Medienservice vom: 25.01.2022 |Downloads zum Medienservice|Fotos zum Medienservice

Natur im urbanen Raum im Fokus 100 Plätze im Stadtgebiet: Stadtökologisches Leitprojekt geht in die nächste Runde

„Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch wenige Jahre zu leben”, sagte Albert Einstein. Medial verdrängt von der gegenwärtigen Corona-Pandemie und der Klimakrise gefährdet eine weitere Krise die Lebensgrundlagen: die Biodiversitätskrise. Ist eine Art einmal ausgerottet, ist sie für immer verloren, ebenso wie andere Tiere oder Pflanzen, die direkt oder indirekt mit der ausgestorbenen Art in Verbindung stehen. Denn Artensterben löst Kettenreaktionen aus. So kann das Verschwinden einer einzigen Insektenart durch Pestizideinsatz zahlreiche Vogelarten ihrer Existenzgrundlage berauben und viele von ihnen verschwinden lassen. Der Rückgang der Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen droht zudem durch die Erderwärmung noch schneller voranzugehen. 

Die Ursachen für das Artensterben sind sehr vielfältig und reichen von intensiver Landwirtschaft über die Zerstörung von natürlichem Lebensraum bis zu den erwähnten klimatischen Veränderungen. Dies gilt vor allem auch für den „Lebensraum Stadt“, der ständig von fortschreitender Versiegelung und der Nutzung ehemals wertvoller Grünflächen für Bau- und Verkehrszwecke bedroht ist.

Bereits vor etwa 30 Jahren wurde von der Stadt Linz deshalb unter Federführung der Naturkundlichen Station der Stadt Linz eine Biotopkartierung gestartet, um Tier- und Pflanzenarten zu erfassen und durch Schutzmaßnahmen vor dem Aussterben zu bewahren. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden nun durch ein stadtökologisches Umsetzungsprogramm zur Integration von Klimaadaptierung, Biodiversitätsförderung und Lebensqualität in der Entwicklung der Landeshauptstadt Linz ergänzt.

Die Biotopkartierung der Stadt wurde dabei um die Aspekte Boden, Wasser und Klima erweitert. Etwa 100 Projekte im gesamten Stadtgebiet voranzutreiben, ist das ehrgeizige Ziel dieses zunächst auf die Jahre 2021 und 2022 ausgelegten Monitorings, um Lebensräume für Tiere und Pflanzen in Linz zu erhalten und zu verbessern.

Dabei werden auch interessierte Linzerinnen und Linzer in Form einer „Citizen Activity Gruppe“ mit eingebunden. Die Projektsteuerung Abwicklung erfolgt durch das TBK Büro für Ökologie und Landschaftsplanung unter Leitung des Landschaftsökologen und -planers Dr. Harald Kutzenberger. 

„Als Naturschutzreferentin und Klimastadträtin ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass Klimakrise und Artenkrise Hand in Hand gehen und gemeinsame Gegensteuerungsmaßnahmen erfordern. Es ist notwendig, das Bewusstsein für diese ökologischen Zusammenhänge noch mehr zu stärken. Wir müssen begreifen, dass Artenschutz auch den Schutz von uns allen bedeutet. Ambitioniertes Handeln ist daher nicht nur für den Erhalt bedrohter Arten entscheidend, sondern liegt auch im unmittelbaren Interesse der Menschen“, möchte Stadträtin Schobesberger aufrütteln und die Bevölkerung auf die Problematik des Artensterbens aufmerksam machen.

„Ein Beispiel wie Artenschutz funktioniert, sind die unter Naturschutz stehenden Traun-Donau-Auen. Dieses Natura 2000-Gebiet ist nicht nur ein Refugium für bestehende, sondern auch eine Fundgrube für neue Arten. Dennoch gab und gibt es Überlegungen, ein angrenzendes Grundstück von Grünland in Betriebsbaugebiet umzuwidmen“, führt Schobesberger weiter aus. „Auch die Pläne für eine Ostumfahrung, gegen die acht von neun Parteien im Linzer Gemeinderat ausgesprochen haben, zielen in diese Richtung“.

„Linz ist zwar eine Industriestadt, aber bietet dennoch Lebensräume für seltene Tierarten. So sind in Katzbach am Linzer Stadtrand Populationen der raren Würfelnatter zu finden. Auch die Wechselkröte, eine der seltensten Amphibienarten Österreichs kommt in Linz, und zwar im Industriegebiet, vor. Diese Refugien gilt es zu erhalten“, betont Dr. Friedrich Schwarz, Leiter des Botanischen Gartens und der Naturkundlichen Station.

„Die Umsetzung durch das interdisziplinäre Projektteam erfolgt in enger Abstimmung mit der Naturkundlichen Station, den Stadtgärten sowie der Klimastabsstelle, Büro Stadtregierung. Insgesamt werden 100 Linzer Biotope evaluiert und 100 somit neue Umsetzungsprojekte entwickelt, die Lebensqualität, Lebensvielfalt und die Sicherung unserer Lebensgrundlagen Boden, Wasser und Klima unterstützen“, fassen die ProjektleiterInnen Dr. Harald Kutzenberger und DIin Daniela Hofinger zusammen.

Start für das Leitprojekt erfolgte 2021

Gestartet wurde das stadtökologische Leitprojekt zur Integration von Klimaadaptierung, Biodiversitätsförderung und Lebensqualität im Sommer 2021 auf Basis eines einstimmigen Stadtsenatsbeschlusses. Aus Sicht des Klimabeirates sollen im Zuge der Projektausführung im Sinne der Linzer Klimastrategie die Ökosysteme und natürlichen Ressourcen langfristig sichergestellt und mit den Erkenntnissen der Stadtklimaanalyse verschränkt werden. 

Begehung mit dem Projektteam im Schiltenbergwald

Die Umsetzungsschritte des Forschungsvorhabens erfolgen in enger Abstimmung mit der Abteilung Botanischer Garten und Naturkundliche Station, Geschäftsbereich Stadtgrün und Straßenbetreuung sowie der Klimastabsstelle des Büros Stadtregierung Linz. 

Was bisher erreicht wurde

Das erste große Arbeitspaket des stadtökologischen Umsetzungsprogramms betrifft die Aktualisierung wichtiger Grundlagen. Es werden Teile der Linzer Stadtbiotopkartierung nach 30 Jahren digitalisiert und methodisch neu ergänzt. Dazu werden neben den ökologischen Daten auch die sozialen Aspekte der Lebensqualität und die stadtökologischen Lebensgrundlagen (Boden, Wasser und Klima) in einer integrierten Umweltplanung einbezogen. Das ist Neuland und ein wichtiger Schritt für eine zukunftsfähige Stadtplanung. 

Blumenzwiebeln werden auf Gründach eingelegt bzw. ergänzt

Grundlagenerforschung in drei Teilgebieten 

Entsprechend der Linzer Stadtlandschaft werden drei Teilgebiete Nord, Mitte und Süd abgegrenzt. „Die Linzer Biotopkartierung ist ein stadtökologisches Archiv: in der Stadtmitte hat sich vieles an der Biotopstruktur verändert, und damit ist auch das Stadtklima belastet worden. Am Stadtrand im Norden und Süden ist die Struktur noch erhalten, aber auch eine hohe Dynamik an Bauprojekten zu erwarten. Die neuen Grundlagen können uns helfen, es künftig besser zu machen“, so Dr. Kutzenberger.

Die Kartierungsarbeiten begannen letzten Sommer und werden heuer fortgeführt. Daraus lassen sich wichtige Aussagen für das gesamte Stadtgebiet ableiten.

„Schon jetzt ist klar: wenn wir umfassende Neubebauung ohne integrierte Umweltplanung und die Berücksichtigung von Klimawandel und Biodiversität erlauben, riskieren wir die Lebensqualität unserer Kinder“, sagt der Leiter der Naturkundlichen Station, Dr. Friedrich Schwarz.

Mit den Menschen: Citizen Activity

In einem zweiten Arbeitspaket setzt das stadtökologische Umsetzungsprogramm wichtige Akzente in der Bewusstseinsbildung. Eine örtliche Citizien Activity Gruppe ist bereits im Entstehen. Vorträge in der Linzer Volkshochschule im letzten Herbst halfen und helfen bei der Verbreitung der Informationen und vernetzen interessierte LinzerInnen, die mithelfen wollen, Projekte zu verwirklichen. 

In diesem Rahmen soll es nun im Frühling 2022 bereits mehrfach Möglichkeiten zum Mitmachen und Anpacken geben: Gemeinsam werden etwa heimische Gehölze gepflanzt sowie Kleintierhabitate für gefährdete Tiere gebaut oder insektenfreundliche Frühlingspflanzen auf Gründächern ergänzt. 

Ins Tun kommen: von Beginn an praktische Umsetzungsprojekte

Zentrales Element des Projektvorhabens sind 100 konkrete Umsetzungsprojekte im gesamten Linzer Stadtgebiet. Im Herbst vergangenen Jahres wurde ein Fokus auf Frühblüher gelegt und insektenfreundliche Blumenzwiebeln gepflanzt. Am begrünten Dach der Stadtbibliothek Linz im Wissensturm wurden Blumenzwiebeln ergänzt und werden zukünftig noch mehr Farbe, Nektar und Pollen aufs Dach bringen. 

„Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung: bereits im heurigen Frühjahr werden Wildbienen die neuen Nektarquellen annehmen und neue Lebensräume in der Stadt besiedeln können“, so Dr. Harald Kutzenberger und DIin Daniela Hofinger in ihrer Funktion als KoordinatorInnen im Projektteam.

Schwerpunkt städtische Grünflächen 

Der Schwerpunkt wird auf stadteigene Grünflächen unter Betreuung des Geschäftsbereichs Stadtgrün und Straßenbetreuung gelegt. Dazu fanden Begehungen städtischer Grünflächen in den Erholungsoasen Pöstlingberg und Schiltenberg, beim Linzer Arboretum am Freinberg und den stadtökogisch wichtigen Vernetzungsstrukturen entlang der Umfahrung Ebelsberg statt. Momentan werden dazu zahlreiche Umsetzungsprojekte vorbereitet. Dabei werden wichtige Schritte gesetzt, damit seltene Arten im Stadtgebiet überleben. 

Heimische Wildrose (Bibernellrose)

„Klimafester(e)“ Nachwuchspflanzen aus städtischer Zucht“

Die Stadtgärtnerei und Baumschule zieht eine große Vielfalt an Pflanzen für das grüne Linz heran. Ein wichtiger Baustein ist die Anpassung der stadteigenen Pflanzenproduktion hinsichtlich Klimawandel und Biodiversität. Das heißt Pflanzen müssen noch mehr hitze- und trockenheitsverträglich sein, da es zukünftig zu länger andauernden Hitzewellen kommen wird. Und sie sollen für möglichst viele Tierarten wertvoll und nutzbar sein. „Eine besondere Hebelwirkung erreicht man schon bei der passenden Auswahl von Sträuchern – Wild-obst und Salweiden sind Magneten für Wildbienen, Käfer und Falter. Dagegen sind Kirschlorbeer und Forsythie für Insekten und Vögel praktisch wertlos“, betont Daniela DIin Hofinger vom Projektteam.

Standortgerechte Sorten aus eigener Produktion

Zukünftig sollen heimische Sträucher wie Schlehe oder seltene Wildrosen wieder selber produziert und in ganz Linz öffentliche Grünflächen bereichern. Die stadteigenen Wälder, Parkanlagen, Verkehrsbegleitflächen, Beete und Rabatten bieten gleichermaßen Ansatzpunkte.

Der nächste Schritt

Die Zauneidechse wird immer seltener

Als nächster Schritt werden auf dem Areal des Arboretums am Freinberg Kleintierhabitate für Zauneidechsen und Hirschkäfer gebaut.

Für den Hirschkäfer werden alte Eichenstämme verbaut, für die Zauneidechse entstehen Holz-Sand-Stein-Plätze zum Sonnen, zur Eiablage und zum Überwintern. In den folgenden Monaten kommen weitere dieser Habitate über die Stadt verteilt hinzu.

Für beide Arten ist die Situation kritisch: alte Eichen für den Hirschkäfer sind ebenso Mangelware wie unzerschnittene Brachflächen für die Zauneidechse. „Die ökologische Aufwertung durch Kleintierhabitate hilft konkreten Arten wie Zauneidechse und Hirschkäfer dauerhaft in der Stadt zu überleben. Zugleich speichern die Totholzelemente aber auch Wasser und Kohlendioxid. Wir zeigen bei unseren Projekten, dass wir durch Synergien mehr erreichen können“, ist Stadträtin Schobesberger vom kontinuierlichen Projektfortschritt überzeugt. 

Ein Eidechsenhabitat (siehe Foto) kann die Bestände erhalten helfen.

(Informationsunterlage zur Online-Pressekonferenz von Klimastadträtin Mag.a Eva Schobesberger zum Thema „Stadtökologisches Umsetzungsprogramm zur Integration von Klimaadaptierung, Biodiversitätsförderung und Lebensqualität“)

Weitere GesprächspartnerInnen:
Dr. Friedrich Schwarz, Leiter der Naturkundlichen Station
Dr. Harald Kutzenberger, TBK Büro für Ökologie und Landschaftsplanung
DIin Daniela Hofinger, Landschaftsökologie & Umweltplanung

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