Presseaussendung vom: 05.03.2020 |

Weltberühmte Mauthausen-Kantate erstmals in Linz zu hören Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen und das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren

Uraufführung des Monologs „Hanni“ von Franzobel

Am 5. Mai 1945 befreiten amerikanische Militärverbände die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen und rückten kampflos in die Landeshauptstadt Linz ein. 75 Jahre später erinnert im Großen Saal des Brucknerhauses (19.30 Uhr) die musikalische Gedenkveranstaltung „Mauthausen Kantate & other songs of humanity“ an die Opfer des barbarischen NS-Regimes sowie das den KZ-Insassen zugefügte unsägliche Leid. Die 1988 und 1995 in der Gedenkstätte Mauthausen aufgeführte Kantate ist erstmals in Linz zu hören.

Maria Farantouri, die mit ihrer Interpretation des Liederzyklus international bekannt wurde, singt in Begleitung der Berliner Instrumentalisten. Der Chor der Musikschule Linz „United Voices“ (Leitung: Birgit Kubica) und die renommierte Schauspielerin mit Linzer Wurzeln Mercedes Echerer sorgen für deutschsprachige Interpretation der zentralen Textpassagen. Im zweiten Teil des Gedenkkonzertes singen Maria Farantouri und der aus Tel Aviv stammende Sänger Assaf Kacholi Lieder, die „Mut zum Leben“ geben. Dazu zählen Songs von Leonard Cohen und Joan Baez ebenso wie Balladen und Welthits von Mikis Theodorakis. Die „songs of humanity“ ermutigen, sich für eine friedliche und gerechte Welt einzusetzen, in der Faschismus, Rassismus und Menschenverachtung keinen Platz haben. Karten für den Abend sind zum Preis von 15 Euro im Brucknerhaus, in der Musikschule sowie im Netz unter ticket.liva.at erhältlich. Ab der sechsten Reihe ist freie Platzwahl möglich.

Einen weiteren künstlerischen Beitrag zum Gedenkjahr stellt die Uraufführung des Monologs mit Musik „Hanni“ am 10. März im Großen Saal des Brucknerhauses (19.30 Uhr) dar. Der österreichische Autor Franzobel hat die reale Biographie einer von Maxi Blaha verkörperten bemerkenswerten Frau und Zeitzeugin der NS-Gewaltherrschaft literarisch verarbeitet. Der Linzer Gerald Resch schrieb die Musik. Das Ensemble für neue Musik Phace und Wolfgang Kogert an der Orgel intonieren die Komposition.

Bürgermeister Klaus Luger erinnert anlässlich der 75. Wiederkehr des Kriegsendes an die historische Bewusstseinsarbeit der Stadt Linz: „Die Friedensstadt Linz leistet seit mehr als zwei Jahrzehnten Richtungsweisendes zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Die systematische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit begann nach der Umbenennung der Langothstraße 1986 und während des Ge- und Bedenkjahres 1988. Im Laufe der Zeit wurden 18 Gedenkstätten für die Opfer der NS-Diktatur errichtet. Sie erinnern etwa an die Linzer Nebenlager des KZ Mauthausen, den ehemaligen Sitz der Gestapo im Landesgericht oder das so genannte „Arbeitserziehungslager“ Schörgenhub der Gestapo. Die Mostnystraße und der Spitzweg wurden nach Holocaust-Opern benannt. 1996 beschloss der Linzer Gemeinderat ein Projekt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus einschließlich seiner Vorgeschichte vor 1938 und der Entnazifizierung nach 1945. Unter der Leitung des städtischen Archivs behandelten 50 Historikerinnen und Historiker alle relevanten Aspekte. Das Ergebnis ist in mehreren Publikationen dokumentiert“.

Der künstlerische Vorstandsdirektor der LIVA und Intendant des Brucknerhauses, Mag. Dietmar Kerschbaum, betont: „Das Wissen der ÖsterreicherInnen über den Holocaust ist mangelhaft. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die im Vorjahr im Auftrag der Claims Conference durchgeführt wurde. Mehr als die Hälfte der Befragten wusste nicht, dass sechs Millionen Juden vom Nazi-Regime ermordet wurden. 42 Prozent der Befragten konnten auf die Frage nach Konzentrationslagern in Österreich das ehemalige Todeslager Mauthausen nicht nennen. Umso wichtiger ist es, alles zu tun, die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der österreichischen Geschichte wach zu halten, um künftigen Generationen Wegmarken zur Verfügung zu stellen. Das Brucknerhaus beteiligt sich daher aus vollster Überzeugung mit zwei Beiträgen an den Veranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. Mit der Uraufführung des Monologs mit Musik „Hanni“ von Franzobel und Gerald Resch am 10. März sowie mit der Aufführung der Mauthausen-Kantate von Mikis Theodorakis am 5. Mai. Wenn auch die Verbrechen von damals nicht wiedergutgemacht werden können, solle sie aber niemals vergessen sein“. 

Musikschul-Direktor Mag. Christian Denkmaier unterstreicht den musikalischen Stellenwert der Mauthausen-Kantate: „Die von Mikis Theodorakis komponierte Mauthausen Kantate ist in ihrer Form weltweit einzigartig, weil sie trotz der Gräuel und Schmerzen des Konzentrationslagers mit herzzerreißender, aber dennoch wohlklingender Musik die Botschaft vermittelt, dass letztlich die Liebe der Menschen siegen wird und eine bessere, schönere Welt möglich ist.“

Entstehungsgeschichte der Mauthausen-Kantate

Im Sommer 1943 wurde der griechische Widerstandskämpfer Iakovos Kambanellis (geboren 1922, gestorben 2011) in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Bis zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers am 5. Mai 1945 war er als Gefangener mit der Nummer 10.205 inhaftiert.

1963 veröffentliche Kambanellis, der zwischenzeitlich in Griechenland als Autor und Dichter bekannt geworden war, das Buch „Mauthausen“, das auf seine handschriftlichen Notizen, die er unmittelbar nach der KZ-Gefangenschaft angefertigt hatte, basiert. Das Buch fand und findet in Griechenland enormes Interesse und liegt seit 2010 unter dem Titel „Die Freiheit kam im Mai“ auch in deutscher Übersetzung vor.

Der heute 94-jährige Komponist Mikis Theodorakis (unter anderem Filmmusik von „Alexis Sorbas“ und „Z“) vertonte in enger Abstimmung mit Iakovos Kambanellis vier Gedichte/Texte des Buches. Es entstand der außergewöhnliche Liederzyklus Mauthausen, bei uns als „Mauthausen Kantate“ oder auch als „The Ballad of Mauthausen“ bekannt. Die Erstaufführung erfolgte 1964.

Das Werk ist aus mehreren Gründen herausragend:

Es handelt sich um Lieder, die dem Schmerz und den Gräuel des NS-Lagers Schönheit und Wohlklang entgegensetzen. Es handelt sich um keine „Kantate“ im Sinne der klassischen Musik-Definition, sondern vielmehr um Lieder, die durch ihre einfache Struktur und Melodiösität eine unglaubliche Tiefe und Anziehungskraft erzielen. Es sind Textpassagen, die als „KZ-Erinnerung“ bisweilen irritieren und verblüffen; wie etwa der Beginn des ersten Liedes: „Niemand weiß, wie schön meine Liebste war, in ihrem einfachen Arbeitskleid, ein kleiner Kamm in ihrem Haar“. 

Theodorakis und Kambanellis haben bewusst Textpassagen ausgewählt, die vom Leben und Leid und auch vom Lieben einzelner Häftlinge erzählen und in ganz anderer Weise emotional berühren als Zahlen und Statistiken. Ein Lied der Mauthausen Kantate bezieht sich übrigens auch explizit auf die sogenannte „Mühlviertler Hasenjagd“. Der Autor stellt angesichts der (auch von breiten Teilen der Zivilbevölkerung mitgetragenen) Hetzjagd erschüttert die Frage: „War das nicht einmal Mozarts Land?“

Ihren Weltruhm verdankt die Mauthausen Kantate letztlich aber auch der Sängerin Maria Farantouri (Zitat Guardian: „Ihre einzigartige Stimme ist ein Geschenk der olympischen Götter“), die das Werk im Jahr 1964 mit gerade erst einmal 16 Jahren darbot und seither diesen Liederzyklus in unvergleichlicher Weise singt.

Auch in der Gedenkstätte Mauthausen hat Farantouri (gemeinsam mit Theodorakis, der bei den Aufführungen als Dirigent fungierte) die Kantate zweimal präsentiert: 1988 und 1995. Unvergesslich die Reaktionen der tausenden ehemaligen KZ-Häftlinge, die diesen Konzerten im Rahmen der jährlich wiederkehrenden Befreiungsfeiern beigewohnt hatten.

„Hanni“ – Von der kleinen Leute Größe

In seinem Monolog „Hanni“ mit dem Untertitel „Von der kleinen Leute Größe“ hat Autor Franzobel Lebenserinnerungen der fast 99-jährigen Gallneukirchnerin Hanni Rittenschober literarisch verarbeitet. Als Tochter eines Knechts, der im Sautrog schlafen musste, erlebte sie von klein auf bitterste Armut. Mit ihrem Vater wurde sie gezwungen, beim Bau der Baracken für das Konzentrationslager Gusen mitzuarbeiten. Später wurde sie Zeugin der „Mühlviertler Hasenjagd“ und half den geflohenen KZ-Insassen nach Kräften. Ihr Mann kehrte 1947 traumatisiert aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er vertrank und verspielte sein Einkommen, sodass Hanni ihre sechs Kinder alleine durchbringen musste. Obwohl sie von Leuten umgeben war, die ihr böse mitgespielt haben, ist sie liebevoll und tolerant geblieben, nicht humorlos, ohne Vorurteile. „Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Herzensbildung genauso wichtig ist wie intellektuelle Bildung, da kann man viel von ihr lernen. Und ihr Humor ist für eine fast Hundertjährige sowieso einzigartig“, charakterisiert Franzobel Hanni Rittenschober.

Das Konzentrationslager Mauthausen und die Stadt Linz

Bereits kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich gaben die NS-Machthaber die Errichtung eines Konzentrationslagers in Oberösterreich bekannt. Im August 1938 wurden die ersten Häftlinge in das Lager Mauthausen eingeliefert.

Ein wesentlicher Grund für die Einrichtung des Konzentrationslagers Mauthausen und des Zweiglagers Gusen in unmittelbarer Nähe der Stadt Linz bestand darin, dass man die KZ-Häftlinge dafür einsetzen wollte, in den dort befindlichen Steinbrüchen Granit für die umfangreichen und monumentalen Bauvorhaben in der „Führerstadt“ Linz abzubauen.

Auf Linzer Stadtgebiet befanden sich drei Außenlager von Mauthausen: Das Konzentrationslager „Linz I“ wurde für die „Reichswerke Hermann Göring“ errichtet, wo man die zeitweise über 800 KZ-Häftlinge für die Verarbeitung der Hochofenschlacke einsetzte. Im Lager „Linz II“ brachte man jene knapp 400 KZ-Häftlinge unter, die für den Ausbau der Stollenanlagen beim Märzenkeller am Fuße des Bauernbergs herangezogen wurden. Das Konzentrationslager „Linz III“ errichtete man für die über 5.600 KZ-Häftlinge, die als Arbeitskräfte für den Panzerbau in den Eisenwerken Oberdonau, einem Tochterbetrieb der Hermann-Göring-Werke, verwendet wurden. Die KZ-Häftlinge waren im Stadtbild präsent, wurden sie doch auch für die gefährlichen Aufräumarbeiten nach Luftangriffen eingesetzt.

Insgesamt wurden in das Konzentrationslager Mauthausen und die über 40 Außenlager mehr als 190.000 Menschen eingewiesen. Sie kamen aus allen Ländern Europas, die der NS-Herrschaft unterworfen waren. Systematischer Terror, gezielte Tötungsaktionen, die Ausbeutung durch Arbeit, mangelnde Verpflegung, unzureichende Bekleidung und die fehlende medizinische Versorgung führten zum Tod von etwa der Hälfte der Häftlinge des Lagerkomplexes Mauthausen inklusive Nebenlager.

Am 5. Mai 1945 erreichten US-Truppen die Lager Mauthausen und Gusen. Tausende KZ-Häftlinge waren derart geschwächt und gesundheitlich angegriffen, dass sie noch Wochen und Monaten nach der Befreiung starben.

In Linz endete die NS-Herrschaft ebenfalls am 5. Mai 1945, als amerikanische Militärverbände kurz nach elf Uhr kampflos in die Stadt einrückten.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Bürgermeister Klaus Luger zum Thema Musikalische Gedenkveranstaltung mit Aufführung der Mauthausen Kantate von Mikis Theodorakis erinnert an Befreiung der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen sowie das Ende des Zweiten Weltkrieges

Weitere Gesprächspartner:
Mag. Dietmar Kerschbaum, Intendant des Brucknerhauses und künstlerischer Vorstandsdirektor der LIVA 
Mag. Christian Denkmaier, Direktor der Musikschule der Stadt Linz

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