Medienservice vom: 18.03.2021

Der Wirtschaft ihren Platz zuweisen Start der Veranstaltungsreihe „Gegenbewegungen“ – inspiriert von Karl Polanyi

  • Schobesberger: „Öffentliche Debatte über Alternativen zum Kapitalismus notwendig“

Am 23. März startet die vom ungarisch-österreichischen Ökonomen Karl Polanyi (1886-1964) inspirierte Veranstaltungsreihe „Gegenbewegungen.“ Die ersten 13 Veranstaltungen mit dem Titel „Der Wirtschaft ihren Platz zuweisen“ finden in Wien, Linz und online statt.

Veranstaltet wird die Reihe neben der Volkshochschule Linz und den Wiener Volkshochschulen auch von der Johannes Kepler Universität, der TU Wien, der International Karl Polanyi Society, dem Institut für Angewandte Entwicklungspolitik, der WU Wien und der Gesellschaft für Kulturpolitik. Weitere KooperationspartnerInnen sind die Arbeiterkammer Wien, die Arbeiterkammer Linz und die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung.

„Die vielen aktuellen Probleme unserer Zeit zeigen deutlich, dass es eine Debatte über Alternativen zum derzeitigen System des Kapitalismus braucht. In dieser öffentlichen Diskussion gilt es auszuloten, wie wir künftig unser Gemeinwesen entwickeln wollen, um für alle Menschen, die Grundlagen eines würdevollen Lebens zu schaffen. Daher freut es mich außerordentlich, dass wir in der Veranstaltungsreihe „Gegenbewegungen“ mit einem breiten Netz an KooperationspartnerInnen diesen Diskurs anstoßen“, stellt Bildungsstadträtin Mag.a Eva Schobesberger fest.

Erfreulich ist auch, dass für die Veranstaltungsreihe die international renommierte Professorin Nancy Fraser gewonnen werden konnte. Nancy Fraser ist Professorin für Philosophie und Politik an der New School for Social Research in New York City. Seit mehr als 20 Jahren haben ihre Thesen zu sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und Feminismus öffentliche Debatten auf der ganzen Welt vorangetrieben. In ihrer Arbeit analysiert Nancy Fraser die Ungleichheitsverhältnisse aus einer kritischen Perspektive, um Konzepte zu deren Bewältigung zu entwickeln.

Nach 50 Jahren entfesselter Marktwirtschaft zeigen sich große gesellschaftliche Umbrüche: Die Weltwirtschaftskrise in den 1970er Jahren, der Zusammenbruch des Staatssozialismus, die Globalisierung ab den 1990er Jahren und die Finanzkrise 2008/2009. Parallel dazu gibt es ein ständiges Ringen um eine Neuordnung der Gesellschaft, das sich zwischen Ausgrenzungspolitik und Rechtsextremismus auf der einen Seite, sowie Visionen eines solidarischen und gerechten Gemeinwesens auf der anderen Seite, ausgestaltet.

Eine scheinbar ähnliche Situation zeigte sich dem ungarisch-österreichischen Ökonomen Karl Polanyi am Anfang des vergangenen Jahrhunderts – die Wirtschaftsliberalisierung nach dem Ersten Weltkrieg, der Börsencrash von 1929 und die anschließende Große Depression, die sozialistische und faschistische Neuordnung der Gesellschaft sowie der New Deal in den 1930er Jahren.

Es lässt sich zwar nicht von damals auf heute schließen, Polanyi beschrieb jedoch in seinem Hauptwerk „The Great Transformation“ einen Gedanken, der zur Veranstaltungsreihe „Gegenbewegungen“ inspiriert hat.

Für Karl Polanyi ist die Geschichte des Kapitalismus das Ergebnis einer „Doppelbewegung“, der „Bewegung“, mit der die Gesellschaft erstmalig den Dynamiken der Marktökonomie unterworfen wurde, und den „Gegenbewegungen“, mit denen sie sich vor der Zerstörung ihrer natürlichen und sozialen Ressourcen zu schützen versucht.

Nicht alle Gegenbewegungen richten sich gegen den Finanzkapitalismus. Jedoch ist vieles durch ihn vorangetrieben oder verursacht worden, wie etwa der Klimawandel, der Raubbau an der Natur, prekäre Arbeitsverhältnisse, globale Arbeitsmarktkonkurrenz, soziale Spannungen, Einbrüche im sozialen Sicherungssystem oder auch die Vermögensumverteilung von unten nach oben.

Diese Entwicklungen bilden den Hintergrund, wenn Migration oder Gleichstellungsansprüche von diskriminierten Gruppen als Problem gesehen werden, wenn Fremden,- Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit zunehmen, wenn Globalisierungsfolgen mit nationalen Grenzziehungen begegnet wird, anstatt nach echten Alternativen für alle zu suchen.

Anlässe genug, um Polanyis Motiv der Gegenbewegungen aufzunehmen und in der gleichnamigen Veranstaltungsreihe einen außer Kontrolle geratenen Marktkapitalismus kritisch zu betrachten und über Alternativen gesellschaftlicher Entwicklung zu diskutieren.

Alternativen, in der die Ökonomie der Gesellschaft dienen kann und nicht umgekehrt, entstehen nicht am Reißbrett, sondern durch öffentliche Debatte. Daher setzt sich die Veranstaltungsreihe nicht nur mit den Gegenbewegungen unserer Zeit auseinander, sie hat auch den Anspruch, Teil einer intellektuellen Suchbewegung für solidarische und nachhaltige Alternativen zu sein.

Die Veranstaltungsreihe erstreckt sich über zwei Semester und gliedert sich in zwei übergeordnete Themenbereiche. Das erste Semester findet unter dem Motto „Der Wirtschaft ihren Platz zuweisen“ von März bis Juni 2021 statt.

Die Ursache zahlreicher gesellschaftlicher Probleme liegt darin, dass Wirtschaft als Marktwirtschaft missverstanden wird, wodurch ökologische und soziale Bedürfnisse zweitrangig werden. Oft erweist sich diese Art des Wirtschaftens jedoch zerstörerisch, weshalb in insgesamt 13 Veranstaltungen Alternativen diskutiert werden.

Das Überthema des zweiten Semesters lautet „Kapitalismus und Demokratie“ und wird von Oktober bis Dezember 2021 abgehalten. Während der sozial befriedete Kapitalismus in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von einem Ausbau der Demokratie begleitet war, ist sie heute in neuer Weise umkämpft. Der zweite Teil der Veranstaltungsreihe diskutiert aktuelle Entwicklungen und zeigt warum Demokratie heute gefährdet ist und wo um ein demokratisches Gemeinwesen gerungen wird.

Um in Zeiten von Corona einen sicheren Veranstaltungsbesuch zu ermöglichen, finden die meisten Veranstaltungen ausschließlich online statt. Bei einzelnen Veranstaltungen wird es jedoch auch möglich sein, unter entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen und sofern es die gesetzlichen Vorgaben erlauben, vor Ort teilzunehmen.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung zu den einzelnen Vorträgen ist unter www.vhs.at/gegenbewegungen erforderlich.

Veranstaltungstermine (März bis Juni)

23.03.2021

Roland Atzmüller, Andreas Novy, Magdalena Prieler und Markus Marterbauer im Gespräch: Karl Polanyi – Der Wirtschaft ihren Platz zuweisen, Moderation: Brigitte Aulenbacher

Online. Abgehalten auf Deutsch.

Erleben wir derzeit (wieder) eine große Transformation der Gesellschaft, wie sie der österreichisch-ungarische Sozialwissenschaftler und Ökonom Karl Polanyi als Ergebnis von „Doppelbewegungen“ in kapitalistischen Marktgesellschaften beschrieben hat: der wirtschaftsliberalen „Bewegung“ hin zu einer „Entbettung des Marktes“, die „Gegenbewegungen“ hervorruft, durch die Menschen sich zu schützen suchen? Wie lassen sich der Finanzmarktkapitalismus, die Wirtschafts-, Sorge- und Umweltkrisen, die sozialen Proteste, die Pandemie und ihre Bearbeitung mit Polanyi verstehen? In welcher Weise fordern sie dazu heraus, der Wirtschaft ihren Platz zuzuweisen? Die Eröffnungsdiskussion der Veranstaltungsreihe „Gegenbewegungen“ gibt erste Antworten. 


13.4.2021

Richard Kozul-Wright: International trade and climate justice. Kommentar: Karin Fischer, Moderation: Roland Atzmüller

Online. Abgehalten auf Englisch.

Hyperglobalisierung hat eine Form des internationalen Handels gefördert, die Ungleichheit, instabile Finanzmärke und die Klimakrise befeuert. Für Strategien der Klimagerechtigkeit braucht es einen neuen Multilateralismus, um Strategien eines globalen grünen New Deal voranzutreiben. Indem nationale Handlungsspielräume gewahrt bleiben, können national Wohlstand und Nachhaltigkeit gefördert werden und gleichzeitig die Rahmenbedingungen internationaler Politik gestärkt werden, die ein gutes Leben für alle innerhalb planetarischer Grenzen ermöglichen.

21.4.2021

Andrew Cumbers: The Return of the Public. Kommentar: Alexandra Strickner, Moderation: Roland Atzmüller

Online. Abgehalten auf Englisch.

Seit fast einem halben Jahrhundert werden unsere Wirtschaft und Gesellschaft von einem ideologischen Apparat beherrscht, der die Werte des privaten Individuums und die Freiheit zur Anhäufung von persönlichem Reichtum ohne Rücksicht auf weitere Folgen propagiert. Es wird immer deutlicher, dass dieses Projekt der neoliberalen Hegemonie ein komplettes Desaster für die Menschheit und den Planeten darstellt. Die Wiederbelebung des öffentlichen Eigentums, die wachsende Rolle des Staates bei der Re-Regulierung der Wirtschaft und die Beweise der aktuellen Pandemie dafür, dass die entscheidenden Probleme unserer Zeit nur durch kollektive Lösungen angegangen werden können, haben die Frage der Öffentlichkeit wieder in den Vordergrund der zeitgenössischen Debatten gerückt. Aber es bilden sich unterschiedliche Öffentlichkeiten heraus, zum Beispiel das Eintreten für eine demokratischere, progressive Öffentlichkeit gegen eine eher ausgrenzende, fremdenfeindliche Politik. In diesem Vortrag werden die kritischen Fragen erläutert, die in den aufkommenden politischen und wirtschaftlichen Agenden um die Rückkehr der Öffentlichkeit auf dem Spiel stehen, und die angebotenen Alternativen.

27.4.2021

Ulrike Knobloch: Ökonomie des Versorgens. Kommentar: Andreas Novy, Moderation: Michael Getzner

Online. Abgehalten auf Deutsch.

Ausgehend vom gleichnamigen Sammelband, den sie im Jahr 2019 herausgegeben hat, wird sie in ihrem Vortrag die Ökonomie des Versorgens in ihren Grundzügen entwerfen. Selbst in einer kapitalistischen Marktwirtschaft findet die Versorgung nicht allein über den Markt statt, sondern immer auch über den öffentlichen Sektor, den Nonprofit-Sektor und die privaten Haushalte. Um ein zukunftsfähiges und geschlechtergerechtes Wirtschaftssystem gestalten zu können, müssen die Zusammenhänge zwischen diesen vier Sektoren und insbesondere die Verlagerungsprozesse zwischen bezahlter und unbezahlter Versorgungsarbeit verstanden werden.

4.5.2021

Nancy Fraser: Incinerating nature: Why global warming is baked into capitalist society, Kommentare: Brigitte Aulenbacher, Attila Melegh; Moderation: Andreas Novy, Laudatio: Klaus Dörre.

Wien: Wappensaal der Stadt Wien und online. Abgehalten auf Englisch.

Viele Gesellschaften haben ökologische Krisen erlebt; einige sind sogar an selbstverschuldeten ökologischen Problemen zugrunde gegangen. Aber: kapitalistische Gesellschaften produzieren solche Krisen nicht zufällig, sondern als Ergebnis ihrer intrinsischen Struktur. Indem Erkenntnisse von Polanyi und Marx kombiniert werden, wird ein tiefsitzender ökologischer Widerspruch ausgegraben, der im Kern der kapitalistischen Gesellschaft verankert ist und von dem anzunehmen ist, dass er der zentrale Motor der globalen Erwärmung ist. Weit davon entfernt, für sich allein zu stehen, ist dieser Widerspruch jedoch mit mehreren anderen (ökonomischen, sozialen und politischen) verwoben, die ebenso endemisch für den Kapitalismus sind - und ebenso in die gegenwärtige Krise verwickelt sind. Nachdem der Klimawandel innerhalb der „allgemeinen Krise“ des Systems verortet worden ist, vertritt der Vortrag die Ansicht, dass der erste Widerspruch nicht un-abhängig vom zweiten erfolgreich gelöst werden kann. Die Schlussfolgerung lautet, dass eine Ökopolitik, die es mit der Rettung des Planeten ernst meint, antikapitalistisch und transökologisch sein muss.

5.5.2021

Nancy Fraser: Against the environmentalism of the rich: What capitalism’s history can teach us about ecopolitics. Kommentar: Andreas Novy, Moderation: Brigitte Aulenbacher

Linz: VHS Linz und online. Abgehalten auf Englisch.

Indem das Argument des vorherigen Vortrags (am Vortag in Wien) vertieft wird, wird hier der ökologische Widerspruch des Kapitalismus historisiert. Sein Weg durch vier sozioökologische Regime der Akkumulation wird nachgezeichnet, wobei eine Reihe von regimespezifischen Sackgassen offengelegt werden, die nie endgültig gelöst, sondern vorläufig durch temporäre „Lösungen“ entschärft worden sind, die die Schäden auf subalterne Gemeinschaften abwälzen. Der Effekt ist die Aufdeckung der allgegenwärtigen Verflechtung von Umweltzerstörung mit Klasse, Geschlecht und rassischimperialer Herrschaft in der kapitalistischen Gesellschaft. Bei der Durchsicht der Geschichte des ökologischen Widerstands ist festzustellen, dass die Bemühungen um den Schutz der „Natur“, weit davon entfernt, eigenständig zu sein, fast immer in umfassendere Kämpfe integriert waren, die sich ebenfalls auf Arbeit, soziale Reproduktion und politische Macht konzentrieren. Der Vortrag entlarvt den Single-Issue-Ökologismus als „den Ökologismus der Reichen“ und wägt die Aussichten ab, die Umweltgerechtigkeit, Degrowth und einen Green New Deal in einer transökologischen, antikapitalistischen Bewegung zu vereinen, deren Ziel man Ökosozialismus nennen könnte.


11.5.2021

Kelle Howson: The Fairwork Foundation: Strategies for improving platform work in a global context. Kommentar: Benjamin Herr, Moderation: Roman Seidl

Online. Abgehalten auf Englisch.

Die Gig-Economy wächst weltweit rasant, da digitale Arbeitsplattformen eine zunehmende Bandbreite an Dienstleistungen vermitteln. Sowohl geografisch gebundene als auch dezentrale Gig-Arbeit bieten neue Verdienstmöglichkeiten, auch für diejenigen, die größere Barrieren bei der gleichberechtigten Teilhabe am Arbeitsleben erfahren haben, wie Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund, People of Colour, ethnische Minderheiten und Frauen. In den meisten Rechtsordnungen haben ArbeitnehmerInnen in der Gig-Economy jedoch weniger Sicherheit, weniger Rechte und Schutz und sind größeren Risiken ausgesetzt als ArbeitnehmerInnen außerhalb der Gig-Economy. In Absprache mit ArbeitnehmerInnen und anderen Stakeholdern hat das Fairwork-Projekt fünf übergreifende Prinzipien für faire Arbeit in der Gig-Economy entwickelt. Diese Prinzipien werden verwendet, um die Praktiken der großen geografisch gebundenen Plattformen in mehr als 20 Ländern sowie der globalen Cloudwork-Plattformen zu bewerten. Durch diese Aktionsforschungsmethode will Fairwork die Plattformen dazu ermutigen, ihre Praktiken zu verbessern und dazu beitragen, die Diskurse über Arbeit auf digitalen Plattformen zu verändern. Während die Prinzipien als Anerkennung der beschleunigten Globalisierung der Arbeitsorganisation, die durch digitale Arbeitsplattformen vorangetrieben wird, universell sein sollen, hebt unsere Forschung hervor, dass die Erfahrung von selbst entfernten Online-Gigarbeitern geografisch sehr kontingent ist.

18.5.2021

Julie Froud: Renewing the foundational economy: a challenge of coordination. Kommentare: Jürgen Essletzbichler, Jakob Kapeller; Moderation: Alexander Hamedinger.

Online. Abgehalten auf Englisch.

Der Vortrag „Renewing the foundational economy: a challenge of coordination“ wird die Bedeutung der Alltagsökonomie und die Relevanz von Erneuerung untersuchen. Dies wird in zwei Dimensionen betrachtet werden. Erstens, anhand der Erneuerung der materiellen und sozialen Infrastrukturen, um die Herausforderungen der Natur und des Klimas zu bewältigen, die nun auf die seit langem bestehenden Probleme der Einkommens- und Vermögensungleichheit im Kontext öffentlicher Investitionsbeschränkungen aufgeschichtet werden. Wichtige grundlegende Wirtschaftssektoren wie Wohnen, Verkehr und Ernährung sind für einen erheblichen Teil der Emissionen verantwortlich, und die Geschwindigkeit und Art ihrer Anpassung wird entscheidend sein, um die politischen Ziele für Netto-Null zu erreichen und die Bedürfnisse der BürgerInnen zu erfüllen. Zweitens besteht ein Bedarf an politischer und institutioneller Erneuerung, die mehr partizipative Ansätze zur Problemlösung umfasst und die auch den Wert von Experimenten und Lernen bei der Verbesserung der Alltagsökonomie anerkennt. Der Vortrag stützt sich auf die Diskussionen des Foundational Economy-Netzwerks sowie auf die Erfahrungen mit der Alltagsökonomie in der Praxis in Wales.

1.6.2021

Brigitte Aulenbacher, Tine Haubner und Cornelia Klinger im Gespräch: Geld oder Leben – Sorge und Sorgearbeit im Kapitalismus. Moderation: Andreas Novy

Wien: Technisch Gewerbliche Abendschule und online. Abgehalten auf Deutsch.

Seit geraumer Zeit erleben wir eine weitreichende Transformation des Kapitalismus, in deren Verlauf Sorge und Sorgearbeit der Gesellschaft – angesichts von Sorgekrisen und im Rahmen zahlreicher Gegenbewegungen in Form zivilgesellschaftlicher Proteste – neu zum Thema geworden sind. Die Covid-19-Pandemie hat das Ausmaß der Krisen und die „Systemrelevanz“ des Sorgens in einer Weise zum Vorschein gebracht, die dazu auffordert, über „Geld oder Leben“ und die Organisation des Sorgens neu nachzudenken. 


2.6.2020

Brigitte Aulenbacher, Tine Haubner und Cornelia Klinger im Gespräch: Gut umsorgt im Kapitalismus? Warum und wie Sorge und Sorgearbeit vergemeinschaftet, vermarktet, technologisiert werden. Kommentar: Karin Leitner (AKOÖ), Moderation: Roland Atzmüller.

Linz: AK OÖ Bildungshaus Jägermayrhof und online. Abgehalten auf Deutsch.

Wie die Gesellschaft Sorge und Sorgearbeit organisiert, ist in einem tiefgreifenden Umbruch begriffen. Stärker als zuvor werden sie vermarktet, technologisiert oder vergemeinschaftet. Wie diese Tendenzen die Bedeutung des Sorgens, die Organisation der Sorgearbeit, die gesellschaftliche Sorgeverantwortung und soziale Ungleichheiten berühren, ist Thema des Gesprächs, das den Bewegungen zu mehr Markt und den Gegenbewegungen zu mehr Gemeinschaft auf den Grund geht.

8.6.2021

Alex Demirovíc: Transformation by desaster oder by design – warum der Kapitalismus den Weg zur Normalität nicht zurückfinden wird. Kommentar: Elisabeth Springler, Moderation: Alexandra Strickner

Wien: VHS Ottakring und online. Abgehalten auf Deutsch.

Der Kapitalismus hat die Gesellschaften, denen er in den vergangenen Jahrzehnten und im vergangenen Jahrhundert Gestalt gegeben hat, in eine Situation geführt, die von tiefgreifenden Krisen geprägt ist. Die schwerwiegendsten Krisen sind die Wirtschafts- und Finanzkrise 2007 und 2008, die immer noch die ökonomischen und staatlichen Prozesse prägt, sowie die ökologische Krise. Diese letztgenannte Krise hat ihrerseits mehrere Dimensionen, von denen der Klimawandel die dramatischste ist. Überlagert wird dies nun noch durch die Corona-Krise. Die Gesellschaften müssten auf dieses Bündel von Krisen angemessen reagieren, aber – so die im Vortrag vertretene These – schaffen es nicht so richtig. Deswegen stellt sich heute die drängende Frage, wo die Gesellschaften stehen. Schaffen sie es, doch noch die Krisendynamik unter Kontrolle zu bringen und die Prozesse zu gestalten, oder kommt es zu wilden Prozessen, die eher nahelegen, von Katastrophe, Kollaps oder Chaos zu sprechen? Der Vortrag erörtert diese Frage und versucht, Antworten auf die Herausforderungen anzudeuten.

9.6.2021

Alex Demirovíc: Wirtschaftsdemokratie neu denken, Moderation: Johanna Grubner

Linz: AKOÖ Bildungshaus Jägermayrhof und online. Abgehalten auf Deutsch.

Demokratie ist bislang halbierte Demokratie. Kapitalistische Gesellschaften überlassen einen großen Teil der Entscheidungen über ihre Zukunftsfestlegung den anonymen Prozessen auf den Märkten. Dort wird nach Gesichtspunkten des Gewinns entschieden, in welche Bereiche investiert wird, welche Produkte erzeugt werden, wie die Menschen leben. Die Folgen solcher Entscheidungen müssen zwar alle tragen: am Arbeitsplatz, in den Lebensgewohnheiten, in den ökologischen Folgen, aber diese Vielen können an den Entscheidungen nicht mitwirken. Der Vortrag stellt die Tradition der Wirtschaftsdemokratie vor, argumentiert für eine Neufassung, die den heutigen Herausforderungen angemessen ist und plädiert für eine Ausdehnung demokratischer Willensbildung auch auf die Bereiche der Wirtschaft.

15.6.2021

Juliet Schor: Rehabilitating the Sharing Economy. Kommentare: Elke Schüßler, Katarzyna Gruszka; Moderation: Justin Kadi

Online. Abgehalten auf Englisch.

Die moderne Sharing Economy wurde im Zuge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs 2008 ins Leben gerufen. Aufbauend auf der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit dem „Business-as-usual“-Kapitalismus bot sie einen idealistischen Diskurs, der humanisierte Austauschbeziehungen, ökologische Vorteile und Autonomie für die TeilnehmerInnen versprach. Seine eifrige Verbreitung war auf Technophilie und motivierte Argumentation zurückzuführen. Die Präsenz von Non-Profit-Organisationen und gemeinschaftlichen Sharing-Einrichtungen im „Sharing“-Raum verlieh der idealistischen Rhetorik der großen, gewinnorientierten Plattformen ebenfalls Glaubwürdigkeit. Als die Sharing-Plattformen jedoch wuchsen, riefen sie ein kritisches Narrativ hervor, das die Unternehmen als gierig, gesetzlos und ausbeuterisch entlarvte, was zu urbaner Verschmutzung und Dysfunktion führte. Basierend auf einem Jahrzehnt Forschung über mehr als 15 Plattformen und das Sharing beleuchtet dieser Vortrag die Janusköpfigkeit der „Sharing Economy“, skizziert ihren Werdegang und diskutiert, was notwendig ist, um die utopischen Versprechen der Anfangstage zu erfüllen.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz mit Bildungsstadträtin Mag.a Eva Schobesberger zur Veranstaltungsreihe „Gegenbewegungen – inspiriert von Karl Polanyi“ am Donnerstag, 18. März)

Frag ELLI!

Frag ELLI! – Chatbot der Stadt Linz

ELLI ist digital, hilfsbereit und immer zur Stelle, wenn Antworten auf Fragen zu ausgewählten Themen rund um die Stadt Linz benötigt werden. 

Mehr dazu