Medienservice vom: 26.08.2021

Bildungschancen und Motorikfähigkeiten verloren, Lernschwierigkeiten, Schulverweigerung, Armutsgefährdung, Bedrohung durch Gewalt in der Familie gestiegen Alleine in Oberösterreich rund 7.000 Kinder in Haushalten mit Langzeitarbeitslosigkeit oder Notstandshilfe, Tendenz steigend

  • 2020 zu 2019: 35 Prozent mehr Kinder von häuslicher Gewalt bedroht, 2021: Niveau gleichbleibend, Dunkelziffer vermutlich entsprechend höher  
  • Bürgermeister Klaus Luger: „Kinder und Jugendliche vielfach negativ von anhaltender Corona-Krise betroffen -  und weitgehend vom ohnehin mangelhaften Krisenmanagement des Bundes vergessen!“
  • Stadt Linz bekämpft Krisenfolgen und unterstützt Kinder und Jugendliche mit Nachhilfe, Sport- und Freizeitpädagogikangeboten 
  • Vizebürgermeisterin Karin Hörzing: „Ausbau der Schulsozialarbeit und rechtzeitig mehr Geld für Familien vom Bund gefordert!“

Volkshilfe, Kinderfreunde, Arbeiterkammer, Kinder- und JugendpsychologInnen sowie die Schulsozialarbeit schlagen seit längerem Alarm: immer mehr Kinder und Jugendliche sind negativ von der anhaltenden Corona-Krise betroffen. Verlorene Bildungschancen durch ein chaotisches Schuljahr, der Verlust von Motorikfähigkeiten aufgrund des Weggesperrtseins während der Lockdowns, zunehmende soziale Auffälligkeiten, vor allem nachhaltige Lernschwierigkeiten bis hin zur Schulverweigerung, das sind die wesentlichsten aufgezeigten Symptome. Hinzu kommt eine sich verfestigende Armutsgefährdung in Familien, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind oder Notstandshilfe beziehen – rund 7.000 Kinder lebten 2020 in diesen Haushalten. Besonders erschreckend die Zahlen, die die Kinder- und Jugendhilfe Linz meldet: gegenüber 2019 waren im Jahr 2020 rund 35 Prozent mehr Kinder und Jugendliche von Betretungsverboten betroffen, als direkt Gefährdete oder im Haushalt mit einer gefährdeten Person lebend. 

„Diese Entwicklungen bereiten mir große Sorge“, sagt dazu heute der Linzer Bürgermeister Klaus Luger. „Vor allem, weil ich mehr und mehr den Eindruck gewinne, dass insbesondere Kinder und Jugendliche vom ohnehin mangelhaften Krisenmanagement des Bundes völlig vergessen werden!“ Exemplarisch nennt das Linzer Stadtoberhaupt die schon wieder alles andere als kompetent wirkende Vorbereitung auf den nächsten Schulstart oder die mittlerweile skandalös anmutenden Verspätungen bei der Auszahlung der Familienbeihilfe.

Die Stadt Linz hingegen versucht, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien bestmöglich zu helfen. Ob mit der kostenlosen Nachhilfe im Wissensturm, der Freizeitpädagogikinitiative „Pippi – Play im Park“ und vielen anderen Unterstützungsangeboten bemüht sich die Stadt, die Krisensymptome zu lindern und Defizite auszugleichen. 

„Es kommt nicht von ungefähr, dass wir im Rahmen des Pakts für Linz unter anderem zwei Outdoor-Sportanlagen errichten“, so die Sport- und Familienreferentin der Stadt, Vizebürgermeisterin Karin Hörzing. Waren es bisher eher auftretende Wissenslücken, mit denen Kinder vor allem zu Ferienende auffielen, zeigte sich im Vorjahr und auch heuer nach den jeweiligen Lockdown-Enden und zu Ferienbeginn, dass viele Kinder motorische Fähigkeiten verloren haben.

„Daher habe ich mit der Sport- und Familienreferentin besprochen, inwieweit wir unsere bislang weitgehend auf die Ferien beschränkten Freizeitpädagogik- und Jugendsportangebote auch unterjährig anbieten können“, so Bürgermeister Klaus Luger. Gleiches gilt für Bildungsförderangebote wie die Sommerkurse der VHS. „Wir können aber leider nicht völlig kompensieren, was im Schulsystem schiefläuft. Wo bleibt eigentlich die seit langem angekündigte tägliche Turnstunde, und wann wird der Unterricht so gestaltet, dass möglichst wenig Nachhilfe außerhalb der Schulzeiten notwendig ist?“ fragt sich das Linzer Stadtoberhaupt.

Vizebürgermeisterin Karin Hörzing ergänzt: „Zusätzlich ist ein Ausbau der Schulsozialarbeit dringend notwendig, und Familien sollten nicht noch länger auf die Familienbeihilfe warten müssen“, so die Familienreferentin.

2020: verpatzter Schulstart, durchwachsenes Schuljahr, vergebene Chancen

Das Schuljahr 2020/2021 stellte für viele Kinder und ihre Eltern sowie für das Lehrpersonal eine Nervenprobe dar. Ein verpatzter Schulstart, weil Vorbereitungen wie etwa die Maskenbeschaffung nicht ausreichend getroffen wurden, ein durchwachsenes Schuljahr, weil vielerorts etwa das Homeschooling nicht funktionierte. 

Viele ExpertInnen sehen daher auch vergebene Bildungschancen für diese Generation. „SchulpsychologInnen sehen echte Versäumnisse in diesem Jahr, die sich keinesfalls ein weiteres Mal wiederholen dürfen. Wir verlieren sonst eine Generation von HoffnungsträgerInnen“, ist das Linzer Stadtoberhaupt überzeugt.

Der verpatzte Schulstart im Vorjahr und das durchwachsene Schuljahr hatte neben anderen Ursachen auch dramatische Auswirkungen auf das Verhalten der SchülerInnen, ersichtlich in der Statistik der Schulsozialarbeit. „2020 wurden gegenüber 2019 zwar nur rund sieben Prozent mehr SchülerInnen durch dieses Service beraten und unterstützt. Die Gründe für die Inanspruchnahme unterschieden sich teilweise aber dramatisch“, weiß die zuständige Vizebürgermeisterin Karin Hörzing. So hatte 2020 jedes zweite Kind Lernschwierigkeiten, mehr als 20 Prozent als im Jahr zuvor. 24 Prozent fielen überhaupt gleich durch Schulverweigerung und –schwänzen auf, das waren über 60 Prozent mehr als 2019. Wer meint, da müsse man halt die Eltern stärker in die Verantwortung nehmen, hat zwar grundsätzlich recht, aber: „Das wird leider schwierig, wenn mit rund 20 Prozent der Eltern gleich 75 Prozent mehr als im Vorjahr jegliche Kooperation mit der Schule verweigern“, zeigt Karin Hörzing auf.

Daher sei auch die aktuelle Entwicklung so alarmierend: „Bis Ende Juli wurden bereits 649 Kinder in Oberösterreich von ihren Eltern von der Schule abgemeldet, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die städtische Bildungsbehörde prüft die Umstände derzeit intensiv. Bei allem Verständnis für Verunsicherung aufgrund der damals äußerst ungewissen Vorbereitungen auf den Schulstart - ich halte nichts davon, wenn aus der Pflichtschule eine immer beliebigere Schulpflicht wird, auch wenn das der gesetzliche Rahmen bisher leider zulässt. Hier herrscht dringend Handlungsbedarf“, meint Bürgermeister Klaus Luger.

„Oldschool“ fördert Nachhilfe – und wegen fehlender täglicher Turnstunde den Bewegungsmangel

Mindestens ebensolchen Handlungsbedarf sieht das Linzer Stadtoberhaupt generell beim Thema Unterrichtsgestaltung und Sport. „Wenn ich mir die Zahlen der Inanspruchnahme von Nachhilfestunden ansehe, so orte ich grobe Mängel in der Wissensvermittlung“, so Bürgermeister Klaus Luger. Viele Eltern konnten sich schon vor Corona keine Nachhilfe für ihre Kinder leisten, wodurch sich die Bildungschancen-Ungleichheit verschärfte. Die Stadt Linz hat deshalb schon vor Jahren ein kostenloses Nachhilfeangebot ins Leben gerufen, durch das zumindest in den Hauptfächern über den Sommer Lerndefizite auch von Kindern aus einkommensschwachen Familien ausgeglichen werden konnten. 

„Dabei zeigte sich immer wieder, dass die Sommerferien aus vielerlei Gründen zu lang sind. Lernschwache Kinder, die unterm Schuljahr gerade mal so mithalten konnten und durch etwas Förderung aufholten, wurden über die langen Sommerwochen wieder zu Nachzüglern. Hinzu kommt die Herausforderung für die Familien, angesichts des verfügbaren Urlaubs überhaupt eine entsprechende Betreu-ung sicherzustellen. Kürzere Sommerferien, wie etwa in Deutschland, wären da sicher hilfreich und wertvoll. Das von der oberösterreichischen Soziallandesrätin vorgestellte 6+3-Modell, mit einem fixen Sommerschulanteil mit Rechtsanspruch, könnte dazu ein erster Schritt sein“, meint Sozialreferentin Vizebürgermeisterin Karin Hörzing.

Nicht einmal ein erster Schritt wurde hingegen in Richtung der schon lange angekündigten „täglichen Turnstunde“ getan. „Dabei würden wir diese jetzt dringender brauchen denn je“, meint Bürgermeister Klaus Luger. Nicht nur, weil Sport der Gesundheit dient: „Die Linzer Kinderfreunde haben erst vorige Woche aufgezeigt, dass viele Kinder, die an ihren Feriencamps im Vorjahr und heuer teilgenommen haben, motorische Fähigkeiten verloren haben, die sie in den Jahren zuvor noch hatten“, zeigt sich das Linzer Stadtoberhaupt beunruhigt. So sei bei diversen Geschicklichkeitsspielen aufgefallen, dass die TeilnehmerInnen in den vergangenen Monaten viel verlernt haben und auch im Umgang mit eigentlich bekannten Spielgeräten plötzlich vorsichtiger und zurückhaltender waren.

„Auch aus diesem Grund war es uns ein besonderes Anliegen, zwei neue Outdoor-Sportanlagen im Rahmen des von Bürgermeister Luger initiierten Pakts für Linz zu schaffen“, berichtet Vizebürgermeisterin Karin Hörzing. Außerdem wurde das Freizeitpädagogikangebot „Pippi – Play im Park“ heuer erstmals an fünf statt bisher an drei Standorten angeboten. „Wir haben außerdem vereinbart, dass wir unsere bisher auf die Ferien beschränkten Angebote auch unterjährig anbieten möchten“, so Bürgermeister Klaus Luger und Vizebürgermeisterin Karin Hörzing. Dies würde er auch noch für die Nachhilfe- und Förderangebote der Stadt anregen, so das Linzer Stadtoberhaupt weiter. „Wobei es das Ziel einer modernen Bildungspolitik sein müsse, Schule und Unterricht so zu gestalten, dass es diese Nachhilfe- und Förderprogramme nicht mehr braucht“, meint Bürgermeister Klaus Luger. 

350.000 Kinder österreichweit, in Oberösterreich 33.000 Kinder armutsgefährdet

7.000 Kinder in Haushalten mit Langzeitarbeitslosigkeit bzw. Notstandshilfe

Vorige Woche machte die Arbeiterkammer Oberösterreich auf einen besonderen Umstand aufmerksam: immer mehr Kinder und Jugendliche sind ernsthaft von Armut bedroht. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona haben deren Situation verschärft: „2020 erhielten rund 40 Prozent mehr Menschen als im Jahr 2019 Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe, rund 42.200 Menschen insgesamt in Oberösterreich. Mit betroffen waren rund 15.700 Kinder“, zitiert Bürgermeister Klaus Luger die Aussendung der Arbeiterkammer. Zwar hat sich die wirtschaftliche Lage zum Glück wieder gebessert, aber: „Worauf ich immer hingewiesen habe, ist nach wie vor ungelöst: die manifeste Zahl der Langzeitarbeitslosen, denen eine Rückkehr in die Arbeitswelt offenbar unmöglich ist“, so das Linzer Stadtoberhaupt. Erschreckend: rund 7.000 Kinder leben in Oberösterreich in Haushalten, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind bzw. Notstandshilfe beziehen. 

Für diese Kinder gibt es vom AMS den so genannten „Familienzuschlag“. Er beträgt 97 Cent am Tag – und wurde seit 2001 nicht erhöht! „Da verwundert es nicht, dass sich im heurigen Jahr viele Kinder nicht einmal das Klassenfoto zum Schulabschluss leisten konnten – in Zeiten von Smartphones vielleicht eine altmodisch wirkende Tradition, aber Handys ersetzen nicht jede Tradition“, so Bürgermeister Klaus Luger.

Für diese Familien gelte es zweierlei zu tun: „Selbstverständlich unterstütze ich die Forderung der Arbeiterkammer an den Bund, die Nettoersatzrate des Arbeitslosengeldes auf 70 Prozent und den Familienzuschlag auf zwei Euro am Tag zu erhöhen“, so Bürgermeister Klaus Luger.

Familienreferentin Vizebürgermeisterin Karin Hörzing ergänzt: „Und natürlich geht es gar nicht, dass in diesen schweren Zeiten Familien noch länger auf die Familienbeihilfe warten müssen.“ Die Verzögerungen beim Finanzamt sind unerklärlich und inakzeptabel, da die Zuerkennung der Familienbeihilfe Grundlage für viele anderen Zuwendungen und Familienunterstützungen sei.

Unsicherheit und wirtschaftlicher Druck führen zu psychischer Belastung – und Gewalt in der Familie: 35 Prozent mehr Kinder bedroht

Das mangelhafte Krisenmanagement des Bundes hat die Menschen zunehmend verunsichert, viel Vertrauen in die Politik ist verlorengegangen. Der wirtschaftliche Druck aufgrund von Arbeitslosigkeit führte in Familien zu psychisch belastenden Situationen, die durch Lockdowns und Ausgangssperren in beengten Wohnverhältnissen zusätzlich verstärkt wurden. „Die massivsten Auswirkungen, die Corona auf Kinder und Jugendlichen hatte, zeigen sich in einzelnen Fallbeispielen der Kinder- und Jugendhilfe“, berichtet Vizebürgermeisterin Karin Hörzing.

Fallbeispiel 1: 9-jähriger Bursche – Krisenbetreuung als Folge von COVID-Einschränkungen 

Es bestand bereits vor dem ersten COVID-Lockdown eine sehr schwierige Familiensituation (alleinerziehende Mutter und 9-jähriger Sohn), eine Unterstützung der Erziehung in Form einer sozialpädagogischen Familienbetreuung war bereits eingesetzt. 

Der Bursche bzw. die Familie wurden durch ein umfassendes Unterstützungsnetzwerk begleitet, dazu zählten neben der sozialpädagogischen Familienbetreuung der Besuch einer sozialpädagogischen Kleinklasse sowie eines heilpädagogischen Horts und die Teilnahme an einer Sozialkompetenzgruppe für Kinder. 

Durch den ersten COVID-Lockdown fielen sämtliche Unterstützungsangebote weg, wodurch es bereits nach wenigen Tagen zu einer massiven Überforderung der Mutter mit ihrem Sohn kam und eine Akutaufnahme im Med Campus IV (Kinderpsychiatrie) erforderlich wurde. Da nicht absehbar war, wie lange die COVID-Maßnahmen aufrecht bleiben und die Mutter sich unter diesen Umständen eine weitere Betreuung ihres Sohnes nicht mehr vorstellen konnte, musste das Kind in Krisenbetreuung (Krisenwohngruppe für Kinder) übernommen werden. 

Die Organisation eines Krisenbetreuungsplatzes wurde in dieser ersten COVID-Phase dadurch erschwert, dass zur Vermeidung von COVID-Ansteckungen in den Wohngruppen vor einer Neuaufnahme eine COVID-Testung erforderlich war. Zu diesem Zeitpunkt waren Corona-Tests noch nicht üblich und die Veranlassung einer sofortigen Testung war mit hohem organisatorischem Aufwand verbunden. 

Im Rückblick kann gesagt werden, dass sich das Kind in der Krisenwohngruppe wohlfühlte, der Kontakt mit anderen Kindern sowie das klare Regelwerk der Kriseneinrichtung boten ihm Orientierung und förderten seine Entwicklung. Mittlerweile konnte das Kind zur Mutter rückgeführt werden, das umfassende Unterstützungsnetzwerk ist nun wieder vorhanden (COVID-Lockerungen). 

Fallbeispiel 2: 7-jähriger Bub – Hortbegleitung wegen mangelnder Abklärungsmöglichkeiten 

Die Familie (Patchworkfamilie mit vier Kindern) war der Kinder- und Jugendhilfe bis zum Eingang einer Meldung vom Hort bzgl. des 7-jährigen Kindes der Familie nicht bekannt. Beschrieben wurden in der Mitteilung starke Verhaltensauffälligkeiten des Burschen. Eine Beratungsstelle war zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Mutter und dem 7-jährigen Buben befasst. 

Die als notwendig gesehene Diagnostik im Rahmen einer Sozialkompetenzgruppe (Interaktion mit Gleichaltrigen) konnte nicht durchgeführt werden, da aufgrund von COVID keine Gruppenangebote möglich waren. Folglich konnte kein Integrations-Hort-Platz organisiert werden, da dieser eine Diagnostik voraussetzt. 

Da das Verhalten des Burschen für die anderen Kinder gefährdend war, wurde ein Hortausschluss angekündigt. Die Mutter war in großer Verzweiflung, da sie ohne den Hortplatz ihre Arbeitsstelle aufgeben hätte müssen, was die Familie in eine finanzielle Notlage gebracht hätte. 

Aufgrund der Dringlichkeit klärte die Kinder- und Jugendhilfe binnen weniger Wochen ab, verschaffte sich einen Eindruck über die Familiensituation und die erforderlichen Hilfen. Bereits zwei Monate nach Eingang der ersten Meldung wurde eine Hortbegleitung (1:1-Begleitung des Kindes durch eine*n sozialpädagogische Betreuer*in) gestartet. Es handelt sich dabei um eine Hilfe im Rahmen von Unterstützung der Erziehung seitens der Kinder- und Jugendhilfe. Die eingesetzte Hilfe brachte für alle Beteiligten – insbesondere für das 7jährige Kind – eine große Entlastung. 

Fallbeispiel 3: 17-jähriger Bursche – Auswirkungen der COVID-Situation auf die psychische Gesundheit 

Die Jugendpsychiatrie des Neuromed Campus meldete an die Kinder- und Jugendhilfe, dass ein 17-jähriger Bursche in seiner Entwicklung gefährdet sei. Die COVID-Situation hatte bei dem Jugendlichen zu sozialer Isolation geführt, eine depressive Symptomatik hatte sich intensiviert, die Not des Jugendlichen zeigte sich beispielsweise durch selbstverletzendes Verhalten. 

 

Nach dem ersten Lockdown, durch welchen für den Jugendlichen ein geregelter Tagesablauf wegbrach, blieb er monatelang fast ausschließlich in der Wohnung, schaffte es häufig kaum aus dem Bett. Der Bursche kam mit dem Homeschooling nicht zurecht, er beschäftigte sich exzessiv mit digitalen Medien, ging keinen anderen Hobbies mehr nach und vernachlässigte seine sozialen Kontakte und hatte keinen Kontakt mehr zu seinem Freundeskreis. Der Jugendliche schaffte es nicht länger, auf seine Fähigkeiten und Interessen zuzugreifen, sein Selbstwertgefühl litt stark. Die Eltern waren mit der Situation des Sohnes nachvollziehbarerweise überfordert. 

Eine weiterführende Unterstützung nach Beendigung des Krankenhausaufenthalts wurde als zwingend notwendig erachtet, damit der Jugendliche das im Zuge seiner Behandlung Erlernte in den Alltag integrieren kann. Die Gefährdung wurde darin gesehen, dass der 17-jährige rasch wieder in soziale Isolation geraten und sich seine Symptomatik erneut verschlechtern könnte, was zu einer neuerlichen akuten Überforderung des Familiensystems führen würde. 

 

Durch die Kinder- und Jugendhilfe wurde in der Folge eine aufsuchende therapeutische Familienarbeit im Rahmen von Unterstützung der Erziehung eingesetzt. Der Jugendliche konnte benennen, was er mit Hilfe der Unterstützung verändern möchte, wodurch hilfreiche und realistische Ziele festgelegt werden konnten.

Fallbeispiel-Fazit: Corona-Management des Bundes setzte Familien unter Druck – und behinderte Hilfe

„Zusammengefasst muss man daher leider feststellen, dass das mangelhafte Krisenmanagement des Bundes Familien unter Druck setzte – und zugleich die Hilfe vor Ort massiv erschwerte“, sind sich Bürgermeister Klaus Luger und Vizebürgermeisterin Karin Hörzing einig.

Auch auf getrenntlebende Familien hatten die Maßnahmen gravierende Auswirkungen: die Einschränkung bzw. Aussetzung von Besuchsbegleitungsangeboten ließen Kontaktrechtsdiskussionen entflammen. Es kam zur Unsicherheit bei Eltern bzgl. des Umgangs mit den Kontakten während COVID (z.B. Vorgaben an den anderen Elternteil, bestimmte Hygienevorschriften einzuhalten; Sorgen um Großeltern im selben Haushalt). Insbesondere zu Beginn des ersten Lockdowns herrschte generell Verunsicherung, ob Besuchskontakte zum nicht im gemeinsamen Haushalt mit dem Kind lebenden Elternteil überhaupt erlaubt sind – die Eltern wandten sich mit derartigen Anfragen an die Kinder- und Jugendhilfe, die übrigens während der gesamten Zeit dank der raschen Umstellung auf Homeoffice ihrer Arbeit nachgehen konnte!

Dies war auch notwendig, da sich die Anrufe von verzweifelten Eltern häuften, die die COVID-bedingte Familiensituation als belastend erlebten, z.B. aufgrund von Streitigkeiten mit den Kindern bezüglich des Homeschooling oder wegen der schwierigen Betreuung von Kindergarten-Kindern neben Homeoffice. Hier konnte die Stadt durch das Offenhalten der Kinderbetreuungseinrichtungen meist Abhilfe schaffen. Schwieriger wurde es bei Verschärfungen von pubertären Krisen: die Reduktion der Kontakte zu Gleichaltrigen, die besonders für Jugendliche wichtig sind, und die Ausgangsbeschränkungen führten zu sehr viel mehr Zeit mit der Familie in einer Phase, in der Jugendliche sich normalerweise loslösen und nach Autonomie streben.

Für Hilfesuchende gab es jedoch über lange Zeit keine persönlichen Termine in Beratungsstellen, keine Therapieangebote, keine Gruppenangebote (z.B. Sozialkompetenzgruppen für Kinder). Auch die temporäre Schließung oder Einschränkung von präventiven Angeboten (Eltern-/Mutterberatung, Iglu) hatte negative Auswirkungen auf Familien.  

Neben dem wirtschaftlichen Druck erhöhten all diese Entwicklungen die Belastungen für die gesamte Familie, denen dann fehlende Entlastungsmöglichkeiten für Eltern gegenüberstanden. Insbesondere in schon vor Corona belasteten Familiensituationen führte dies zu einer drastisch erhöhten Gefährdung von Kindern und Jugendlichen.

35 Prozent mehr Kinder von Betretungsverboten betroffen = von Gewalt in der Familie bedroht

„Das bereitet mir als Familienvater abschließend die größten Sorgen“, so Bürgermeister Klaus Luger. „Es macht einen Unterschied, ob man in der Zeitung von zunehmender Gewalt in der Familie liest, oder ob man dann die erschreckenden Zahlen der eigenen Behörde vor sich liegen hat“, so das Linzer Stadtoberhaupt. 2019 waren ebenfalls bereits 273 Kinder von Betretungsverboten betroffen, das bedeutet, sie waren entweder direkt bedroht oder lebten im Haushalt mit einer gefährdeten Person, die durch das Betretungsverbot geschützt werden sollte. „2020 stieg diese Zahl um erschreckende 35 Prozent auf 368 Kinder. Und die Tendenz im ersten Halbjahr 2021 zeigt, dass wir auf ähnlich hohem Niveau verharren dürften“, so Bürgermeister Klaus Luger.

Corona hat Kinder und Jugendliche also in vielerlei Hinsicht massiv negativ betroffen – was es daher nun zu tun gilt:

  • Präsenzunterricht in den Schulen muss gewährleistet werden. „Dazu habe ich bereits vom Bildungs- und vom Gesundheitsminister eine Schulstart-Garantie gefordert. Die von Minister Faßmann nun auf drei Wochen verlängerte so genannte Sicherheitsphase dient der maximalen Verunsicherung von Kindern, Eltern und PädagogInnen. Sie zeigt eigentlich nur, wie sehr man die vergangenen Wochen wieder einmal nicht zur Vorbereitung genutzt hat“, so Bürgermeister Klaus Luger.
  • Zeitgemäße Wissensvermittlung. „Unser Bildungswesen führt immer mehr dazu, dass der Nachhilfe- und Förderbedarf steigt“, meint Bürgermeister Klaus Luger. „Mir ist bewusst, dass eine Umstellung auf zeitgemäße Wissensvermittlung noch etwas dauert – aber fangen wir an, das Tempo zu erhöhen!“ Bis es soweit ist, will Bürgermeister Klaus Luger die Nachhilfe- und Förderangebote der Stadt intensivieren, damit Linzer Kindern in diesem Schuljahr keine weiteren vermeidbaren Bildungsdefizite entstehen.
  • Die tägliche Turnstunde. „Hier fehlt mir mittlerweile das Verständnis, warum ihre Einführung so lange dauert“, verweist Sportreferentin Karin Hörzing auf Versprechen früherer Minister und Sportlandesräte. Angesichts der erschreckenden Entwicklung, dass Kinder motorische Fähigkeiten wieder verlernen, wurde bereits heuer das freizeitpädagogische Angebot der Stadt erweitert und werden zwei Outdoor-Sportanlagen  errichtet. „Wir werden zusätzlich die Situation an den Schulen beobachten und rechtzeitig das Gespräch mit FreizeitpädagogInnen suchen, falls neue Einschränkungen den Bewegungsdrang der Kinder und ihre Motorik erneut beeinträchtigen sollten“, so Vizebürgermeisterin Karin Hörzing.
  • Armut bekämpfen – wirtschaftliche Situation von Familien absichern. „Linz kann auf ein dichtes soziales Netz blicken. Mit dem Pakt für Linz tragen wir nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung maßgeblich bei. Dadurch finden Väter und Mütter Jobs, die sie dank der in Linz garantierten Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch annehmen können“, so Bürgermeister Klaus Luger. Allerdings könne die Stadt nicht alles lösen und nicht für alle einspringen: „Ein höheres Arbeitslosengeld und ein höherer Familienzuschlag für Langzeitarbeitslose sowie eine rasche Abwicklung bei der Familienbeihilfe sind unabdingbar. Hier ist einmal mehr der Bund gefordert“, betont Bürgermeister Klaus Luger.
  • Ausbau der Schulsozialarbeit. „In persönlich belasteten Situationen müssen Menschen darauf vertrauen können, dass sie sich an kompetente HelferInnen wenden können. Dazu zählen für Kinder und Jugendliche vor allem auch die MitarbeiterInnen der Schulsozialarbeit. Diese muss dringend, wie bei der Einführung angekündigt, ausgebaut werden“, schließen Bürgermeister Klaus Luger und Vizebürgermeisterin Karin Hörzing.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz von Bürgermeister Klaus Luger und Familienreferentin Vizebürgermeisterin Karin Hörzing zum Thema „Wie Corona Kinder und Jugendliche beeinträchtigte – und was es jetzt zu tun gilt“)