlich im Jahr 1971 sukzessive von Nestlé übernommen. Die Fusion zwischen Nestlé und Franck & Kathreiner in Österreich erfolgte mit dem Verschmelzungsvertrag vom 22. Juni 1973. Zu diesem Zeitpunkt waren keine männlichen Träger des Namens Franck mehr vorhanden, die Visionen und Strategien für eine erfolgreiche Weiterführung der Firma hätten entwickeln können.

Foto: Archiv der Stadt Linz

Zur Publikation

Walter Schuster, 
Aecht Franck. Biographie einer Firma

Archiv der Stadt Linz, 244 Seiten, 
zahlreiche Abbildungen, Preis: 33 Euro

ISBN 978-3-900388-95-9

Erhältlich im Archiv der Stadt Linz, Neues Rathaus, Hauptstraße 1-5, A-4041 Linz, sowie im Buchhandel.

Gewinnspiel

Das Archiv der Stadt Linz verlost auf der städtischen Facebook-Seite zehn Stück des neuen Buches.

Ausstellung im Wissensturm

Eine Ausstellung zum Thema ist ab 10. Februar 2020 im Linzer Wissensturm zu sehen. Sie kann bis 24. April 2020, jeweils Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr (außer an Feiertagen), bei freiem Eintritt besucht werden. Gruppenführungen durch die Ausstellung sind gegen telefonische Voranmeldung unter +43 732 7070 2961 möglich.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Bürgermeister Klaus Luger und Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer zum Thema „Aecht Franck. Biographie einer Firma“)

Weiterer Gesprächspartner:
Direktor Dr. Walter Schuster, Archiv der Stadt Linz
 

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