Medienservice vom: 16.06.2021

Gewaltprävention soll ausgebaut werden Steigende Zahl an Beratungsleistungen erfordert Projekt-Aufstockung

Das Familienzentrum Pichling bietet als Teil der Kinder- und Jugend-Services (KJS) der Stadt Linz neben klassischer Elternbildung seit zwölf Jahren auch eine Spezialberatung für Gewalthandelnde und deren Familien an. Darauf aufbauend startete im vergangenen Jahr das Projekt Gewaltprävention. Aufgrund der hohen Nachfrage an Beratungsleistungen soll das Projekt nun in einem nächsten Schritt um insgesamt 70.000 Euro pro Jahr aufgestockt werden. Zudem soll versucht werden, durch die zusätzliche Akquise von Bundes- und Landesmittel das Projekt sukzessive noch weiter auszubauen. 

„Die steigende Anzahl von Fällen, in denen familiäre Gewalt auftritt, zeigt uns, dass wir in die Prävention noch mehr investieren müssen. Wir haben bereits sehr gut ausgebildetes Personal, das jedoch an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen ist. Neben der klarerweise notwendigen Intervention bei Gewalttaten, braucht es daher auch für die Prävention zusätzliche Mittel, um Gewalt erst gar nicht entstehen zu lassen“, fordert Bürgermeister Klaus Luger.

„Wir sehen, dass es neben einer engagierten Frauenpolitik mehr denn je opferschutzorientierten Täterarbeit und Gewaltprävention von Anfang an braucht. Die hohe Auslastung des im vergangenen Jahr gestarteten Projektes zur Gewaltprävention zeigt, dass hier mehr Mittel im Kampf gegen Männergewalt benötigt werden. Daher wollen wir dieses Projekt personell und finanziell aufstocken“, stellt Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger fest.

Österreich zählt in diesem Jahr bereits elf Femizide. Frauenmorde stellen die schlimmste Eskalationsstufe eines umfassenden Problems dar. Das gesellschaftliche Zusammenleben ist geprägt von einer massiven Schieflage zwischen den Geschlechtern. Eine Ausprägung davon ist Männergewalt, genährt von männlichem Besitz- und Anspruchsdenken gegenüber Frauen. 

Es bedarf daher mehr denn je einer opferschutzorientierten Täterarbeit und Gewaltprävention von Beginn an. Gewalt ist erlerntes Verhalten und kann demzufolge auch wieder verlernt werden. Durch entsprechende Beratungsangebote kann dieses unerwünschte Verhalten durch angemessenes Verhalten ersetzt werden.

Auch im Familienzentrum Pichling hat man eine über die Jahre eine steigende Anzahl von Fällen, in denen familiäre Gewalt aufgetreten ist, beobachtet. Neben der klassischen Elternbildung und -beratung bietet das Familienzentrum Pichling seit über einem Jahrzehnt auch ein spezielles Beratungsangebot für Gewalthandelnde und deren Angehörige an. Auf dieser Basis startete im Vorjahr das Projekt Gewaltprävention, wodurch vorhandene Angebote erweitert und zusätzliche Angebote etabliert werden konnten.

Etwa 80 Prozent aller Gewalttaten im häuslichen Kontext finden im sogenannten „Dunkelfeld“ statt. In zehn Prozent der Fälle weiß das Umfeld über Gewalttaten Bescheid, was als „Graufeld“ bezeichnet wird. Bei den restlichen zehn Prozent der Fälle sind bereits Polizei und Gericht involviert („Hellfeld“). Je nach Form der Gewalt braucht es unterschiedliche und jeweils passende Angebote.

Aktueller Projektstatus

Im Projekt Gewaltprävention wird auf zwei Ebenen agiert: Intervention und Prävention. Die Opferschutzorientierte Täterarbeit (OTA) wurde von der Stadt Linz in Kooperation des Gewaltschutzzentrum und des Familienzentrums Pichling neu entwickelt und alle anderen Beratungsleistungen erweitert. Letzteres war einmalig möglich, weil durch die Pandemie Präsenzveranstaltungen im Familienzentrum nur eingeschränkt stattgefunden haben und deshalb in zusätzliches Personal für Beratung investiert werden konnte. In beiden Pilotjahren gab es eine Vollauslastung bei diesem Projekt.

Maßnahmen der Intervention

  • OTA – Opferschutzorientierte Täterarbeit:
    Es ist eine österreichweite Forderung von Gewaltschutzeinrichtungen, dass mit den Tätern gearbeitet werden muss, um (potenzielle) Opfer nachhaltig zu schützen. Auch von den Linzer Einrichtungen (Gewaltschutzzentrum, Autonomes Frauenzentrum und Frauenhaus) wird dies als ganz zentrale Notwendigkeit formuliert. Die Kinder- und Jugendservices haben im Familienzentrum Pichling die dafür notwendige Expertise.
    OTA ist ein Konzept, das hauptsächlich für „Hellfeldtäter“ entwickelt wurde. Die Täter müssen eine Verschwiegenheitsentbindung der Beratungsstelle unterschreiben. Dadurch ist eine Vernetzung der beteiligten Opfer- und Täterarbeitsstellen nach einer Wegweisung möglich. 
    Globalziel dieses Projekts ist die Verbesserung der Situation von Frauen und Kindern, die von Gewalt durch Männer in ihrer Partnerschaft betroffen sind. Erreicht werden soll dies in enger Zusammenarbeit mit Gewaltschutzzentren und dem Geschäftsbereich Soziales, Familie und Jugend (Kinder- und Jugendhilfe). In einem ersten Schritt wird durch rasche Intervention und Deeskalation eine Stabilisierung der Situation erreicht. Das langfristige Ziel ist eine nachhaltige Veränderung im Verhalten des Täters.
     
  • Gewaltberatung für minderjährige Täter:
    Burschen, die in der Schule oder zu Hause Gewalt ausüben, werden derzeit von den MitarbeiterInnen des Familienzentrums Pichling unterstützt. Sie lernen, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, ihr gewalttätiges Verhalten zu beenden und alternative Handlungskonzepte zu entwickeln. 
     
  • Gewaltberatung für Täter:
    Gewaltberatung ist hauptsächlich ein Konzept für das Dunkelfeld. Sie kann jedoch auch im Hell- und Graufeld angewandt werden. Das aktuelle Gewaltproblem und die Lebenssituation sind Grundlage der Beratungsgespräche. Die Arbeit ist gegenwarts- und lösungsorientiert. Zentraler Bestandteil ist die Arbeit an der Verantwortungsübernahme für die Tat und die Entwicklung einer besseren Selbstwahrnehmung und Opferempathie. 
    Es gibt bei allen Einrichtungen, die diese Leistung anbieten, Wartezeiten, die gerade bei Gewalthandelnden fatal sind. Einerseits besteht das große Risiko, dass es zu weiteren Gewalthandlungen kommt und es auch für Täter zunehmend schwieriger wird, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, je weiter die Tat zurückliegt. Oft sind Täter dann für Beratung und Hilfe erst nach einer weiteren Gewalttat erreichbar.
     
  • Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit Fokus „Gewalt beenden“:
    Dieses niedrigschwellige Beratungsangebot richtet sich an Fälle, bei denen bereits eine Gewalthandlung stattgefunden hat. Bei diesem Konzept arbeitet hauptsächlich ein „Beraterpaar“ mit dem Elternpaar gemeinsam. Damit wird sichergestellt, dass Mann und Frau jeweils einen gleichgeschlechtlichen Ansprechpartner haben. Vermeintliche Vorurteile, dass die Beratung von einem andersgeschlechtlichen Berater „einseitig“ und „vorurteilsbehaftet“ erfolgt, fallen damit weg. Bei hohem eigenem Entwicklungsbedarf wird das Paar getrennt und der Berater arbeitet mit dem Mann und die Beraterin mit der Frau zusammen. Anschließend erfolgen wieder gemeinsame Termine. Bei diesem Konzept nehmen die Männer Beratungstermine wahr und es kommt kaum mehr zu Abbrüchen.
    Diese Art von Gewaltberatungsarbeit bietet in Linz nur das Familienzentrum Pichling an, kann aber den tatsächlichen Bedarf ressourcenbedingt nicht abdecken.

Maßnahmen der Prävention

  • Burschenberatung: Bei der Burschenberatung werden derzeit ca. 7 bis 18-Jährige in Krisen begleitet und bei Herausforderungen im familiären Kontext unterstützt. In der Beratung gelerntes besseres Aggressionsmanagement und gesteigerte Selbstwahrnehmung unterstützen die Buben im Alltag, führen zu Deeskalation und beugen Gewalt vor.
     
  • Männerberatung: In schwierigen Lebenslagen wie zum Beispiel Beziehungs- und Trennungskrisen oder bei Fragen zu Vaterschaft und Erziehung bekommen Männer Unterstützung, um wieder fit für den Alltag zu werden und kompetenter ihr eigenes Leben gestalten zu können. Dadurch soll vor allem das Risiko, dass es zu Gewalthandlungen kommt, deutlich reduziert werden. Durch Männerberatung werden Krisen entschärft sowie die Gefahr von Selbst- oder Fremdverletzungen vermindert. Moderne Bilder von sorgender Männlichkeit werden individuell mit den Männern entwickelt, um Auswirkungen toxischer Männlichkeit zu verhindern. Das ist auch bei der „Burschenberatung“ ein ganz zentrales Ziel.
     
  • Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit Fokus „Gewalt verhindern“: Zumeist ergreifen die Frauen die Beratungsinitiative. Männer verweigern oft die Beratung oder brechen vorzeitig ab. Deshalb entwickelte das Familienzentrum Pichling ein gemischtgeschlechtliches Beratungskonzept. Bei diesem Konzept arbeitet hauptsächlich ein „Beraterpaar“ mit dem Elternpaar gemeinsam. Diese Vorgehensweise zeigt sich als effizient und sehr effektiv und hat sich bei konfliktreichen Scheidungs- und Trennungssituationen vielfach bewährt. Da immer ein/e Berater/in mit Gewaltberatungsausbildung anwesend ist, können bereits zu diesem Zeitpunkt deeskalierende Maßnahmen und Interventionen gesetzt werden.

Im Jahr 2020 entfielen von den insgesamt 1.312 Beratungskontakten (2019: 987 Beratungskontakte, 2018: 871 Beratungskontakte) im Familienzentrum Pichling alleine 578 auf Gewaltprävention. Diese Steigerung der Beratungskontakte führt zu einer Vollauslastung und teilweisen Überlastung der derzeitigen Kapazitäten im Familienzentrum Pichling.

Um diesem steigenden Beratungsbedarf zur Gewaltprävention gerecht werden zu können, soll daher in einem nächsten Schritt eine zusätzliche Stelle in der Sozialarbeit geschaffen sowie mehr Mittel für zum Beispiel Weiterbildung, Spitzenabdeckung und für die Administration zur Verfügung gestellt werden. Zudem soll versucht werden, durch die zusätzliche Akquise von Bundes- und Landesmittel das Projekt sukzessive noch weiter auszubauen.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Bürgermeister Klaus Luger, Stadträtin Mag.a Eva Schobesberger, Mag. Josef Kobler, Direktor Kinder- und Jugend-Services Linz, zum Thema „Projekt Gewaltprävention – Ausweitung und personelle Aufstockung“.)