Medienservice vom: 12.04.2021 |Downloads zum Medienservice|Fotos zum Medienservice

Opferschutzorientierte Täterarbeit Kooperation des Gewaltschutzzentrum OÖ und des Familienzentrums Pichling

Österreich zählt dieses Jahr bereits sieben Femizide. Allein in der letzten Woche wurde eine Frau von ihrem Mann in Graz ermordet und die Trafikantin in Wien, die von ihrem Ex-Partner angezündet wurde, erlag ihren Verletzungen. „Frauenmorde sind die schlimmst mögliche Eskalation eines umfassenden Problems: Männergewalt, genährt von männlichen Besitz- und Anspruchsdenken gegenüber Frauen und patriarchalischen Mustern. Mindestens jede fünfte Frau ist in Österreich von häuslicher Gewalt betroffen. Wir vermuten, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. Die aufgrund der Corona-Pandemie notwendigen Ausgangsbeschränkungen und die wirtschaftliche Krisensituation erhöhen gerade jetzt die Gefahr für Frauen und Kinder, Opfer von Gewalt im eigenen Zuhause zu werden. Das können wir als Gesellschaft trotz einer Notsituation nicht hinnehmen! Neben einer engagierten Frauenpolitik bedarf es mehr denn je einer opferschutzorientierten Täterarbeit und Gewaltprävention von Anfang an. Deshalb bin ich sehr froh, dass es uns gelungen ist, eine Kooperation zwischen dem Gewaltschutzzentrum Oberösterreich und dem Familienzentrum Pichling einzugehen“, sagt Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger, die dieses Kooperationsprojekt initiiert hat. 

Gewalt betrifft alle Schichten und wird in verschiedenen Ausprägungen sichtbar. Und Gewalt hat viele Gesichter. Meist sogar das eines (eigentlich) geliebten Menschen. Denn die Familie ist und bleibt unrühmlicher Hotspot für psychische und physische Übergriffe.

Opferschutzorientierte Täterarbeit (OTA)

Opferschutzorientierte Täterarbeit beinhaltet strukturierte Interventionen zur Beendigung und Verhinderung von Gewaltverhalten. Im Zentrum stehen der Schutz und die Sicherheit der Opfer. Konkret hat OTA folgende Ziele und Inhalte:  

  • Keine erneute Gewaltausübung: Die Gewaltspirale muss rasch und nachhaltig unterbrochen werden. Gewalttätige Männer sollen ihr Risiko erkennen.
  • Opfer sind in Sicherheit und fühlen sich sicher: Opfer werden über den Fortgang der OTA informiert wird und wissen, dass ein Informationsaustausch erfolgt, wenn es Anzeichen für mögliche Gefährdungen gibt.
  • Risikoeinschätzung und Sicherheitsplanung: Zu Risikoeinschätzungen findet anlassbezogen ein Informationsaustausch statt und die Ergebnisse werden wechselseitig ausgetauscht. 
  • Verantwortungsübernahme: Verleugnungen, Rechtfertigungen, Neutralisierungsstrategien und Schuldzuweisungen werden konsequent aufgedeckt. 
  • Grenzen der anderen wahren und Kontrolle über das eigene Verhalten: Täter lernen die Grenzen anderer, insbesondere die Grenzen der Opfer zu respektieren. Weitere Inhalte sind Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Steuerung des eigenen Verhaltens.
  • Perspektivenwechsel und Empathie: Täter lernen, sich in die Lage der von Gewalt betroffenen (Ex-)Partnerin und der mit betroffenen Kindern hineinzuversetzen und Mitgefühl zu entwickeln. 
  • Männer- und Frauenbilder, geschlechterbezogene Einstellungen: Männer sollen lernen, sich mit der eigenen Konstruktion von Männlichkeit, Gewalt und Macht auseinanderzusetzen und patriarchale Rollenbilder zu reflektieren. Ebenso sollen sie ihr Verhältnis zu Frauen hinterfragen und im Sinne eines egalitären Partnerschaftsverständnisses verändern.
  • Partnerschaftliches Verhalten/partnerschaftliche Beziehung: Respekt für die Partnerin und Gleichberechtigung sind grundlegende Ziele von OTA
  • Verantwortungsvolle Elternschaft: Gewaltfreiheit gegenüber den Kindern und verantwortungsvolle Elternschaft sind weitere wichtige Ziele.

Ausgangslage für die Kooperation 

Das Gewaltschutzzentrum (GSZ OÖ) ist eine der wichtigsten Gewaltschutzeinrichtungen in Oberösterreich. Das GSZ OÖ berät Opfer von häuslicher Gewalt bzw. Gewalt im sozialen Nahraum sowie Stalkingopfer. Es bietet psychosoziale und rechtliche Beratung an, im Falle eines Betretungs- und Annäherungsverbots, welches durch die Polizei ausgesprochen wird, werden die Opfer aktiv vom Gewaltschutzzentrum kontaktiert. Das 1997 eingeführte Gewaltschutzgesetz ermächtigt die Polizei, bei Gewalt in der Privatsphäre einzuschreiten, Gewalttäter aus Wohnungen wegzuweisen, deren Betreten und die Annährung zur gefährdeten Person zu verbieten.

Das Familienzentrum Pichling (Famiz Pichling) wiederum ist Teil der Kinder- und Jugend-Services (KJS) der Stadt Linz. Neben klassischer Elternbildung und -beratung wird seit zehn Jahren spezielle Beratung für Gewalthandelnde und deren Familien angeboten. Durch jeweils zusätzliche 50.000 Euro für das Jahr 2020 und 2021 konnten vorhandene Angebote erweitert, sowie neue Angebote im Kampf gegen Gewalt in der Familie etabliert werden. Dadurch kann sehr kurzfristig und effizient der Gewaltschutz sowohl präventiv als auch situationsbezogen erhöht werden. MitarbeiterInnen im Famiz haben eine Spezialausbildung im Bereich Gewalt.

Die Männerberatung des Famiz ist Gründungsmitglied des Dachverbandes für Männer-, Burschen- und Väterarbeit in Österreich (DMÖ) und mehrjähriges Mitglied des Arbeitskreises Gewalt und OTA des DMÖ. Damit ist das Famiz einziger Anbieter für die freiwillige Inanspruchnahme von OTA für gefährdende Personen in Linz und Oberösterreich insgesamt. 

Ziel der Kooperation 

Das Ziel der Kooperation zwischen dem Gewaltschutzzentrum und dem Familienzentrum Pichling ist, dass möglichst wirksame Maßnahmen der Rückfallprävention gesetzt werden können. Weitere Gewalttaten sollen vermieden und die Sicherheit der gefährdeten Person erhöht werden. Das Konzept von OTA ist klar fall- und situationsorientiert, mit einem starken Fokus auf der unmittelbaren Arbeit am Klienten in Abstimmung mit Einrichtungen, die Opfer von häuslicher Gewalt betreuen. Für diese Art der Kooperation braucht es eine Entbindung von der Verschwiegenheitsverpflichtung durch den Klienten. 

Weitere Beratungsangebote des Famiz Pichling 

Neben der Kooperation mit dem GSZ OÖ hat das Famiz auch eine OTA-Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe intensiviert. Zusätzlich bietet das Famiz Beratungen an, um Gewaltspiralen zu beenden.

Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit dem Fokus „Nicht Täter werden“

Um Gewalteskalation in Trennungssituationen von vornherein zu vermeiden, wurde im Familienzentrum Pichling ein spezielles Beratungssystem entwickelt. Zumeist ergreifen die Frauen die Beratungsinitiative. Die Männer verweigerten oft die Beratung oder brachen vorzeitig ab, deshalb entwickelte das Familienzentrum Pichling ein gemischtgeschlechtliches Beratungskonzept.

Seitdem wird hauptsächlich als Beraterpaar mit dem Elternpaar gemeinsam gearbeitet. Bei hohem eigenem Entwicklungsbedarf wird das Paar getrennt und der Berater arbeitet mit dem Mann und die Beraterin mit der Frau. Anschließend erfolgen wieder gemeinsame Termine. Als Folge nehmen die Männer Beratungstermine wahr und es kommt kaum mehr zu Abbrüchen.

Diese Vorgehensweise zeigt sich als effizient und sehr effektiv und hat sich bei konfliktreichen Scheidungs- und Trennungssituationen vielfach bewährt. Da immer ein/e Berater/in mit Gewaltberatungsausbildung anwesend ist, können bereits zu diesem Zeitpunkt deeskalierende Maßnahmen und Interventionen gesetzt werden. 

Scheidungs- und Trennungssituationen haben ein hohes Potential für Gewalthandlungen. Im Famiz Pichling wird Gewalt verhindert, indem faire und tragfähige Lösungen entwickelt werden.

Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit dem Fokus „Gewalt beenden“

Dieses niedrigschwellige Beratungsangebot funktioniert wie der vorherige Punkt („Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit dem Fokus „Nicht Täter werden“); mit dem Unterschied, dass bereits eine Gewalthandlung stattgefunden hat.  Diese Maßnahme wird ergänzend zu OTA angeboten.

Kontakt

Gewaltschutzzentrum OÖ

Das Gewaltschutzzentrum OÖ ist in ganz Oberösterreich tätig und ist unter +43 732 607760 oder per Mail unter ooe@gewaltschutzzentrum.at erreichbar.

Familienzentrum Pichling 

Gemeinsam werden Lösungsmöglichkeiten zum Ausstieg aus dem Gewaltkreislauf erarbeitet oder die Entwickelung von Deeskalationsstrategien unterstützt, damit Gewalt verhindert wird. Kontaktieren Sie das Famiz Pichling unter +43 732 320071 oder familienzentrum.pichling@mag.linz.at.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger zur Kooperation des Gewaltschutzzentrums OÖ und des Familienzentrums Pichling)

Weitere GesprächspartnerInnen:
Mag.a Eva Schuh, Geschäftsführerin Gewaltschutzzentrum
Mag. (FH) Markus Kraxberger, Leiter des Familienzentrums Pichling

Zum Betrachten von PDF-Dokumenten benötigen Sie einen PDF-Reader:

Die Stadt Linz fördert im Rahmen der Open Commons Region Linz den Einsatz von freier, anbieterunabhängiger Software. Freie PDF-Reader für Ihr Betriebssystem finden Sie auf der Seite pdfreaders.org (neues Fenster), einem Angebot der Free Software Foundation Europe. Sie können auch den PDF-Reader von Adobe verwenden.

pdfreader.org - Freie PDF-Reader (neues Fenster)     PDF-Reader von Adobe (neues Fenster)