Studienergebnisse: Sprachbildung und Sprachförderung in den Kindergärten Vizebürgermeisterin Hörzing: „Sprachförderung auf sehr hohem Niveau konsequent weiterentwickeln“
1. Einleitung und Zielsetzung der Studie
Die Stadt Linz gilt in Österreich als Vorreiterin einer zukunftsorientierten Kinderbildungs- und Betreuungspolitik. Sie engagiert sich seit Jahren für eine hochwertige frühkindliche Bildung und ist sich der Bedeutung dieser Phase als Grundlage für spätere Bildungserfolge bewusst. Mit erheblichen Investitionen und einem starken Fokus auf Sprachförderung und Integration unterstreicht Linz das Ziel, jedem Kind gleiche Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Trotz intensiver Anstrengungen zeigen sich auch in Linz Entwicklungen, die dem österreichweiten Trend entsprechen: es verlassen Kinder den Kindergarten mit Deutschkenntnissen, die für einen weiteren erfolgreichen Bildungsweg noch nicht ausreichend sind. Um diesem Umstand systematisch entgegenzuwirken, hat die Stadt Linz die Expertin Frau Prof.in Dr.in Marion Döll von der Europa-Universität Flensburg (vormals Pädagogische Hochschule (PH) OÖ) mit einer wissenschaftlichen Studie zur Evaluation und Optimierung der Sprachfördermaßnahmen in städtischen Kindergärten beauftragt.
„Sprache ist der Schlüssel zu Bildung und Chancengleichheit. Daher setzen wir uns in Linz mit aller Kraft für eine qualitativ hochwertige und inklusive Sprachförderung ein. Diese Studie hilft uns, zu verstehen, warum trotz großer Bemühungen doch Kinder sprachlich nicht den gewünschten Fortschritt machen – und wie wir ihnen künftig noch besser helfen können. Die Ergebnisse der Studie zeigen: Linz ist auf einem guten Weg – es gibt aber Verbesserungspotential“, erklärt Vizebürgermeisterin Karin Hörzing.
„Das sprachförderliche Handeln bzw. die Umsetzung der Sprachförderung in den Kindergärten ist vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Ressourcen als gut zu beurteilen. Die Pädagog*innen sind gut in der Lage, kindgerechte interaktionsfördernde Umgebungen zu schaffen, der Umgang mit den sprachlichen Äußerungen der Kinder ist wertschätzend und den Spracherwerb hemmende Praxen sind äußerst selten“, so die Studienleiterin Prof.in Dr.in Döll.
„Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahren besonders empfänglich sind für das Erlernen neuer Sprachen. In dieser Zeit können sie spielerisch und intuitiv Sprachstrukturen aufnehmen. Dank unserer engagierten Mitarbeiter*innen stellen wir sicher, dass unsere Kinder die bestmöglichen Voraussetzungen für ihre sprachliche und persönliche Entwicklung erhalten. Die Studienergebnisse unterstützen uns in der Weiterentwicklung unserer Angebote für die Kinder und auch für unsere Mitarbeiter*innen“, so Daniel Hagendorf, Geschäftsführer der Kinder- und Jugend-Services.
2. Ablauf der Studie
Die Studie „Sprachbildung und Sprachförderung in Linzer Kindergärten“ startete im Herbst 2023 und umfasst eine Reihe von qualitativen und quantitativen Untersuchungen, die in verschiedenen Erhebungswellen durchgeführt wurden. In der ersten Erhebungswelle wurden von Oktober bis Dezember 2023 mittels standardisierter Verfahren wie HAVAS 5 und LiSe-DaZ die Deutschkompetenzen von Kindern festgestellt. In der zweiten Erhebungswelle von Mai bis Juli 2024 wurden die Fortschritte der Kinder in ihrer Sprachentwicklung gemessen. Insgesamt wurden Daten von rund 200 Kindern zu beiden Zeitpunkten erfasst.
Im Sommer und Herbst 2024 folgten umfangreiche Beobachtungen der Sprachförderarbeit in Kindergärten. Dabei wurden durch über 1.000 sogenannte „Language Interaction Snapshots“ Interaktionen zwischen Pädagog*innen und Kindern erfasst und analysiert. Zusätzlich wurden die Qualität und Differenziertheit der individuellen Sprachförderpläne sowie die Aussagekraft der von den Pädagog*innen durchgeführten Sprachstandserhebungen geprüft. Ergänzt wurden diese Erhebungen durch eine Befragung der Pädagog*innen und Einrichtungsleitungen zu Rahmenbedingungen und Umsetzungen der Sprachförderung. Bis Mai 2025 wurden die Daten zusammengefasst, ausgewertet sowie anschließend der zugehörige Bericht der Studie verfasst.
3. Wesentliche Erkenntnisse der Studie
Die Auswertung der Daten zeigt, dass nahezu alle Kinder, die sich in Sprachförderungsmaßnahmen befinden, signifikante Fortschritte in ihrer Sprachentwicklung im Deutschen gemacht haben. Besonders groß sind die Lernzuwächse bei Kindern, die zu Beginn der Untersuchung noch geringe Deutschkenntnisse hatten. Der Wortschatz hat sich bei den meisten Kindern erfreulich positiv entwickelt. Gleichzeitig gibt es jedoch einzelne Kinder, die auch am Ende des letzten Kindergartenjahres kaum sprechen.
Zum zweiten Messzeitpunkt der Studie erfüllten 44,6 Prozent jener Kinder, die sich in Sprachförderungsmaßnahmen befinden, die Kriterien, um im Rahmen der Schuleinschreibung als „ordentliche Schüler*innen“ geführt zu werden. Aus Sicht der Studienleitung ist dies angesichts der Ausgangslage ein gutes Ergebnis. Fast die Hälfte der sprachförderbedürftigen Kinder hat so große Fortschritte gemacht, dass sie die schulischen Anforderungen erfüllen können.
„Rund die Hälfte der Kinder, die zu Beginn der Messung Sprachförderbedarf aufwiesen, wurden durch unsere Pädagog*innen so zielgerecht gefördert, dass sie zu Schulbeginn als Regelschüler*innen beginnen können. Das zeigt einerseits, wie hochqualitativ die Arbeit der Pädagog*innen ist. Andererseits zeigt es aber auch die Limitationen - auch die Eltern sind in besonderem Ausmaß gefordert, alles zu unternehmen, dass ihre Kinder Deutsch lernen“, konkludiert Vizebürgermeisterin Hörzing.
Die Rahmenbedingungen in den Einrichtungen wirken sich differenziert auf den Spracherwerb aus. Ein hoher Anteil von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache hat keinen negativen Einfluss auf die Sprachentwicklung – im Gegenteil: Pädagog*innen in diesen Gruppen sind oft besonders gut auf die Herausforderungen vorbereitet.
Kinder, die in Kleingruppen von bis zu drei Kindern gefördert wurden, erzielen die besten Fortschritte. In diesen Settings ist eine individuellere Betreuung möglich und die Kinder kommen öfter zum Sprechen. Generell ist der Redeanteil der Pädagog*innen in der Sprachförderung deutlich höher als jener der Kinder.
Prof.in Dr.in Döll führt hierzu aus: „Die Kinder unserer repräsentativen Stichprobe haben im Verlauf der Studie beim Verstehen und aktiven Verwenden der deutschen Sprache beachtliche Fortschritte gemacht. Es fällt jedoch auf, dass es vielen Kindern nur eingeschränkt gelingt, ihre guten Wortschatz- und Grammatikkenntnisse in eine äquivalente Ausdrucks- und Erzählfähigkeit zu überführen. Unsere Beobachtungen im Kindergartenalltag legen nahe, dass die Kinder nur wenig Sprechroutine im Deutschen entwickeln können, da ihre Redeanteile vergleichsweise gering sind. Zur Verbesserung der Sprachhandlungsfähigkeit sollten daher die Redeanteile der Kinder gesteigert werden.“
Die Sprachförderung gelingt besonders gut, wenn passende methodisch-didaktische Ansätze verfolgt werden. In Einrichtungen, in denen Sprachförderung bewusst geplant und pädagogisch durchdacht umgesetzt wird, sind die Fortschritte am größten. Reine Aktivitäten wie Ausflüge oder Bilderbuchbetrachtungen zeigen weniger Wirkung, wenn sie nicht gezielt sprachdidaktisch aufbereitet werden.
Ein auffälliges Ergebnis betrifft die Qualifikation der Pädagog*innen: Kinder in Einrichtungen mit sprachwissenschaftlich qualifiziertem Personal machen nicht die größten Fortschritte. Vielmehr profitieren Kinder von pädagogisch versiertem Personal, bei dem die Beziehung zum Kind, Empathie und pädagogisches Feingefühl im Vordergrund stehen.
Auch der regelmäßige Austausch zwischen Pädagog*innen verschiedener Einrichtungen im Rahmen eines „Praxisaustauschs“ steht in positivem Zusammenhang mit den Sprachfortschritten der Kinder. Entsprechende Austauschformate sollten ausgebaut und als Multiplikatorenmodell genutzt werden.
Die Validität der von den Pädagog*innen durchgeführten Sprachstandserhebungen mit BESK KOMPAKT liegt auf einem insgesamt befriedigenden Niveau. Allerdings zeigt sich, dass besonders sprachkompetente Kinder mit diesem Instrument nicht mehr adäquat erfasst und ihre sprachlichen Fähigkeiten unterschätzt werden. Eine Ausdifferenzierung des Verfahrens – etwa entlang der Skalen von HAVAS 5 – wird empfohlen.
4. Empfehlungen und Ausblick
Die Ergebnisse der Studie liefern klare Anhaltspunkte, wo Sprachförderung in Linz bereits gut gelingt – und wo gezielte Verbesserungen notwendig sind. Grundlegend sind sowohl eine Reduktion der Gruppengrößen in der Sprachförderung als auch eine generelle Verbesserung des Personalschlüssels in den Kindergärten anzudenken. Diese Notwendigkeit gilt nicht nur für Linz, sondern für ganz Österreich. Allerdings zeigt die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt deutlich, dass weder die eine noch die andere Maßnahme flächendeckend umsetzbar ist. Die Kinder- und Jugend-Services der Stadt Linz setzen bereits zahlreiche Initiativen zur Personalgewinnung, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem AMS und verschiedenen Ausbildungsvereinen. Trotz dieser intensiven Bemühungen bleibt die angespannte Fachkräftesituation eine erhebliche Herausforderung.
Aus den Erkenntnissen subsumiert Studienleiterin Prof.in Dr.in Döll darüber hinaus folgende Empfehlungen an Einrichtungen bzw. Politik:
Auf Ebene der Einrichtungen:
- Erhöhung der kindlichen Redeanteile in den Sprachfördergruppen und im Kindergartenalltag
- Stärkere diagnostische Fundierung der Sprachförderung und Erweiterung des sprachdidaktisch-methodischen Repertoires in den Einrichtungen
- Entwicklung standortspezifischer Förderkonzepte auf Basis der Sprachstandserhebungen
- Verbesserung der Zusammenarbeit mit Sonderpädagogik und Psychologie bei stagnierenden Einzelfällen
Auf Ebene der Stadt und Bildungspolitik:
- Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung des Niveaumodells von BESK-KOMPAKT
- Ausbau praxisorientierter Weiterbildungsangebote mit Fokus auf Sprachdidaktik sowie sprachdiagnostisch fundierte Sprachförderplanung
- Ausbau von Austauschformaten für Pädagog*innen
„Wir sind auf einem guten Weg – und wir sehen auch ganz klar, wo wir noch besser werden können. Die Studie zeigt uns, dass der Linzer Weg in der Kinderbildung und -betreuung der richtige ist. Auch im Vergleich zu anderen Städten und Gemeinden sind die Linzer Einrichtungen absolut Top und österreichweit Benchmark. Mein großer Dank gilt allen Pädagog*innen und Mitarbeiter*innen der KJS, die diese guten Ergebnisse erst möglich gemacht haben. Ebenso bedanke ich mich sehr herzlich bei Prof.in Dr.in Döll und ihrem Team für die Zusammenarbeit sowie die Ausarbeitung der Studie, die einen wesentlichen Meilenstein in der Weiterentwicklung der Sprachförderung darstellt“, betont Vizebürgermeisterin Karin Hörzing.
(Informationsunterlage zur Pressekonferenz mit Sozialreferentin Vizebürgermeisterin Karin Hörzing zum Thema: „Studienergebnisse: Sprachbildung und Sprachförderung in den Kindergärten der Stadt Linz“)
Weitere Gesprächspartner*innen:
Prof.in Dr.in Marion Döll von der Europa-Universität Flensburg
Daniel Hagendorf, MA, Direktor Kinder- und Jugend-Services
Fotos
- Druckdatei (JPEG | 1,38 MB) 43 x 33 cm mit 300 dpi Foto: Stadt Linz
V.l.: Daniel Hagendorf, MA, Prof.in Dr.in Marion Döll, Sozialreferentin Vizebürgermeisterin Karin Hörzing
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