Medienservice vom: 15.09.2022 |Downloads zum Medienservice|Fotos zum Medienservice

17 Erinnerungsstelen für 144 jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Linz aufgestellt Feierliche Zeremonie mit 70 Nachkommen aus den USA, Kanada, Israel, Argentinien, Deutschland und England

  • Einweihung der Stele am Alten Markt durch Oberrabbiner Jaron Engelmayr

Im Mai dieses Jahres wurde im Bernaschekpark eine erste Erinnerungsstele für jüdische Opfer des Nationalsozialismus aufgestellt, im Juli und August erfolgte die Errichtung von weiteren Erinnerungszeichen in der Linzer Innenstadt sowie in Urfahr. Diese Stelen gedenken insgesamt 144 Linzer Bürger*innen, die deportiert und ermordet oder von der nationalsozialistischen Rassenverfolgung in die Flucht oder in den Selbstmord getrieben wurden.

Im Rahmen der heutigen feierlichen Zeremonie, am internationalen Tag der Demokratie, wird das 17. Erinnerungszeichen am Alten Markt in der Altstadt vom Künstler Andreas Straus mit Unterstützung von Lehrlingen der voestalpine aufgestellt. Stellvertretend für alle anderen errichteten Stelen nimmt Oberrabbiner Jaron Engelmayer die Einweihung dieser Stele vor – gemeinsam mit einem Nachkommen aus Israel, der das Kaddisch, ein jüdisches Gebet, sprechen wird, und in Anwesenheit des israelischen Botschafters Mordechai Rodgold und der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz Charlotte Herman. Anschließend folgt eine Gedenkfeier mit Nachkommen im Alten Rathaus.

Rund 70 Nachkommen von 15 Linzer Familien reisten aus dem Ausland (USA, Kanada, Israel, Argentinien, Deutschland und England) an, um dieser feierlichen Zeremonie beizuwohnen und die neu errichteten Stelen als Gedenken ihrer ermordeten und vertriebenen Familienmitglieder zu besichtigen.

Die Erinnerungszeichen sind permanente, von der Stadt Linz errichtete Stelen, die ein personalisiertes Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus ermöglichen – insbesondere als Erinnerung an verfolgte, vertriebene und ermordete Linzer Jüdinnen und Juden. 
Die Stadt Linz beschäftigt sich seit Jahrzehnten auf vielfältige Weise mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Mit den Erinnerungszeichen, die an 17 Standorten für insgesamt 144 jüdische Opfer des Nationalsozialismus ein ehrendes Gedenken ermöglichen, beschreitet die Stadt nun einen ganz eigenständigen Weg. Die vom Künstler Andreas Strauss kreierten Messingstelen mit Klingeln verknüpfen auf sehr anschauliche Weise die wissenschaftlich basierte Aufklärung zu NS-Verbrechen mit der emotionalen Dimension des Erinnerns – und das mitten in Linz, dort, wo Unrecht geschehen ist. 

Ergänzt werden diese Zeichen im realen Raum durch ein Web-Memorial auf www.linzerinnert.at, wo ebenfalls alle Daten zu den auf den Stelen angeführten vertriebenen und ermordeten Linzer*innen abrufbar sind.

„Mit den Erinnerungszeichen entstehen Gedenkorte, die sowohl permanente Sichtbarkeit als auch personalisiertes Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus ermöglichen, die hier in Linz ihre Heimat hatten. Besonders freut es mich, die Nachkommen der Linzer Opfer bei dieser Feier begrüßen zu dürfen. Ich möchte darüber hinaus die intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Israelitischen Kultusgemeinde mit der städtischen Kulturverwaltung und dem Künstler Andreas Strauss bei diesem Projekt hervorheben und dafür meinen Dank ausdrücken“, sagt Bürgermeister Klaus Luger.

„Diese Gedenkstelen ermöglichen es uns, den Opfern auf Augenhöhe zu begegnen, uns ein Gegenüber vorzustellen. Menschen, die eine Wohnadresse hatten, unter allen anderen Mitbürgern lebten und nicht anonym, nur eine Nummer unter sechs Millionen Ermordeten waren. Die Klingeln, welche individuell, alle einen etwas anderen Ton haben, bewirken das Einzigartige an diesen Erinnerungszeichen, dass man sozusagen mit den Opfern in Kontakt treten könnte, aber eben keiner mehr da ist. Ich bin der Stadt Linz und natürlich Herrn Bürgermeister Luger sehr dankbar, dass es dieses besondere personalisierte Gedenken im öffentlichen Raum gibt, welches nun einen Großteil der Opfer umfasst, und hoffe, dass die noch geplanten Stelen in absehbarer Zeit aufgestellt werden können, um wirklich allen Opfern zu gedenken.“, erklärt Dr.in Charlotte Herman, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz.

„Neben der herausragenden künstlerischen Gestaltung der Stelen ist bereits die Umsetzung bzw. Herstellung der Erinnerungszeichen ein Prozess mit Mehrwert. So sind etwa neben der Grand Garage im stadteigenen Kreativzentrum Tabakfabrik auch Lehrlinge der voestalpine an der Gestaltung beteiligt. So gelingt es, jungen Menschen die schreckliche Geschichte der Shoah näherzubringen und gleichzeitig für unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung einer aktiven Erinnerungskultur zu sensibilisieren“, betont Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer. 

„Die Stadt Linz ist sich ihrer Verantwortung bewusst, die Erinnerungskultur aktiv zu gestalten – umso wichtiger ist es, diese sichtbar und auf geeignete Art und Weise im öffentlichen Raum stattfinden zu lassen. An 17 Standorten fügen sich die Messingstelen als mahnende Erinnerung an 144 Opfer der Shoah in das Stadtbild ein. Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für die großartige, würdevolle Umsetzung der Erinnerungszeichen“, fügt Stadträtin Mag.a Eva Schobesberger hinzu.

Klingel als Metapher und interaktives Element des Erinnerns

Jede Stele ist aus Messing gefertigt. Darauf sind Name und Geburtsjahr der Opfer des Nationalsozialismus sowie Angaben zur Deportation, Ermordung oder Flucht graviert. Der Aufstellungsort befindet sich freistehend in der Nähe von jenen Straßenzügen, wo diese Personen ihre letzte, frei gewählte Wohnadresse in Linz zum Zeitpunkt des Anschlusses im März 1938 hatten.

Direkt neben den Namen sind an der Stele mechanische Türklingeln angebracht, die, wenn man sie drückt, einen leisen Klingelton erzeugen. Der oberösterreichische Künstler Andreas Strauss stellt die Klingel als mehrdeutige Metapher des Erinnerns ins Zentrum seiner Gestaltung, die sowohl Assoziationen des Daheim- und Zuhause-Seins hervorruft als auch den Moment des gewaltsamen Abholens beschreibt. Der Akt des „Anläutens“ stellt einen emotionalen Kontakt zu den Vertriebenen und Ermordeten her und lässt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart schwinden.

Gedenken an 144 Linzer*innen an 17 Standorten für 53 ehemalige Wohnorte

„Der „Gau Oberdonau“ sollte als „Heimatgau des Führers“ nach dem „Anschluss“ vor allem auf Betreiben des Gauleiters August Eigruber möglichst rasch „judenrein“ werden. So wurde jüdischen BürgerInnen – neben anderen Maßnahmen der Entrechtung und Beraubung – bereits ab dem Juni 1938 „nahe gelegt“, nach Wien zu übersiedeln bzw. Österreich zu verlassen. Geschäfte, Wohnungen und Häuser wurden kurzerhand „arisiert“ und ihre BewohnerInnen standen oftmals innerhalb von 24 Stunden auf der Straße, mussten bei FreundInnen und Verwandten Unterschlupf finden oder ihnen wurden von den NS-Behörden Wohnungen zugewiesen. Oftmals fand die Delogierung nach der Verhaftung der Männer statt, sodass ältere Frauen und Frauen mit kleinen Kindern besonders betroffen waren.“ (Regina Thumser: Linzer „Judenhäuser“ für insitu, Linz09)

In der Linzer Innenstadt sind an fünf Standorten Erinnerungszeichen errichtet worden:

  • Stele Alter Markt für die Wohnorte Altstadt 1, 2 und 3
  • Stele Badgasse für die Wohnorte Badgasse 6 (Kunstuniversität Linz) und 7
  • Stele Bischofstraße für die Wohnorte Baumbachstraße 2, Bischofstraße 7 und Landstraße 32 und 38
  • Stele Israelitische Kultusgemeinde für das Gemeindehaus Bethlehemstraße 26
  • Stele Spittelwiese/Ecke Landstraße für die Wohnorte Landstraße 12 und 24 und Spittelwiese 13

Das Erinnerungszeichen am Alten Markt gedenkt Opfern an den Wohnadressen Altstadt 1, 3 und 22, wobei der Aufstellungsort etwa der historischen Adresse vom Haus Altstadt 3 entspricht, das im Eigentum der Familie Töpfer war – einem so genannten „Judenhaus“, wo Linzer jüdische Familien nach der Vertreibung aus ihren Wohnungen Unterschlupf fanden. Ernst Töpfer konnte nach seiner Inhaftierung in Dachau nach Palästina flüchten, seine Schwester Margarethe wurde 1942 in Izbica ermordet. Ihr Vater Joseph Töpfer flüchtete 1939 zu seiner Tochter nach Königgrätz, von wo er 90-jährig in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, welches er nicht überlebte. Nachkommen der Familie Töpfer aus Israel werden bei der Feier anwesend sein und ein Vertreter wird die heutige Einweihung mit einem Kaddisch mitgestalten.

Die Stele für die Wohnorte Badgasse 6 und 7 erinnert an die Familien Feder, Kohn und Fried, deren Mitglieder fast alle 1942 deportiert und ermordet wurden. Ebenfalls eine historische Adresse ist Badgasse 6, wo nun das im Nationalsozialismus errichtete westliche Brückenkopfgebäude steht und die Kunstuniversität Linz beherbergt. Mit Unterstützung der Immobilieneigentümerin, der Bundesimmobilien GmbH, konnte dieses Erinnerungszeichens nahe der Fassade der Kunstuniversität am Durchgang zur Badgasse montiert werden.

Zwischen der Baumbachstraße und der Landstraße konnte direkt gegenüber dem Haus Bischofstraße 7 eine Stele positioniert werden, die an 10 Linzer*innen erinnert, unter ihnen das Ehepaar Schwager. Ein Angehöriger der Linzer Familie Schwager war der letzte vor dem Holocaust in Linz geborene Jude Joseph Michael Schwager (wohnhaft Volksgartenstraße 19, Stele Figulystraße), der als Micha Shagrir ein international renommierter Regisseur und bedeutender Filmproduzent Israels wurde. Nicht nur das Ehepaar Schwager wohnte in der Linzer Bischofstraße, sondern auch die Familie von Adolf Eichmann. Diese Konstellation bewegte Shagrir zu dem 2005 beim Linzer Crossing Europe Filmfestival uraufgeführten Dokumentarfilm „Bischofstraße 7“. Beide Söhne und zwei Enkelkinder von Micha Shagrir werden an der heutigen feierlichen Zeremonie in Linz teilnehmen.

Direkt vor dem Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde, Bethlehemstraße 26, nahe der Synagoge, erinnert die Stele an Dr. Viktor Kurrein und seine Familie, der von 1923 bis zur Flucht 1938 nach England Rabbiner der jüdischen Gemeinde Linz war. Zu seinem Amtsantritt lebten laut Volkszählung von 1923 in Oberösterreich 1320 Juden und Jüdinnen (1,5 % der Gesamtbevölkerung). Zum Zeitpunkt des Anschlusses war im Gemeindehaus auch der fünfjährige Peter Stein wohnhaft, der 1942 mit neun Jahren in das Vernichtungslager Maly Trostinec (nahe Minsk) deportiert und dort am 18.9. ermordet wurde, also fast genau vor 80 Jahren.

An der Ecke Landstraße/Spittelwiese gedenkt ein Erinnerungszeichen an vier Holocaustopfer und drei Personen, die in die Flucht getrieben wurden, darunter das Ehepaar Bloch. Der Mediziner Dr. Eduard Bloch hatte ab 1901 eine Praxis in Linz und war Hausarzt von Adolf Hitlers Mutter, Klara Hitler, die 1907 an Brustkrebs verstarb. Nachdem er im November 1940 mit seiner Frau Emilie Bloch in die Vereinigten Staaten flüchtete, verstarb er dort fünf Jahre später.

Im Schillerpark und Volksgarten bzw. in deren Nähe befinden sich seit Mitte Juli vier Erinnerungszeichen, die insgesamt 37 jüdischen Linzer*innen gedenken:

  • Stele Schillerpark für die Wohnorte Landstraße 71 und Rainerstraße 10
  • Stele Volkgarten für die Wohnorte Stelzhamerstraße 2 und Ederstraße 10
  • Stele Figulystraße für die Wohnorte Beethovenstraße 18, Figulystraße 3, Gärtnerstraße 11, Volksgartenstraße 19
  • Stele Stockhofstraße für die Wohnorte Herrenstraße 48, Karl-Wiser-Straße 25 und Stockhofstraße 11 bzw. 48

Im Volksgarten an der Stelzhamerstraße gegenüber der Einmündung der Ederstraße ist das Gedenken an Karoline Gans, das Ehepaar Dr. Paul und Margarethe Lenk und Katharina Sternschein mit ihrem Sohn Josef, die alle 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort bzw. in Auschwitz oder Treblinka ermordet wurden, verortet. Die Familie Rudolf und Helene Schiller flüchteten mit ihrer zwanzigjährigen Tochter Edith nach 1939 nach Palästina, deren Nachkommen werden an der Feier teilnehmen.

Die Stele im Schillerpark, auf der Höhe des Hauses Landstraße 71-75, erinnert an Holocaustopfer, die überwiegend im Haus Landstraße 71 ihre zuletzt freiwillig gewählte Wohnadresse hatten. Unter ihnen Bernhard Schwarz und sein Sohn Walter, die beide nach Theresienstadt deportiert und dort bzw. in Auschwitz ermordet wurden. Bernhard Schwarz war Linzer Bildhauer, der das Bronzemedaillon mit dem Porträt des Industriellen Ludwig Hatschek gestaltete, das sich bei der Bauernberg-Parkanlage befindet.

Das Erinnerungszeichen am Beginn der Gärtner-/Figulystraße gedenkt u.a. dem Ehepaar Schwager, das – bis 1938 wohnhaft in der Volksgartenstraße 19 – mit zwei Söhnen vor der nationalsozialistischen Rassenverfolgung nach Palästina flüchtete. Einer von den beiden war der letzte vor dem Holocaust in Linz geborene Jude Joseph Michael Schwager, der später als israelischer Regisseur den Film „Bischofstraße 7“ (siehe Stele Bischofstraße) gestaltete. Sein Vater Dr. Karl Schwager, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, wurde bereits wenige Tage nach dem Anschluss in „Schutzhaft“ genommen. 

In der Figulystraße 3 lebte die Familie Emanuel und Mina Sand, die mit zwei Töchtern 1939 zuerst nach England und ein Jahr später in die USA flüchteten. Die erstgeborene Tochter war bereits mit Hermann Rubinstein verheiratet (Stele Bürgerstraße), mit dem sie nach Palästina floh. In den USA heirateten Lily und Melitta Sand zwei aus Linz geflüchtete Männer: Gustav Gans (siehe Stele Stockhofstraße) bzw. Rudolf Guttmann, Bruder von Josefine Buchwald (siehe Stele Gerstnerstraße), die wie ihr Mann Emil 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Auf dem Erinnerungszeichen nahe dem Kreisverkehr in der Stockhofstraße finden sich neben Gustav Gans sein Bruder Rudolf, der in den USA Grete Taussig heiratete (Stele Hauptstraße), seine Schwester Elisabeth mit ihrem Ehemann Erich und Schwiegervater Ignaz Bruckner sowie sein Schwager Oskar Sonn mit dessen Mutter Julie, der nach seiner Flucht in die USA Erna Gans heiratete. Von den untereinander verbundenen Familien Gans, Sand, Taussig, Sonn, Bruckner, Rubinstein und Guttmann werden zahlreiche Nachkommen wie die Töchter von Lily Sand und die Söhne von Gustav und Rudolf Gans mit deren Ehepartner*innen, Kindern und Enkelkindern aus den US-Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Illinois anreisen.

Im Neustadtviertel wurden ebenfalls vier Erinnerungszeichen errichtet:

  • Stele Bürgerstraße für die Wohnorte Bürgerstraße 7, 10, 46 und Schubertstraße 13
  • Stele Schillerstraße für die Wohnorte Schillerstraße 9, 23, 45 und 46
  • Stele Schubertstraße für die Wohnorte Schubertstraße 29 und 34
  • Stele Starhembergstraße für die Wohnorte Starhembergstraße 43, 44, 58 und Blumauerstraße 53

Eine besondere Würdigung erfährt die heutige Gedenkfeier durch die Teilnahme der letzten noch lebenden Zeitzeugin aus Linz, nämlich von Hanna Lowy (geb. Erika Hanna Rubinstein), der mit ihren Eltern Hermann und Edith Rubinstein und anderen Opfern der Shoah die Stele Bürgerstraße gewidmet ist. Sie reist gemeinsam mit Kindern und Enkelkindern aus Israel an.

Der Bruder von Hermann Rubinstein, Friedrich, wohnte mit seinen Eltern Sabine und Bernhard Rubinstein in der Schillerstraße 23, wo auch das Erinnerungszeichen für die in den Häusern Schillerstraße Nr. 9, 23, 45 und 46 lebenden Opfer errichtet wurde. Diese Stele gedenkt den Frauen Frieda Klein, Emilie May und Babette Hirschfeld, die alle 1942 deportiert und umgebracht wurden. Letztgenannte war die Großmutter von Marie Spitz (Stele Schubertstraße) und wurde 80jährig im Vernichtungslager Treblinka nordöstlich von Warschau ermordet.

Marie Spitz wuchs, nachdem ihre Mutter kurz nach der Geburt verstarb, in der Familie ihrer Tante Helene Hesky (geb. Hirschfeld) mit Onkel Ernst und Cousin Robert in der Schubertstraße 34 auf, wo ein Erinnerungszeichen diesen Fluchtopfern gedenkt. Nachdem die Zieheltern im September 1938 ein Notquartier in einem Anbau der Synagoge bezogen hatten, musste Marie Spitz während der Novemberpogromnacht den Brand der Linzer Synagoge miterleben. Erst als der Tempel schon in Brand stand, öffnete man der eingesperrten und vom Tod bedrohten Familie Hesky die Tür. Marie Spitz heiratete 1949 Jack Donner, gebar zwei Söhne, am 17. September 2020 verstarb sie in Kalifornien. Vor vier Jahren kam Marie Donner nach Linz zur Präsentation des Buches „Linz 1918/1938 – Jüdische Biografien“ von Verena Wagner, in dem auch ihr Leben erzählt wird. Ihr Sohn Michael ist bei der heutigen Gedenkfeier anwesend.

Das Haus gegenüber, Schubertstraße 29, das 1930 als Spende in den Besitz der Linzer Kultusgemeinde kam, stand ebenfalls als „Judenhaus“ mit Notunterkünften zur Verfügung. Dort lebte u.a. Moritz Mandel, Kantor, Religionslehrer und ab 1936 Schächter der Kultusgemeinde, mit seiner Frau Gisella und den beiden Kindern. Gisella Mandel und der sechsjährige Sohn Georg wurden 1942 von Wien aus zunächst nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Moritz Mandel flüchtet 1939 nach England, 1940 in die USA, wie die 1929 geborene Tochter Helene, die als zehnjährige aber zunächst nach Belgien flüchtete, dann ein Jahr später nach Frankreich kam, 1944 in die Schweiz und erst 1947 in die USA emigrierte. Ihre Tochter sowie ihr Sohn mit Familie sind von der US-Ostküste zur feierlichen Zeremonie nach Linz angereist.

Das Erinnerungszeichen in der Starhembergstraße gedenkt sieben Holocaust-Opfern, die in den Häusern Nr. 43 und 44 sowie 58 lebten und 1941 bzw. 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurden. Nachdem die SS die Lettinnen und Letten im Ghetto von Riga ermordet hatte, wurde ab 1941 das leere Ghetto mit Jüdinnen und Juden aufgefüllt, von denen viele auch aus Österreich stammten. Im nicht mehr existierenden Haus mit der Nr. Blumauerstraße 53 (nahe der heutigen Adresse 45a) lebten die Eltern von Gustav, Rudolf, Elisabeth und Erna Gans (Stele Stockhofstraße), Michael und Sabine Gans, die 1939 in die USA flüchteten.

Auch in Urfahr gedenken vier Erinnerungszeichen an jüdische Opfer des Nationalsozialismus: 

  • Stele Bernaschekplatz für die Wohnorte Rudolfstraße 9 und 11, Bernaschekplatz 7 und Neugasse 7
  • Stele Gestnerstraße für die Wohnorte Blütenstraße 24, Gerstnerstraße 16, Jahnstraße 10 und Sonnensteinstraße 7
  • Stele Hauptstraße für die Wohnorte Hauptstraße 55 und 63
  • Stele Hinsenkampplatz für die Wohnorte Hauptstraße 16 und 29, Rudolfstraße 6, 8

Die Stele am Bernaschekplatz, wo sich auch das Linzer Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus befindet, gedenkt sieben Linzer*innen. Dr. Ludwig Kubin wurde im Februar 1938 in den Selbstmord getrieben, alle weiteren Opfer wurden zwischen 1938 und 1942 in die Konzentrationslager Theresienstadt, Dachau, Litzmannstadt deportiert und dort bzw. im KZ Buchenwald ermordet. Nur eine von ihnen, Frau Martha Kulka, überlebte vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz. Sie hatte nach ihrer Rückkehr nach Linz eine zentrale Funktion in der Israelitischen Kultusgemeinde inne.

Die Stele in der Hauptstraße, zwischen den Wohnorten 55 und 63 an der Jägerstraße positioniert, gedenkt dem Ehepaar Karl und Hedwig Seligmann (geb. Klein), die 1942 in Izbica ermordet wurden. Nachkommen des nach Palästina geflohenen Sohnes Felix und der Familien Klein aus Deutschland, den USA und Kanada nehmen an der feierlichen Zeremonie in Linz teil. Familie Taussig flüchtete nach Enteignung vor weiteren Repressalien nach England bzw. Palästina und emigrierte in der Nachkriegszeit in die USA.

Die Stele am Hinsenkampplatz, nahe der Adresse Rudolfstraße 6 und der Lage der historischen Adresse „Hauptstraße 29“ errichtet, gedenkt sieben ermordeten Linzer Bürger*innen. Darunter finden sich Frau Friederike Spitz und ihre beiden Söhnen Alexander und Eduard, die einige Tage nach dem Anschluss, am 19.3.1938, in den Selbstmord getrieben wurden. In diesen ersten Tagen gab es eine erste Verhaftungswelle und Arisierungen von jüdischen Betrieben. Diese Stele erinnert auch an den ältesten Mann unter allen Linzer Holocaustopfern: Leopold Mostny, Jahrgang 1843 und wohnhaft in der Rudolfstraße 8, wurde 99-jährig nach Theresienstadt deportiert und in diesem Konzentrationslager am 6.10.1942 umgebracht. 

An der Ecke Gerstnerstraße und Reindlstraße ist der Standort einer Stele insbesondere im Gedenken an sieben Linzer*innen, die alle im Jahr 1942 deportiert und in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt sowie in den Ghettos von Izbica in Polen und von Minsk im heutigen Belarus ermordet wurden. 

Feierliche Zeremonie als Gedenkfeier für die Nachkommen mit Shira Karmon

Die feierliche Zeremonie beginnt am Donnerstag, 15.9., um 11 Uhr mit der Errichtung des 17. Erinnerungszeichens am Alten Markt – in Anwesenheit des israelischen Botschafters Mordechai Rodgold und der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Herman. Die Einweihung dieser Stele, stellvertretend für alle anderen errichteten Erinnerungszeichen, wird Oberrabbiner Jaron Engelmayer vornehmen. Anschließend erfolgt eine Gedenkfeier mit Nachkommen der Linzer Opfer der Shoah im Alten Rathaus.

Für die musikalische Gestaltung zeichnet die in Israel geborene und in Wien lebende Sopranistin Shira Karmon verantwortlich, die gemeinsam mit dem Gitarristen Antonis Vounelakos die Feiern mit jiddischen und hebräischen Liedern umrahmt. Als Abschlusslied wird sie das Ásma Asmáton (Lied der Lieder) aus der Mauthausen Kantate vortragen. Die 1966 uraufgeführte Mauthausen Kantate von Mikis Theodorakis (1925 – 2021) zählt zu den bekanntesten politischen Werken des griechischen Komponisten. Dieser Liederzyklus ist die Vertonung von vier Gedichten des Autors lacovos Kambanellis (1921 – 2011), die er 1963 über seine Erinnerungen an die Inhaftierung im KZ Mauthausen verfasste. Sie erzählen von der Liebe zu einer litauisch-jüdischen Frau inmitten der Gräueltaten, die beide im Lager erlebten – insbesondere das Hohelied, das Lied der Lieder.
Im Rahmen der Gedenkfeier im Alten Rathaus erhalten Nachkommen aller vertretenen Linzer Familien, deren Angehörige Opfer der Shoah wurden, als Erinnerung an dieses Gedenken eine Klingel, die Bürgermeister Luger gemeinsam mit Lehrlingen der voestalpine und Künstler Andreas Strauss überreichen wird. 

Am Nachmittag besuchen die Nachkommen in Begleitung von Verena Wagner, der wissenschaftlichen Kuratorin, die einzelnen Erinnerungszeichen in der Linzer Innenstadt und in Urfahr. Die Linz AG unterstützt diese Touren, indem sie einen Niederflurbus dafür zur Verfügung stellt. 

Gestaltungsidee von Andreas Strauss für eigenständiges Linzer Gedenken

Nach einstimmigen Beschluss im Gemeinderat wurde 2019 ein nationaler, geladener Wettbewerb ausgeschrieben, für den eine Wettbewerbsjury die Ausschreibungsunterlagen erarbeitete und Persönlichkeiten und Kollektive aus den Bereichen Bildende Kunst, Architektur bzw. Design für den Wettbewerb nominierte. Die zehnköpfige Jury hat sich für den Entwurf „Erinnern…“ mit dem Element der Klingel des Künstlers Andreas Strauss ausgesprochen. 

Der in Wels geborene Künstler Andreas Strauss lebt und arbeitet in Linz und Wien. Strauss studierte von 1996 bis 2004 in der Metallklasse bei Helmuth Gsöllpointner an der Kunstuniversität Linz. 2013 erhielt er den Kulturpreis des Landes Oberösterreich. Die Bandbreite seines Schaffens erkennt man unter anderem in seinen Arbeiten wie dasparkhotel – nicht-kommerzielle Übernachtungsmöglichkeiten (Ottensheim, Bernepark, Castrop-Rauxel) im öffentlichen Raum seit 2005, die Sandleitendatenbank – ein Audio-Denkmal, das im Ottakringer Gemeindebau die Geschichte der gewaltlosen Befreiung durch eine Widerstandsgruppe im Zweiten Weltkrieg erzählt, froebe – Gastfreundschaft am OK Platz, Multispace am Parkdeck 14 – ein Containerhafen als Kunstvermittlung und Aufenthaltsraum, uvm.

Zusammenarbeit mit dem Ausbildungszentrum der voestalpine und der GRAND GARAGE in der Tabakfabrik

Andreas Strauss entwickelte und fertigte gemeinsam mit Lehrlingen des Ausbildungszentrums der voestalpine in Linz die Klingeln der Linzer Erinnerungsstelen. Die voestalpine Steel Division ist der größte Lehrlings-Ausbildungsbetrieb Oberösterreichs – mit rund 400 Lehrlingen in 22 verschiedenen Lehrlingsberufen. Die Zusammenarbeit des Künstlers Andreas Strauss mit dem Ausbildungszentrum der voestalpine in Linz und insbesondere mit den angehenden Maschinenbautechniker*innen des Ausbildungszentrums war von Beginn an ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung und Umsetzung der Gestaltungsidee für die Erinnerungszeichen. Dank dieser Zusammenarbeit erhielt die Vermittlung des Projekthintergrundes und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zusätzlich eine wichtige Rolle. Dabei war auch das Zeitgeschichte MUSEUM der voestalpine eingebunden, das den NS-Zwangsarbeiter*innen am Standort Linz der ehemaligen Reichswerke Hermann Göring gewidmet ist. Die voestalpine stellte darüber hinaus Stahlbrammen als Fundamente für die Stelen im bebauten Innenstadtbereich zur Verfügung.
Alle Messingplatten für die Erinnerungszeichen wurden vom CNC-Team der GRAND GARAGE gefräst. Die GRAND GARAGE ist eine Werkstatt mit vielen Möglichkeiten mitten in der Tabakfabrik Linz, in der sich alles um Menschen, Wissen und Technologie dreht. Auf 3.100 Quadratmeter Fläche bietet sie über drei Stockwerke verteilt eine Bildungswerkstatt für junge Technologieinteressierte, in der lustvoll gelernt und experimentiert werden darf. Zugleich ist die GRAND GARAGE ein inspirierender Makerspace für großartige Ideen und innovative Projekte. 
Die Messingstelen samt Unterkonstruktion aus Edelstahl fertigt die Metallwerkstätte Hofstätter aus Gramastetten. Das Unternehmen METALLWERKSTÄTTE HOFSTÄTTER G.M.B.H., wurde von Josef Hofstätter gegründet, hat seinen Sitz in Gramastetten, einer Linzer Nachbargemeinde, und wird mittlerweile von Sohn Johannes Hofstätter geführt. Die Werkstätte be- und verarbeitet Stahl und Metalle und ist im Bereich Oberflächenbehandlung und Überzüge, Industrieller Hochbau, Stahlleichtbau und Baubeschläge präsent. Die Metallwerkstätte Hofstätter arbeitete schon vielfach mit Kunstschaffenden zusammen und hat bei der Realisierung außergewöhnlicher Projekte mitgewirkt.

Koordination des Gedenkprojektes durch die Direktion Kultur und Bildung

Der Gemeinderat der Stadt Linz beauftragte im Jänner 2019 die Direktion Kultur und Bildung sowie die Abteilung Linz Kultur Projekte mit der Realisierung und Koordination der Wettbewerbsdurchführung und anschließenden Umsetzung von Linzer Erinnerungszeichen, die permanent und personalisiert im öffentlichen Stadtraum den Linzer NS-Opfern gedenken. 
In sehr guter Zusammenarbeit erfolgten innerhalb des Magistrats die Vorbereitungsarbeiten mit den Abteilungen Straßenverwaltung und Verkehrsplanung sowie dem Archiv der Stadt Linz. Die Errichtung und Montage der Erinnerungszeichen wurde mit den Abteilungen Stadtgrün und Straßenbetreuung Nord und Mitte sowie Logistik und Technik, Bereich Straßenerhaltung, durchgeführt. 

Wissenschaftliche Datenrecherche von Verena Wagner und Website www.linzerinnert.at
In Abstimmung mit der Israelitischen Kultusgemeinde Linz und Nachkommen der Opfer recherchierte Verena Wagner im Auftrag der Stadt Linz zur Errichtung der Erinnerungszeichen die Daten aller jüdischen Linzer*innen, die vom nationalsozialistischen Regime deportiert und ermordet wurden. Auch Opfer, die in die Flucht oder in den Selbstmord getrieben wurden, sind dabei erfasst worden. 

Verena Wagner ist evangelische Theologin und arbeitet seit 2001 an der Erforschung der jüdischen Geschichte von Linz und Oberösterreich. Im Jahr 2008 veröffentlichte sie das zweibändige Werk „Jüdisches Leben in Linz 1849–1943“. Sie ist die Autorin der im Rahmen der zeitgeschichtlichen Publikationen des Archivs der Stadt Linz herausgegebenen Bücher „Jüdische Lebenswelten in Linz“ und „Linz 1918/1938 – Jüdische Biographien“. Im Zuge ihrer Forschungen knüpfte sie Kontakte zu Überlebenden der Shoah sowie deren Nachkommen. Sie befragte Zeitzeug*innen u. a. in Israel, Großbritannien, den USA und Australien.

Die vom Studio WHY gestaltete Website www.linzerinnert.at zeigt die Standorte der errichteten Erinnerungszeichen und informiert über die darauf verzeichneten Linzer*innen. Im Laufe des Jahres werden sukzessive diese Stelen mit Fotos auch in die Denkmaldatenbank der Stadt Linz aufgenommen.

Förderung durch Nationalfonds und Zukunftsfonds der Republik Österreich

Diese von der Stadt Linz finanzierten Gedenkstelen werden darüber hinaus mit einer Förderung unterstützt: vom 1995 gegründeten Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie vom Zukunftsfonds der Republik Österreich (ÖZF), der seit 2005 im Gedenken an die Opfer des NS-Regimes, zur Bekämpfung jeder Form von Antisemitismus und Rassismus sowie zur Wahrung von Demokratie und Menschenrechte tätig ist.

(Informationsunterlage zur Pressekonferenz mit Bürgermeister Klaus Luger, Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer und Stadträtin Mag.a Eva Schobesberger zur Errichtung von 17 Erinnerungszeichen für Linzer Opfer des Nationalsozialismus und zur feierlichen Zeremonie)

Weitere Gesprächspartner*innen:
Mag.art Andreas Strauss, Künstler
Dr.in Charlotte Herman, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz
Dr. Julius Stieber, Direktor Kultur und Bildung
Mag.a Gerda Forstner, Linz Kultur Projekte

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