Medienservice vom: 20.05.2021

Universität für Digitale Transformation: Chance, digitale Brücke zu errichten Stärker internationale Expertise einbinden

  • Klassische Universitäts-Organisation Hemmnis für neue Uni 
  • Neue Lehrformen wichtiger als konkreter Standort in Linz

Mit der Technischen Universität für Digitale Transformation soll nach den Vorstellungen des Bundes ein vollkommen neuer Typus einer Hochschule entstehen. Mathematik und Informatik stellen dabei wesentliche Grundpfeiler. Eine Einzigartigkeit wird jedoch nur durch eine Vertiefung sowohl der Lehre als auch der Forschung erzielbar sein. Die Komplexität der Digitalisierung und deren transformatorische Kraft in Wirtschaft sowie Gesellschaft stellen die wahren Herausforderungen dar.

Als Universität des 21. Jahrhunderts soll diese Universität jedenfalls einem umfassenden internationalen Anspruch gerecht werden. So erweist sich Englisch als Arbeitssprache in der Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte als unumgänglich. Um die Herausforderungen der digitalen Welt zu stemmen und neue Lösungsansätze zu finden, führt selbstredend kein Weg am Erlernen des Programmierens vorbei. Um jedoch die Transformation in ihrer Gesamtheit zu verstehen, bedarf es eines breiten Netzwerks aus Wissenschaft, Industrie, öffentlicher Hand, Zivilgesellschaft sowie Kunstschaffenden. Erst diese Symbiose ermöglicht hinreichende Inputs für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert. Diese Synthese von Kunst, Technologie und Gesellschaft, wie es als Grundkonzept des Linzer AEC gilt, müsste die inhaltliche Grundlage der programmatischen Ausrichtung dieser Universität bilden. „‚More of the same‘, also eine besser ausgestattete Technische Fakultät, würde tatsächlich Geldverschwendung bedeutet. Das könnte effizienter von den bestehenden Informatik-Instituten an den österreichischen Unis abgewickelt werden“, plädiert Bürgermeister Klaus Luger für eine Universität völlig neuen Typus. 

Dazu gehöre konkret die völlige Ausrichtung auf die Unterrichtssprache Englisch und die Entwicklung neuer Lehrformen über die klassische Präsenz-Ausbildung hinaus. Auch in bezug auf die Rekrutierung von ProfessorInnen gelte es, neue Wege zu beschreiten. Es sollen internationale Top-Koryphäen projekt- und zeitbezogen gewonnen werden, um die Managerinnen digitaler Transformation auszubilden. Ganz besonders entscheidend sei laut Luger, ob das Bildungsministerium den Mut aufbringt, diese Universität abseits der klassischen Universitäts-Strukturen freie Hand zu gewähren. „Denn der bürokratische Aufwand ist ein zu großes Hemmnis für kreative Ausbildung“, so das Linzer Stadtoberhaupt.

Eveline Pupeter: „Es ist höchste Zeit, die digitale Brücke zu bauen“

„In Österreich sind eine Million SeniorInnen im Alter 65+ noch nicht digitalisiert, in Europa sind es 52 Millionen Menschen. Sie haben keinen Schlüssel zum digitalen Amt, keinen Zugang zu Online-Banking oder zu vergünstigten Online-Tickets bei den ÖBB. Sie sind ausgeschlossen vom Grünen Online-Pass und von elektronischer Zugangsmöglichkeiten über das Smartphone. Wir dürfen nicht zulassen, dass die ältere Generation einfach abgehängt wird. Es ist höchste Zeit, die digitale Brücke zu bauen.“

Linz als Innovations-Hotspot kann dabei eine Vorreiterrolle einnehmen und sich als Brückenbauer etablieren. Eine Universität für Digitale Transformation ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Technischer und gesellschaftlicher Wandel sind unmittelbar miteinander verknüpft, wie man gerade jetzt in Corona-Zeiten gesehen hat. Ein Beispiel: Die Politik ist mit einer Corona-Warn-App vorgeprescht, aber niemand hat sich offensichtlich dabei überlegt, dass gerade die am meiste gefährdete Gruppe diese App gar nicht nutzen kann. Auf die älteren Menschen wurde ganz einfach vergessen.

Das Feld der Technik wird vielfach von den jungen, innovativen Menschen beackert. Das ist gut so. Wir müssen aber darauf achten, dass sie die älteren Generationen mitdenken in ihrem Ideenreichtum, in ihrem Erfindergeist. Eine Universität für Digitalisierung muss exakt diese Schnittstelle sicherstellen. Wir haben die Chance, an dieser neuen Universität Digitalisierung weiter zu denken als bisher.

Das würde nicht nur positive Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Wandel haben, sondern auch auf die lokale Wirtschaft und auf den Industriestandort Linz. emporia Telecom etwa sucht verzweifelt Programmierer, die neben Android-Kenntnissen auch das Feeling für unsere Zielgruppe haben. Die sich reindenken können und wollen in Menschen, die nicht mit dem Computer und dem Smartphone aufgewachsen sind. Es gibt diese Fachleute nicht. Nicht in Linz, nicht in Österreich, nicht in Europa.

Ich bin mit meinem Unternehmen in ganz Europa vertreten und dementsprechend auch viel in Europa unterwegs. Linz genießt jetzt schon einen exzellenten Ruf als Technologiestandort, das AEC und die Ars Electronica haben die internationale Reputation der Landeshauptstadt enorm vorangetrieben. Daher sehe ich das Thema Digitalisierung an der neuen Universität als weitere, riesige Chance. Einerseits, wie es gelingen kann, die heimische Wirtschaft und die Linzer Industriebetriebe zu stärken, und andererseits, dass sich Linz international noch stärker als Innovationshotspot positionieren kann“.  

Prinzip 1: Digitalisierung als gesamtheitliche, nicht rein technologische Kompetenz 

Digitales Verständnis ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, aber auch keine Seltenheit mehr. In einer sich stetig wandelnden Welt, insbesondere der digitalen Welt, sind Komplexität und Widersprüchlichkeit keine Fremdwörter. Die Programmatik der neuen Universität soll sich an der Vermittlung moderner Wissenschaft sowie ethischer Komponente für die Gesellschaft im digitalen Zeitalter orientieren. Das Bildungsziel zeichnet sich dadurch aus, die Studierenden für Berufs- und Forschungsfelder vorzubereiten, in denen sich Menschen trotz technologischen Fortschrittes auch in Zukunft behaupten. Digitalisierung soll nunmehr als gesamtheitliches Ökosystem verstanden werden, um davon ausgehend neue Möglichkeiten zu erkennen. 

Prinzip 2: Ausbildung von Transformations-ManagerInnen

Um Teil des europäischen Hochschulsystems sein zu können, führt kein Weg an einem Bachelorstudium als Grundlage vorbei. Dabei steht jedoch im Gegensatz zu klassischen Technischen Universitäten der interdisziplinäre Charakter im Vordergrund. Das darauf anschließende Masterstudium sollte sich auf Schwerpunkte konzentrieren, für die Prozesse des digitalen Wandels auszubilden. 

Durch Aneignung technischer, rechtlicher sowie wirtschaftlicher Kompetenzen implementieren AbsolventInnen dieses Studiums neue Methoden und Dienstleistungen der Digitalisierung effizient in Industrie, Wirtschaft und Verwaltung. Den Weg zu SpezialistInnen der Digitalisierung ebnen Kernelemente aus der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), der Mechatronik und dem Entrepreneurship. Dadurch können notwendige Schnittstellen der digitalen Produktion und der Industrie 4.0 geschaffen werden. Für beide Studien bilden zudem künstlerische und kreative Arbeit wesentliche Grundpfeiler, um die gesellschaftspolitischen Konsequenzen digitalen Wandels zu verstehen sowie kritisch analysieren zu können. 

Prinzip 3: Neues Digitales Netzwerk ohne Hemmnisse der klassischen Universitäts-Struktur 

Um die Bandbreite von Digitalisierung verstehen zu können, bedarf es der Verbindung unterschiedlicher Disziplinen. Im Digitalen Wandel wird neben einem technologischen Fortschritt auch der Mensch zum Hauptakteur. Als Menschen agieren wir in Wirtschaft und Industrie und geben damit impacts in und für die Wissenschaft sowie Forschung. 

Gleichzeitig setzen wir Impulse für Startups und Kunstschaffende. Aus dieser Verwobenheit resultiert die Relevanz eines breiten, digitalen Netzwerkes. Um traditionelle Grenzen aufzulösen, benötigt es eine Synthese von Wissenschaft und Kunst in digitalen Transformationsprozess. Das Ars Electronica Center sei hierbei als Paradebeispiel angeführt. Die Erkenntnisse aus der Forschung müssen umgehend in einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert umgewandelt werden. „Essentielle Kernelemente dafür bieten PartnerInnen aus Wirtschaft, Industrie, Wissenschaft, der öffentlichen Hand sowie die Zivilgesellschaft. Daraus kann sich eine institutionalisierte Allianz organisieren und etablieren, die in ihrer Vielsichtigkeit die notwendigen Ansätze bietet und Potenziale hervorbringt. Um deren Kreativität nicht zu behindern, bedarf es unbürokratischer Strukturen. Die klassische Universitäts-Organisation ist dafür unpassend“, ist sich Klaus Luger sicher. 

Prinzip 4: Schon in Planung Abkehr von Old-School-Format der Ministerialbürokratie notwendig

Mit der Schaffung eines derart neuen Typus’ zeigt sich der Mut, sich den Herausforderungen der digitalen Welt zu stellen. Deshalb erfordert eine Universität neuen Typs breite Einbindung und völlig neue Zugänge.  Die derzeitige Planungsstruktur ist sehr an der klassisch-ministeriellen Hierarchie orientiert. Die etappenweise Gliederung in Vorbereitungs-, Konzept-, und ExpertInnengruppe engt die Etablierung ein, eine wahrhaft innovative Ausrichtung zu sein. 

Eine Universität des 21. Jahrhunderts benötigte bereits im jetzigen Planungsstadium eine breitere Vernetzung der regionalen Player mit globalen Playern.  Mit einer breiteren Einbindung internationaler Fachleute von Beginn könnte auch eine frühzeitigere Bindung an Linz geschaffen werden. „Wir sollten uns von solchen Old-School-Formaten, die zuerst einen Lehrplan und dann die Ausschreibung von Professuren zum Inhalt hat, trennen. Es geht um die Einbindung internationaler ExpertInnen und einer Avantgarde, die nicht unbedingt einen Oberösterreich-Bezug haben müssen. Durch ein freies Mandat für inhaltliche Konzepte ohne strukturelle Vorgaben könnte eine weitreichendere Diversität im strukturellen Aufbau der neuen Universität erreicht werden“, betonen Eveline Pupeter und Bürgermeister Klaus Luger. 

Prinzip 5: Linz als Drehscheibe zentral, konkreter Standort ist für Lehre nicht zentral  

Die vieldiskutierte Frage um den Standort erweist sich als nachrangige Debatte. Linz steht als Bildungs-, Wirtschafts- und Kulturzentrum Oberösterreichs wohl außer Streit. Vielmehr steht die programmatische Ausrichtung im Vordergrund. Aus Synergiegründen ergibt die direkte räumliche Nähe zum JKU-Areal Sinn. Mit den bereits bestehenden Studienprogrammen besteht ein breit gefächertes Angebot zahlreicher Disziplinen.  Die Ausbildung von Fachkräften und WissenschafterInnen zu ManagerInnen des Digitalen erfordert jedoch auch digitale Globalität in der Lehre. Es ist nicht davon auszugehen, dass man internationale ExpertInnen exklusiv oder dauerhaft an den Standort Linz binden kann. Deshalb wird es nötig sein, flexible, projektorientierte und nicht lokal fixierte Studienprogramme zu erstellen, die von den Studierenden in neuen Formaten auch im Ausland bzw. im Netz absolviert werden können. 

Linz als digitales Herz der ganzen Region – Programm "Digitales Linz" 

Dieses Projekt ist Teil des strategischen Programms „Digitales Linz“. Ein Team aus magistratsinternen und externen ExpertInnen beschäftigt sich im Auftrag von Bürgermeister Klaus Luger und unter Leitung von Magistratsdirektorin Mag.a Ulrike Huemer damit, die Stadt Linz als zukunftsfähigen Arbeits- und Lebensraum zu erhalten. Aktuelle Stärken werden dabei mit den Chancen für die Zukunft kombiniert. 

Weitere Informationen unter https://digitales.linz.at

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz mit Bürgermeister Klaus Luger und Mag.a Eveline Pupeter, Eigentümerin und Geschäftsführerin von Emporia Telecom zum Thema „Neue Technische Universität – Digitalisierung und Digitale Transformation“)